Nachrufe auf den Religionsphilosophen Thomas M. Schmidt

Vernünftige Freiheit? Religion in der sich auflösenden Moderne

Von Matthias Lutz-Bachmann

Am Morgen des 31.12.2025 ist für viele von uns gänzlich unerwartet der Frankfurter Religionsphilosoph Thomas M. Schmidt nach einer kurzen, aber schweren Erkrankung im Alter von 65 Jahren verstorben. Damit verliert die religionsphilosophische Debatte der Gegenwart, nicht nur in Deutschland, einen ihrer profiliertesten Vertreter, zumal im Blick auf eine in jüngster Zeit virulente Diskussion.

Thomas Schmidt vertrat systematisch eine Religionsphilosophie, die sich an der Philosophie Hegels sowie der Weiterentwicklung hegelianischer Motive in der Philosophie des Pragmatismus orientierte und somit die Frage nach der Religion im Kontext einer Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen der Moderne thematisierte. Dies verbindet seinen Beitrag zur religionsphilosophischen Debatte mit der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas, bei dem er, nach dem Studium der Katholischen Theologie an der Phil.-theol. Hochschule St. Georgen in Frankfurt, mit seiner hervorragenden Dissertation mit dem Titel: „Anerkennung und absolute Religion. Formierung der Gesellschaftstheorie und Genese der spekulativen Religionsphilosophie Hegels“ in den neunziger Jahren des 20.Jahrhunderts an der Goethe Universität promoviert wurde. Nach einer Assistentenzeit bei dem Frankfurter Religionsphilosophen Hermann Schrödter am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe Universität folgten Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie sowie ein erster Ruf auf eine Professur an der California State University, Long Beach. Ab 2003 lehrte Thomas Schmidt als Nachfolger von Hermann Schrödter auf der Professur für Religionsphilosophie im Fachbereich Katholische Theologie der Goethe Universität. Gleichzeitig war er am Institut für Philosophie der Frankfurter Universität kooptiert. Viele Jahre war er zugleich als Geschäftsführender Direktor des in den neunziger Jahren gegründeten „Zentrums für religionsphilosophische Forschung“ der Universität tätig, an dem anfänglich so profilierte Religionsphilosophen und Theologen wie Hermann Deuser, Hermann Schrödter, Alfred Schmidt, Michael Moxter und Siegfried Wiedenhofer tätig waren, aber auch Heiko Schulz oder Christoph Menke sowie Christian Wiese, der als Inhaber der Professur für Jüdische Religionsphilosophie am Fachbereich Evangelische Theologie für die Goethe Universität erst kürzlich das LOEWE-Zentrum „Dynamiken des Religiösen“ eingeworben hat, das mit dem 1.1.2026 seine Arbeit aufnimmt.

Im Kontext dieser dichten religionsphilosophischen Forschungslandschaft an der Goethe Universität entwickelte Thomas Schmidt in beständiger Kommunikation mit Jürgen Habermas sowie in Auseinandersetzung mit John Rawls, Robert Audi, Nicholas Woltersdorff, José Casanova oder Philipp Clayton eine Religionstheorie, die die Position eines vernünftigen Pluralismus moderner Gesellschaften im Sinn der Diskurstheorie mit der Annahme der Vernünftigkeit und somit einer rationalen Legitimität des religiösen Glaubens zu verbinden versuchte. Thomas Schmidt nahm so auf seine Weise die von Habermas vertretene These auf, dass eine selbstkritisch aufgeklärte Philosophie heute gegenüber der gelebten Religion die Haltung einer „post-säkularen“ Einstellung einnehmen müsse, die mit einer „säkularistischen“ Negation religiöser Wahrheitsansprüche nicht vereinbar ist, wie sie vormals aus der Haltung eines unkritischen, weil selbstwidersprüchlichen Szientismus heraus vertreten wurde.

