Florian Reifschneider ist Alumnus der Goethe-Universität. Er hat Informatik studiert und ist Mitgründer des Software-Unternehmens Rocketloop.

Herr Reifschneider, hat Sie der weltweite Erfolg Ihrer Kampagne #StayTheFuckHome überrascht?

Der Link zu staythefuckhome.com wurde bisher jeweils etwas über 1.000.000 mal auf Facebook und Twitter geteilt. Pro Tag verzeichnen wir momentan tausende Nutzer auf der Seite. Insgesamt haben wir mittlerweile mehr als 3,7 Millionen Seitenaufrufe. Basierend auf dem Feedback, das wir erhalten haben, spielen eine Reihe von Faktoren zusammen: Das #StayTheFuckHome-Manifest war eine der ersten kompakten Zusammenfassungen der aktuellen Faktenlage zur SARS-CoV-2 Pandemie, die gleichzeitig auch eine Reihe von praktischen Maßnahmen bereitstellte, mit der jeder seinen Beitrag zur Verlangsamung des Ausbruchs leisten kann. Das Bedürfnis schnell zu handeln, um eine Situation, wie in China und Italien noch abzuwenden, war auf sozialen Medien bereits Anfang letzter Woche zu lesen und die Bewegung fasste das schlussendlich nur zusammen. Die drastische Sprache und das “F-Wort” untermauerte dabei die Dringlichkeit, die viele nicht in dem Handeln der Politik widergespiegelt sahen. 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, gab es dafür einen persönlichen Anlass?

Anfang Januar begann ich den SARS-CoV-2 Ausbruch zu verfolgen. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur wenige bestätigte Fälle aus Wuhan in China. Die rasche Ausbreitung hat mir in den letzten Wochen große Sorgen bereitet, insbesondere, seitdem Anfang Februar die ersten Fälle außerhalb von China bekannt wurden. Im Laufe des Februars begann ich zunächst meine Freunde und Kollegen bei Rocketloop auf die Gefahr, die von einem solch infektiösen Virus ausgeht, hinzuweisen. Gerade am Anfang war das schwer, weil sich natürlich keiner vorstellen möchte, dass eine Krankheit aus China so schnell eine reale Bedrohung im Alltag darstellen kann. In dieser Zeit begann ich die Informationen zusammenzutragen, die ich auf der #StayTheFuckHome Webseite zusammengefasst habe. Nachdem ich mein direktes Umfeld überzeugt hatte, aber immer noch merkte, dass viele das Thema nicht ernst nehmen, habe ich die Bewegung ins Leben gerufen, in der Hoffnung, so noch mehr Menschen erreichen zu können. Motiviert haben mich in erster Linie zwei Aspekte: Einige meiner Familienmitglieder gehören Gruppen an, die bei einer COVID-19 Erkrankung besonders hohen Risiken ausgesetzt sind und ich mache mir einfach Sorgen um sie. Darüber hinaus beschäftigen wir uns bei Rocketloop täglich mit der Modellierung von Vorhersagen und Simulationen komplexer Systeme. Derartige Modelle zeigen auch, dass die Reduzierung von Kontaktpunkten zwischen Menschen die effektivste Maßnahme gegen eine schnelle Verbreitung von SARS-CoV-2 darstellt. 

Es wird gerade kritisiert, dass noch zu viele Menschen die Gefahr einer Ansteckung unterschätzen und sich weiterhin mit anderen treffen. Würden Sie eine Ausgangssperre befürworten?

Wir sind uns alle einig, dass Panik das Letzte ist, was wir gerade brauchen. Was allerdings passieren kann, wenn erst zu spät Maßnahmen ergriffen werden, sehen wir momentan in Italien. Das Land mit dem weltweit achthöchsten Bruttoinlandsprodukt war schon zum Beginn der Bewegung komplett lahmgelegt und die Regierung hatte eine Zwangs-Quarantäne verhängt. Persönlich befürworte ich die schwächste Form von Einschränkungen, die es schafft, die Geschwindigkeit der Weiterverbreitung hinreichend zu reduzieren. In einer idealen Welt hätten eine Selbst-Quarantäne und Vernunft ausgereicht, aber wir haben nun selbst gesehen, dass das leider nicht ausreicht. Was wir aber auch nicht vergessen dürfen, ist, dass wir Maßnahmen, z.B. zur Auswertung von Mobilfunkdaten, später wahrscheinlich nicht einfach zurückrollen werden. Es ist wichtig, dass die getroffenen Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie mit den wahrscheinlich langfristigen Einschnitten in unsere Freiheitsrechte abgewägt werden.

Sie sind Mitgründer des Software-Unternehmens Rocketloop. Wie wirken sich die Einschränkungen im öffentlichen Leben auf das Arbeitsleben aus, sind Sie dafür gewappnet?

Ich bin einer von drei Gründern von Rocketloop und dort als CTO für Machine Learning und Software Engineering verantwortlich. Für unsere Kunden digitalisieren und automatisieren wir komplexe Unternehmensprozesse, bisher ausschließlich als Individuallösungen. Wir haben seit ca. Mitte Februar alle Mitarbeiter/innen aufgefordert, aus dem Home Office zu arbeiten und versucht, alle anderen Termine per Telefon und Video-Call wahrzunehmen. Für uns war die Umstellung allerdings auch besonders leicht. Dadurch, dass ich selbst mindestens die Hälfte des Jahres in den USA lebe und Remote Arbeit bei uns Gang und Gäbe ist, war die Umstellung nicht all zu groß. Die nächsten Monate müssen jetzt zeigen, welchen Einfluss SARS-CoV-2 auf unsere Bestands- und Neukunden, und so auch für unsere Auftragslage hat.

Sie haben bereits in Ihrem Studium an der Goethe-Universität Studentica, ein Online-Netzwerk von Studierenden für Studierende, gegründet. Werden die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung und Kollaboration in Deutschland noch nicht ausreichend genutzt, könnte die aktuelle Corona-Krise daran etwas ändern?

Ich kann nur für meine eigene Branche sprechen, alles andere wäre anmaßend. Meine Erfahrung und der Austausch mit Kunden hat mir gezeigt, dass Unternehmen, die sich mit Data Science und Digitalisierung beschäftigen, grundsätzlich gut aufgestellt sind. Hier ist der Einsatz von Chat-Tools und Videokonferenzen normal und die Prozesse sind bereits für dezentrales Arbeiten ausgerichtet. Allerdings dauert es ein bisschen, bis man sich ohne Präsenzarbeit eingespielt hat. Das mussten wir auch erst lernen. Unternehmen, bei denen in der Vergangenheit Home Office unüblich war, werden sich jetzt auch erstmal schwertun. Im Privaten beobachte ich gerade, dass die digitalen Kontakte über Whatsapp, Skype und so weiter stark zunehmen. Je nachdem, wie lange die aktuelle Situation bestehen bleibt, kann ich mir vorstellen, dass das langfristige Konsequenzen haben wird. Wenn wir uns daran gewöhnen, unseren Freunden und Verwandten öfter nur per Video Call nah zu sein, ist das aber natürlich nicht zwingend eine negative Entwicklung.

Die Fragen stellte Dirk Frank.