Spitzenforschung vorantreiben, aber auch den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ausbauen: Klement Tockner, neuer Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft. Foto: Senckenberg/Tränkner

Klement Tockner ist der neue Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Eins steht für Klement Tockner fest: „Qualität ist nicht verhandelbar. Die Senckenberg-Gesellschaft muss im weltweiten Vergleich auf dem höchstmöglichen Qualitätsniveau forschen.“ Dass sie dazu imstande ist, steht für den gebürtigen Österreicher Tockner außer Frage, und das sei insbesondere das Verdienst der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Senckenberg-Gesellschaft sowie seines Vorgängers, Volker Mosbrugger – Tockner ist seit Anfang des Jahres Generaldirektor der „Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung“. Für ihn spielt Senckenberg „in der Champions League der Bio- und Geowissenschaften“ mit, und so ist es seine Aufgabe, die Spitzenforschung voranzutreiben, damit der „Klassenerhalt“ nie gefährdet ist. „Gleichzeitig muss und möchte ich den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ausbauen“, fügt Tockner hinzu, „damit Senckenberg dazu beiträgt, Lösungen für die großen Herausforderungen zu finden, vor denen unsere Gesellschaft steht.“

Näher an der Forschung

Indem Tockner die Leitung der Senckenberg-Gesellschaft übernimmt, pendelt er sich gewissermaßen zwischen den Extremen seiner bisherigen Biographie ein: Im Anschluss an seine Promotion (über die Ökologie der österreichischen Donau) verbrachte er als Berater für Gewässermanagement sieben Monate in Afrika. Er forschte an der ETH Zürich, in Japan und in den USA, bevor er 2007 die Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) übernahm, verbunden mit einer Professur für Aquatische Ökologie an der Freien Universität Berlin. Neun Jahre später vollzog Tockner einen fundamentalen Wechsel: Er wurde zum Präsidenten des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF gewählt, war von da an als Österreichs ranghöchster Wissenschaftsmanager tätig. „Auch bei Senckenberg werde ich im Wissenschaftsmanagement agieren“, sagt Tockner, schränkt jedoch ein: „Allerdings werde ich der Forschung deutlich näherstehen, weil bei Senckenberg mit seinen Schwerpunkten Biodiversität, Erdgeschichte und Klimawandel eine viel größere Übereinstimmung mit meinen eigenen Forschungsthemen besteht.“

Dazu gehört die Frage, wie natürliche Ökosysteme funktionieren: Auf welche Weise es etwa von den Gegebenheiten in einem Fluss abhängt, welche und wie viele Organismen darin leben. „Da frage ich mich zum Beispiel, warum besonders viele verschiedene Tierarten in einem naturnahen Fluss vorkommen“, erläutert Tockner, „und wie sich Eingriffe des Menschen auswirken, etwa wenn der Fluss aufgestaut oder begradigt wird.“ Davon ausgehend untersucht er, wo Menschen ansetzen müssen, um geschädigte Systeme wiederherzustellen und zu schützen.

Dabei geht es nicht nur dem Wissenschaftler Tockner um biologische Vielfalt, sondern dem Wissenschaftsmanager Tockner geht es zugleich um Vielfalt in der Forschung. „Diese Vielfalt möchte ich als Senckenberg-Generaldirektor unterstützen“, hebt Tockner hervor. Er sieht sie als Basis von Kreativität und Innovation, „schließlich geht Innovation sehr oft von den Rändern einer Gemeinschaft aus, nicht vom Kern.“ Umso wichtiger sei es, die Senckenberg-Gesellschaft auch weiterhin mit ihren Forschungseinrichtungen zu entwickeln, in denen Vielfalt und Offenheit wertgeschätzt und gefördert würden.

Forschungsvielfalt zu stärken, bedeutet auch, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter Tockners Führung verstärkt in den Grenzbereichen ihrer eigenen Spezialdisziplinen forschen oder disziplinübergreifend
zusammenarbeiten – so wie er selbst an den Schnittstellen von Ökologie, Geomorphologie und Hydrologie forscht. Aber das ist für ihn nicht einfach eine Frage der persönlichen Präferenz: „Zuallererst muss ich als Wissenschaftler natürlich die eigene Disziplin hervorragend beherrschen. Aber dann komme ich nicht umhin, mit Spezialisten aus anderen Disziplinen zu kooperieren. Die Herausforderungen von heute sind zu komplex, als dass sie von einer einzelnen Disziplin gelöst werden könnten“, stellt er fest.

Die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen machen für ihn die Zusammenarbeit nicht nur über Disziplingrenzen, sondern auch über Ländergrenzen hinweg erforderlich. „Deshalb möchte ich auch die Internationalisierung bei Senckenberg noch deutlicher voranbringen“, sagt Tockner; diese Veränderung komme besonders den Kooperationen zugute, die Senckenbergs Beitrag etwa zum „European Green Deal“ sicherstellen sollen, also zu dem Vorhaben, die Netto-Emission an Treibhausgasen und die Erosion an Naturkapital in der Europäischen Union bis 2050 auf Null zu senken.

Tockner selbst geht in puncto Internationalität mit gutem Beispiel voran. Er ist gewähltes Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und gehört mehreren internationalen wissenschaftlichen Ausschüssen an – er berät in verschiedenen Gremien und Beiräten weltweit wissenschaftliche Forschungseinrichtungen, die sich strategisch weiterentwickeln wollen, so derzeit etwa das nationale japanische Umweltforschungsinstitut NIES und das „Biology Centre“ der Tschechischen Akademie der Wissenschaften sowie (in der Vergangenheit) Institute in Kanada und Spanien.