Die an Hegel anschließende pragmatistische Deutung religiöser Aussagen hat allerdings die Einstellung, tendenziell von dem besonderen Gehalt des religiösen Glaubens abzusehen und ihr Interesse auf vermeintlich religionsspezifische Formen menschlicher „Praktiken“ zu fokussieren wie z.B. auf das, was im Anschluss an Friedrich Schleiermacher oder  William James „religiöse Erfahrung“ genannt wird, oder auf Haltungen, die einen vagen Transzendenzbezug indizieren wie etwa der Habitus des menschlichen Hoffens. Anders als im Fall der Transzendentalphilosophie Kants, die an die Tradition der Metaphysik in ihrer Theorie der praktischen Vernunft anschließt und genau aus diesem Grund mit einem vernünftigen „Begriff Gottes“ sowie einem positiven Begriff menschlicher Freiheit und der Unsterblichkeit der menschlichen Seele argumentiert, in denen im Übrigen die unantastbare Würde eines jeden Menschen sowie die Bestimmung der Menschheit als ein Selbstzweck begründet sind, steht die pragmatistische Auslegung der Religionsphilosophie Hegels in der Gefahr einer Auflösung gerade derjenigen Bestimmungen, die für den religiösen Glauben und dessen Rolle für die Haltung der Hoffnung und die Praxis der Liebe konstitutiv sind. Diese Beobachtung hat jedenfalls Jürgen Habermas seinerseits in der Festschrift für Thomas Schmidt zu dessen 65. Geburtstag im Sommer 2025 geäußert. Inwieweit diese Beobachtung zutrifft und vor allem als ein philosophischer Einwand berechtigt ist, darüber ist seit Herbst 2025 eine heftige Debatte entflammt, in der Thomas Schmidt nun leider nicht mehr Stellung nehmen kann.

Sie mag am Ende zu der Einsicht führen, in der ich mich auch mit Thomas Schmidt einig weiß, dass eine Religionsphilosophie nur dann auf Dauer überzeugend von ihrem besonderen Gegenstand sprechen kann, wenn sie in der Lage ist, mit den Mitteln der Philosophie einen „Begriff Gottes“ so zu denken, dass dessen Wirklichkeit semantisch nicht auf die Praktiken religiös motivierter Menschen reduziert wird; denn genau dann bliebe ungeklärt, worin denn das Besondere von Religion bestehen soll und was es heißt, einen legitimen Anspruch auf Wahrheitseinsicht für die Aussagen des religiösen Glaubens, Hoffens und Lebens zu erheben. Und auch nur dann können wir auch im Blick auf das Spezifische der religiösen Praxis von einer „vernünftigen Freiheit“ der Menschen sprechen.

Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann lehrt und forscht am Institut für Philosophie der Goethe-Universität mit den Schwerpunkten der Philosophie des Mittelalters, der Praktischen Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Politischen Philosophie und Ethik, der Religionsphilosophie und der Kritischen Theorie.

Wir trauern um Thomas M. Schmidt

Von Rainer Forst

Mit Thomas M. Schmidt, der am letzten Tag des Jahres 2025 verstorben ist, in dem wir erst wenige Monate zuvor seinen 65. Geburtstag mit einem Symposium begingen, verlieren wir einen der großen Religionsphilosophen unserer Zeit. Sein jäher Tod reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Forschenden, die wie er zu verstehen suchen, was die Rolle der Religion in den säkularen Gesellschaften unserer Zeit ist und sein kann. Zugleich wird er als der wunderbare Mensch fehlen, der er war.

Anhand seiner Leitfrage nach der Gestalt der Religion in der Moderne setzte er sich mit großen Denkern wie Hegel, Rawls und nicht zuletzt Jürgen Habermas intensiv auseinander, wie dessen Beitrag in der jüngst erschienenen Festschrift für Thomas Schmidt, „Den Diskurs bestreiten“, zeigt. Schmidts Werk steht exemplarisch für den auf höchstem philosophischem Niveau argumentierenden Versuch, sich nicht mit einer klassischen Arbeitsteilung zwischen Glauben und Wissen, akademisch Theologie und Philosophie, zufrieden zu geben, die diese komplementär versteht – das an Wahrheit und Vernunft orientierte Wissen hier, der Glaube dort, der sich eine eigene Wahrheitswelt schafft, ohne sie epistemisch ausweisen zu können. Um solchen Ausweis aber war es Schmidt zu tun, schon seit seiner großartigen Frankfurter Dissertation 1995 über Hegels Religionsphilosophie, „Anerkennung und absolute Religion“, die beim aporetischen Befund der Jugendschriften einsetzt und sich weigert, ihn im Blick auf das Spätwerk zu überwinden.

Das Thema Vernunft und Religion hat ihn nie mehr losgelassen, und in immer neuen Wendungen näherte er sich ihm, auch in seiner nächsten Schaffensphase der Habilitation über den politischen Liberalismus von Rawls und der sich anschließenden Professur an der California State University in Long Beach, von wo er 2003 an seine Alma Mater auf die Professur für Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie zurückberufen wurde.

