Vor zehn Jahren startete das Mercator Science-Policy Fellowship-Programm an den Rhein-Main-Universitäten. Das Transferprojekt bringt Wissenschaftler*innen mit Expert*innen aus Politik und Verwaltung in den Austausch. Ende Januar konnten die Fellows an gleich fünf Veranstaltungen innerhalb einer Woche teilnehmen (ausführliche Infos dazu im Beitrag „Den Austausch zwischen Wissenschaft und Policy-Welt systematisch fördern“). Und bei der Abschlussveranstaltung am 29. Januar wurde deutlich, wie groß die Wirkung auch bei Begegnungen sein kann, bei denen das Matching zwischen den Gesprächspartner*innen zuerst vielleicht ein bisschen schräg erschien.
Henner Hollert, Professor für Ökotoxikologie, bringt es auf den Punkt: Normalerweise, wenn er mit dem Ministerium zu tun habe, gehe es um Drittmittel, die er für ein Forschungsvorhaben einwerben wolle. Seit er beim Mercator Science Policy Fellowship-Programm der RMU mitgemacht hat, hat Hollert Expert*innen im Ministerium kennengelernt, die mit Blick auf den Umweltschutz ähnliche Ziele verfolgen wie er selbst, mit denen er sich auch fachlich austauschen kann und die noch weitere Perspektiven aufzeigen können. „Das ist das Besondere an diesem Programm: dass wir erkannt haben, wir haben gemeinsame Interessen. Dass man in diesem geschützten Raum Dinge gemeinsam entwickeln und erarbeiten konnte. Und dass wir viel Wirkung gemeinsam erreichen können. Das hat mich persönlich sehr begeistert.“
Gemeinsam mit Prof. Michèle Knodt, Politikwissenschaftlerin an der TU Darmstadt sowie Dr. Jens Martin König und Peter Hanisch, beide vom Hessischen Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat (HMLU), nahm Hollert teil an einem Podiumsgespräch bei der Abschlussfeier des Mercator Science Policy Fellowship-Programms und des ENGAGEgreen-Projekts, moderiert von Tome Sandevski, dem Koordinator des Programms. Das Thema: die Wirksamkeit des Programms. Was nützt den Fellows der Kontakt zu den Wissenschaftler*innen? Und inwieweit hilft der Kontakt in die Praxis den Forschenden, mit ihren Erkenntnissen ein Fachpublikum zu erreichen?
Worum geht es?
Was kommt dabei heraus, wenn Führungskräfte aus Politik und Verwaltung mit konkreten Anliegen für ihre Berufspraxis an Wissenschaftler*innen herantreten? Und was nehmen die Wissenschaftler*innen aus so einem Austausch mit?
Für wen ist das interessant?
Für alle, die sich dafür interessieren, wie Forschung aus der Uni in die Gesellschaft kommt.
Warum ist das für die Rhein-Main-Universitäten wichtig?
Hochschulen tragen eine gesellschaftliche Verantwortung. Die Rhein-Main-Universitäten verstehen dies als konkreten Auftrag, ihr Wissen für Entwicklung, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu vermitteln.

Die beiden Vertreter aus dem Umwelt- und Landwirtschaftsministerium berichteten, dass sie von der Teilnahme auf gleich mehreren Ebenen profitieren konnten. Zum Beispiel beim Thema PFAS, auch bekannt als Ewigkeitschemikalien. Naturgemäß war Prof. Henner Hollert als Experte für Umweltgifte hier ein wichtiger Ansprechpartner. Gleich mehrere Projekte resultierten aus diesem Kontakt. Unter anderem führten die Frankfurter Ökotoxikologen eine Studie des Landeslabors fort zu PFAs in Coffee to go-Bechern; die wissenschaftliche Publikation dazu wird in Kürze vorgestellt. Ein wichtiges Anliegen war es den fachlichen Beratern des Ministeriums auch, über die Risiken einer Untergruppe der PFAS, die Flourpolymere, zu informieren und eine gesetzliche Regulierung für diese diskutieren zu lassen. Ihren Bericht legten sie vorab den ihnen bekannten Wissenschaftler*innen vor, um die Aussagen verifizieren zu lassen. „Das hat wirklich geholfen und diesem Dokument auch einen Schub gegeben“, berichtet König.