Und er hat noch weitere Bälle in der Luft – er gehört den Herausgeber-Gremien wissenschaftlicher Zeitschriften an. „Manchmal komme ich mir tatsächlich vor wie ein Jongleur, der Bälle durch die Luft wirbelt“, sagt er, „das ist okay – das ist schließlich mein Job, für den ich ausgebildet bin.“ Aber auf eines legt er Wert: „Ein Spieler oder Gaukler bin ich nicht.“ Wenn ein Jongleur einen seiner Bälle fallenlasse, dann lägen bald auch alle anderen auf dem Boden. Für den Jongleur sei das nicht weiter tragisch; er hebe diese auf und mache weiter. „Ich hingegen habe große Verantwortung für meine Aktivitäten ich muss mit allen Bällen sehr achtsam umgehen. Diese Verantwortung sehe ich allerdings nicht als Belastung, sondern als großes Privileg und auch als Grund zur Freude“, stellt Tockner klar.

Auf abrupte Einbrüche in der Biodiversität reagieren

Neben der internationalen Ausrichtung will er die Senckenberg-Gesellschaft bei einer zweiten umfassenden Veränderung begleiten: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass auch in den Disziplinen, die Senckenberg betreibt, die Wissenschaft in einigen Jahren praktisch in Echtzeit ablaufen wird“, sagt er, „so ähnlich, wie wir das gerade bei der Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffes beobachten.“ Darin sieht er einen Vorteil: Wenn die Veränderung der biologischen Vielfalt unmittelbar zu beobachten sei, dann stelle das gewissermaßen ein „Frühwarnsystem“ dar. „Die Zusammenhänge zwischen menschlichen Einflüssen und Änderungen in der biologischen Vielfalt werden immer besser erforscht, sodass wir praktisch ohne Zeitverzögerung auf abrupte Einbrüche in der Biodiversität reagieren können, um diesen Trend zu stoppen oder zumindest die negativen Folgen – soweit noch möglich – in Grenzen zu halten.“

Zwar will Tockner in der Senckenberg-Gesellschaft mit ihren sieben Forschungsinstituten und drei großen Museen (Frankfurt, Dresden, Görlitz) neue Akzente setzen. Aber zugleich ist er begeistert von etwas, das seit der Gründung vor mehr als 200 Jahren dazugehört: von der aktiven Beteiligung der Bürger. „Die Senckenberg-Gesellschaft wurde von wissenschaftlich interessierten Frankfurtern als ‚Bürgergesellschaft‘ gegründet, und das ist sie bis heute geblieben“, sagt Tockner. Senckenberg sei fest in der Frankfurter Gesellschaft verankert, habe knapp 7000 Mitglieder, und an geeigneten Forschungsvorhaben könnten sich Bürgerinnen und Bürger beteiligen, zählt er auf und schwärmt: „Gerade das Zusammenwirken aller drei Teile – Institute, Museen, Bürgergesellschaft – macht Senckenberg weltweit einzigartig.“

Allerdings hätte es auch eine einzigartige Institution schwer, sich als Einzelgängerin in der deutschen Forschungslandschaft zu behaupten, und so ist es in nächster Zeit ein wichtiger Posten auf Tockners To-do-Liste, dass er zukünftige Forschungsschwerpunkte gemeinsam mit den Partnern der Senckenberg-Gesellschaft setzt. Zum Beispiel mit den anderen Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft; die Senckenberg-Gesellschaft ist das größte Mitglied in diesem Zusammenschluss von außeruniversitären deutschen Forschungseinrichtungen. Oder mit dem in Frankfurt ansässigen „Institut für sozial-ökologische Forschung“, dessen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an nachhaltigen Zukunfts-Konzepten für Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft arbeiten. „Und natürlich mit unserem wichtigsten Partner, der Goethe-Universität“, fügt Tockner hinzu.

Professur für Ökosystemwissenschaften

Welche Bedeutung die Goethe-Universität als Partner der Senckenberg-Gesellschaft besitzt, wird schon daran deutlich, dass es „Doppelberufungen“ gibt: 16 leitende Senckenberg-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler haben zugleich eine Professur am Fachbereich 11 (Geowissenschaften/Geographie) oder 15 (Biowissenschaften) inne. So auch Tockner, der dort „Ökosystemwissenschaften“ lehren wird und sich über eine enge Kooperation auf Augenhöhe freut. Die beiden Institutionen ergänzten sich hervorragend: „Die Goethe-Universität ist thematisch sehr breit aufgestellt – nicht nur, weil die Biowissenschaften in ihrer ganzen Breite vertreten sind, sondern auch, weil in anderen Natur-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften geforscht und gelehrt wird, während Senckenberg einen starken Focus auf der Erforschung der Natur und der Biodiversität hat“, erläutert Tockner. Auch die jeweilige Personalstruktur sei komplementär: Die Goethe-Universität bilde Studierende aus – neben der Spitzenforschung, während für Senckenberg der hohe Anteil von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem „wissenschaftlichen Mittelbau“ typisch sei. Aus der Komplementarität von Goethe-Universität und Senckenberg-Gesellschaft erwachse ein großer Mehrwert, folgert er und fügt hinzu: „Die Kooperations-Professur ist ein Bekenntnis zu diesem Mehrwert. Ich freue mich sehr darauf, gemeinsam zu gestalten.“

Stefanie Hense

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 1/2021 (PDF) des UniReport erschienen.

Eine englische Version des Beitrags finden Sie hier.