Thomas Schmidt gehörte seit seiner Gründung dem Exzellenzcluster Normative Ordnungen an, in dessen Kontext er eine Religionsphilosophie entfaltete, die an dem rationalen Anspruch einer Religion festhält, die sich zwar als Glaube versteht, dabei aber auch weiß, dass sie das Wissen von etwas Transempirischem widerspruchsfrei in ein Netzwerk von Begründungen integrieren können muss: „Der religiöse Glaube ist daher von diskursivem, mit Gründen operierendem Wissen zwar unterschieden, aber nicht prinzipiell getrennt,“ heißt es in einer wichtigen Schrift dazu. Der Glaube steht Schmidt zufolge stets in Kontexten intersubjektiver Rechtfertigung, und dort erhält er seine spezifische Prägung, bleibt aber Teil des, hegelianisch gesprochen, vernünftigen Geistes. Daraus ergibt sich das spannungsreiche, aber letztlich integrative Verständnis von Religionsphilosophie und Theologie, das Thomas Schmidt entwickelt hat.

In seinen Forschungen seither hat sich Schmidt mit verschiedenen Theoremen der säkularen oder „post-säkularen“ Gesellschaft auseinandergesetzt. Dabei spielte der Dialog mit Jürgen Habermas‘ religionsphilosophischen Überlegungen bis hin zu dessen Magnum Opus „Auch eine Geschichte“ eine ebenso große Rolle wie die Interpretation des späten Rawls. Daraus sind viele wichtige Werke entstanden, etwa das umfassende Rawls-Handbuch, das Schmidt mit den Kollegen Frühbauer, Reder und Roseneck herausgab. Seit seiner Habilitation erarbeitete Thomas Schmidt eine spezifische Theorie über das Verhältnis einer autonom vernunftbegründeten Theorie der Gerechtigkeit zu den von Rawls so bezeichneten „reasonable comprehensive doctrines“. Schmidt schaltete sich dabei (auch in einer Reihe von Konferenzen in Frankfurt) in eine Debatte ein, die nicht nur in den USA intensiv ablief.

Wichtige Früchte seiner Arbeit konnte Thomas Schmidt zu unserer großen Freude ernten, als ihm im Juli des letzten Jahres anlässlich seines Geburtstags von seinen SchülerInnen Roseneck, Langner-Pitschmann und Müller die bereits erwähnte Festschrift übergeben und zahlreiche Vorträge gehalten wurden, auf die er spontan ebenso scharfsinnig wie großzügig antwortete. Er war ein Meister der Dialektik, die sich im direkten Diskurs entfaltet, und dabei blieb er immer ein sensibler Mensch, der verstand, worauf es anderen ankam. Leben und Lehre dieses großartigen Denkers wurden zu einer Einheit, und wenn er die Religion als „Differenzbewusstsein“ charakterisierte, das zugleich ihr Eigenes festhält und doch all die normativen Ordnungen, die in modernen Gesellschaften aufeinandertreffen, unterscheiden und zusammendenken kann, dann war er in seinem Element.

Seine Stimme wird fehlen – als die eines einzigartigen Gelehrten, als die eines Vermittlers komplexen Wissens, das er klar auf den Begriff brachte, als die eines Menschen, der anderen stets größten Respekt und Wärme entgegenbrachte. Und nicht selten löste sich ein kompliziertes Problem in einem Lachen auf, das ansteckte.

Wenn ich diese persönliche Note hinzufügen darf, verliere ich mit seinem so plötzlichen, unbegreiflichen Tod einen unersetzbaren Freund aus alten Studientagen in der Dantestraße, auf den ich stets zählen konnte, worum immer es ging, ob es ein persönlicher Rat war, die Frage, wie die Eintracht sich diese Saison schlagen würde, oder um die theologischen Bedeutungen des Begriffs der Rechtfertigung.

Ein in jeder Hinsicht besonderer Mensch ist von uns gegangen, und wir werden ihn ebenso vermissen wie uns seiner mit größter Wertschätzung erinnern.

Prof. Dr. Rainer Forst ist Professor für Politische Theorie und Philosophie am Institut für Politikwissenschaft des Fachbereich Gesellschaftswissenschaften sowie am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt.

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