Wertvoll war das Science-Policy-Netzwerk für die Ministeriums-Fellows auch mit Blick auf den künftigen Umgang mit Schwefelhexafluorid (SF6). Das Treibgas ist 24.000 klimaschädlicher als Kohlendioxid; die Emissionen müssen regelmäßig an die Vereinten Nationen gemeldet werden. Das Team um Prof. Andreas Engel vom Institut für Atmosphäre und Umwelt der Goethe-Universität konnte nachweisen, dass durch ein Leck bei einem Industrieunternehmen im Kreis Heilbronn deutlich mehr SF6-Gase auswichen als offiziell angegeben. König und Hanisch standen bei diesem Thema im engen Austausch mit ihren Kolleg*innen aus Baden-Württemberg. Die Herausforderung: Bisher ist Klimaschutz nicht gesetzlich geregelt. „Das bewegt uns in unserem Arbeitskreis zu F-Gasen , da haben wir große Defizite“, sagt Peter Hanisch. Die Ministeriumskollegen nahmen Kontakt auf mit Prof. Christoph Burchardt, Jurist an der Goethe-Universität. Dieser habe sich viel Zeit genommen für ihre Rechtsprobleme; das Ergebnis: Ein Entwurf für ein F-Gase-Strafrecht, das den Bundesrat bereits durchlaufen hat. Und es geht weiter: Auf Initiative von Burchardt findet am 30. April eine Konferenz zu Klimaschutz und Strafrecht am Campus Westend statt.
Biowissenschaftler Henner Hollert betont indessen, wie sehr auch er als Wissenschaftler vom Austausch mit den Fellows profitiert habe. Der geschützte Raum habe besondere Gespräche möglich gemacht und er habe durch die Einblicke viel gelernt – auch, wie er als Forscher gesellschaftlich mehr erreichen könne. Ein Ergebnis der Gespräche mit König und Hanisch zum Beispiel ein Stakeholder -Workshop des Profilbereichs Sustainability & Biodiversity gewesen. Und der Schutz von Klima und Umwelt, so Hollert, könne für Unternehmen ja auch ein Pluspunkt im Wettbewerb sein – bessere Produkte aus Europa als Qualitätssiegel.
Auch Prof. Michèle Knodt unterstreicht den Nutzen, der sich für ihre Arbeit durch das Programm ergeben habe. Angesichts der großen Probleme heute wolle sie als Politikwissenschaftlerin mit ihrer Forschung einen Beitrag leisten. Aber Wirkung entfalte sich vor allem, wenn sie die relevanten Akteure kenne und wisse, wo sie ansetzen und ihre Erkenntnisse „unter die Leute“ bringen könne. Darüber hinaus würden neue Ideen manchmal gerade da entstehen, wo das Fellow-Matching auf den ersten Blick vom Fach her gar nicht so richtig passe – „wir sind immer so slightly daneben“, sagt Knodt mit einem Lachen. „Dann kommt man ins Gespräch, und auf einmal entstehen die ganzen Anknüpfungspunkte von selbst. Teils bringen uns die Fellows auch in Kontakt mit Kolleg*innen aus ihrer Organisation, die wiederum zu unseren Themen arbeiten.“ Der geschützte Raum mache einen Unterschied, aber auch, dass dieser Raum weiter gefasst sei als sonst in ihrer Arbeit. „Man muss sich auf andere Gesprächspartner*innen als sonst einlassen. Dann tauchen neue Impulse auf und man denkt: Spannend, darüber habe ich noch nicht nachgedacht, könnte aber ein Thema für meine Forschung sein. Das sind die Momente, die einen auch in der Forschung weiterbringen.“
Gut zu wissen
Was bedeutet der Begriff „Policy“? Policy steht in der Politikwissenschaft für die inhaltliche Dimension in der Politik, zum Beispiel konkrete politische Initiativen oder Ziele, die erreicht werden sollen. (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung)
Die Fellows: Wer die Fellows im aktuellen, abschließenden Jahrgang des Mercator Science-Policy Fellowship-Programms sind und wer ansonsten seit 2016 dabei war→
Umfassende Informationen zum Mercator Science-Policy Fellowship-Programm→

„Wir haben mit dem Programm eine sehr diverse Teilnehmendengruppe hinsichtlich ihrer Vorkenntnisse, Themeninteressen und Kommunikationskulturen erreicht. Das war großartig! Nach einigen hundert organisierten Gesprächen habe ich für mich erkannt, dass es weder die ‚Wissenschaft‘ noch die ‚Politik‘ noch die ‚Verwaltung‘ als solche gibt. Die Handlungslogiken und Wissensbedarfe der jeweils anderen Seite zu verstehen, braucht Zeit. Zeit, die häufig im Alltagsgeschäft in Wissenschaft und Praxis fehlt. Ich wünsche mir, dass wir den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis langfristig denken, um Vertrauensbeziehungen zwischen den beiden Welten aufbauen zu können.“











