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Die Erziehungswissenschaftlerin Julia König hat für ihre Arbeit über kindliche Sexualität den Cornelia Goethe-Preis erhalten.

Ursprünglich war eine empirische Studie geplant, dann aber wurde eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion daraus: Bis ins antike Griechenland ist die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Julia König für ihre Doktorarbeit über kindliche Sexualität vorgedrungen. Der Begriff „kindliche Sexualität“ ist wie ein Brennglas: Er zeigt, welche Einstellungen über Sexualität einerseits und über Kindheit andererseits in einer Gesellschaft vorherrschen – und sagt deshalb viel aus über die Gesellschaft selbst aus. Dass diese Einstellungen sich über die Jahrhunderte hinweg immer wieder verändert haben, das hat Julia König in ihrer Dissertation „Kindheit – Sexualität – Kindliche Sexualität“ nachgewiesen. Für die historisch-systematische Begriffsstudie hat König den Cornelia Goethe-Preis für herausragende wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Frauen- und Geschlechterforschung erhalten. Verliehen wird dieser Preis vom Förderkreis des Cornelia Goethe-Centrums an der Goethe-Universität.

Die empirischen Daten hatte Julia König eigentlich schon gesammelt bei ihren Besuchen in mehreren Kindertagesstätten. Doch im begrifflichen Teil ihrer Arbeit gelangte sie dann immer weiter in die Vergangenheit zurück. „Es war einfach sehr spannend, wie sich die Auffassungen im Lauf der Zeit gewandelt haben“, sagt die 34-Jährige, die in Frankfurt studiert hat und von Prof. Micha Brumlik betreut worden ist. Also nahm sie in ihrer Arbeit die „kindliche Sexualität“ zu unterschiedlichen Zeiten unter die Lupe. Die empirische Studie, bei der sich König am Freudschen Begriff einer eigenen, lustbezogenen kindlichen Sexualität orientiert, soll als weitere Publikation folgen.

Knabenliebe

Gibt es in der Gesellschaft einen Begriff von „Kindheit“? Wie ist „Sexualität“ definiert? Und wird Kindern eine eigene Sexualität zugestanden? Diese Fragen richtete Julia König an die unterschiedlichen Epochen, genauer an die überlieferten literarischen und bildlichen Quellen. Wobei sie sich des Ausschnitthaften der Quellenlage bewusst war: Kommen in den Texten und Bildern, die aus früheren Zeiten erhalten sind, doch nie die Kinder selbst zu Wort, vielmehr haben ausschließlich Erwachsene für die Überlieferung gesorgt. So zum Beispiel der griechische Philosoph Platon in seinem Werk „Symposion“, in dem er die griechische Knabenliebe beschreibt. Das Verhältnis zwischen dem Erastes und „seinem“ Lustknaben war nach damaliger Auffassung ein Geben und Nehmen: Für seinen Dienst konnte der Jüngere erwarten, vom Älteren in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Lust war aber auf Seiten des Knaben wie bei anderen bloßen Objekten wie Frauen oder Sklaven nicht vorgesehen. Allerdings gab es für die Knabenliebe eine Altersgrenze: Der Bartwuchs sollte bereits eingesetzt haben, kleinere Kinder standen hier noch nicht im Fokus.

Erbsünde

Mit dem antiken Kirchenlehrer Augustinus kam dann der Begriff der Erbsünde ins Spiel, die allen Menschen innewohne, und die nur durch die Taufe gemildert werden könne. Das Verhältnis der Seele zum Körper wurde im Vergleich zur griechisch-römischen Antike stark umgedeutet, und im Zuge dieser Umdeutung wurde auch dem Kind die Erbsünde zugeschrieben. Im 5. Jahrhundert dann wurde – für Kinder genauso wie für Erwachsene – die Pflicht zur Beichte eingeführt, und erst 1215 etablierte das 4. Laterankonzil eine Differenzierung nach Alter. Ähnlich verhielt es sich mit der Hexenverfolgung: Zu Beginn gerieten alle Altersklassen ins Visier der Inquisition, durch ihre fantasievollen Erzählungen wurden Kinder in den späteren Phasen der Hexenverfolgung sogar besonders leicht in die Hexenprozesse hineingezogen. Erst später kam es zu einer rechtlichen Grenze auf der Grundlage des Lebensalters.
Immer wieder fand König ihre Eingangshypothese bestätigt, die da lautete: Im Zuge der Veränderungen sozialer Verhältnisse werden auch sexuelle Ordnungen umgewälzt, dabei wird oft die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen in sexueller Hinsicht nivelliert. Erst wenn sich die Verhältnisse wieder stabilisiert haben, kommt die Gesellschaft wieder zu einer klareren Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen.
Vor diesem Hintergrund sieht König auch in unserer heutigen Zeit die Anzeichen einer Umbruchphase. Der Blick auf kindliche Sexualität sei derzeit von großen Widersprüchen geprägt: Einerseits werden Kinder in Modekatalogen zu kleinen Erwachsenen stilisiert, andererseits haben viele Menschen gerade angesichts zahlreicher Missbrauchsfälle Schwierigkeiten, Kindern eine eigene Sexualität zuzugestehen und offen mit ihnen zu kommunizieren.

Angstfreies Sprechen über kindliche Sexualität vonnöten

In den Vorarbeiten zu ihrer empirischen Arbeit hat König mit einer kleinen Anzahl von Kindern und Eltern in Kindertagesstätten gearbeitet. Die empirische Basis besteht aus Interviews und Beobachtungen, die König im Kita-Alltag gemacht hat. In zwei Jahren will sie die tiefenhermeneutische Analyse ihrer Daten veröffentlichen, die Methode tiefenhermeneutischer Kulturforschung hat sie eigens für die Analyse der Protokolle teilnehmender Beobachtung weiterentwickelt; aber schon jetzt weiß König: „Es müsste eine Sprache geben, in der gerade in pädagogischen Einrichtungen über kindliche Sexualität gesprochen werden kann. Erst angstfreieres Sprechen über das Thema ermöglicht genaueres Hinsehen und so einen differenzierteren Blick darauf, ob Spiele und Erzählungen eines Kindes eventuell auf Gewalterfahrungen hinweisen, oder ob das Kind einfach neugierig ausprobiert“, ist König überzeugt.