Erinnerung an Adorno: Stolz zeigt Hertha Georg ihre Ausgabe von „Prismen“, die Adorno mit einer Widmung versehen hat; Foto: Sauter

Erinnerung an Adorno: Stolz zeigt Hertha Georg ihre Ausgabe von „Prismen“, die Adorno mit einer Widmung versehen hat; Foto: Sauter

Als Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung hat Hertha Georg Theodor W. Adorno noch persönlich erlebt. Wir haben uns mit ihr getroffen und sie nach ihren Erinnerungen an den berühmten Gelehrten gefragt.

Hertha Georg ist in Frankfurt keine Unbekannte. Wer gern in der hiesigen Theaterszene unterwegs ist, kennt die lebhafte alte Dame. Mit 80 Jahren ist sie als Laiendarstellerin entdeckt worden. Das ist nun zehn Jahre her. Mit fast 91 Jahren blickt Hertha Georg auf einen interessanten Lebensweg zurück, eine der Stationen war Theodor W. Adornos Institut für Sozialforschung.

Einmal hat Theodor W. Adorno sie mit einem seiner dicksten Bücher angetroffen, lesend natürlich. „Es war ja eine wilde Zeit, und ich wollte verstehen, worum es ging“, erklärt Hertha Georg und rührt in ihrer Kaffeetasse. Professor Adorno aber war nicht einverstanden mit der Lektüre – und brachte ihr am nächsten Tag „die richtige Literatur“ mit, ein Exemplar seines Buches „Prismen“.

Sie hat es dabei an diesem Morgen im Eiscafé Venezia in Heddernheim ganz in der Nähe ihrer Wohnung: Es enthält in kleiner Schrift eine Widmung vom Meister persönlich. „Prismen“ wurde zu einem ihrer liebsten Bücher, darin schloss sie Bekanntschaft mit den Thesen Adornos, aber auch mit all den anderen Geistesgrößen.

Für Hertha Georg waren sie eine aufregende und spannende Zeit, die Jahre am Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität. Von 1967 bis 1972 hat sie dort als Schreibkraft gearbeitet – „so ungefähr“, denn so ganz genau weiß sie die Jahreszahlen nicht mehr.

Es gäbe ja auch eine Menge Jahreszahlen in ihrem fast 91-jährigen Leben, an die sie sich erinnern müsste. Wichtiger als Zahlen waren ihr aber stets das Erleben selbst, die Menschen, die Gefühle, die Beziehungen zwischen den Personen. Nur deshalb kam sie auch an Adornos Institut.

Denn eigentlich war sie Buchhändlerin. In Alsfeld geboren, wuchs sie ab 1937 in Frankfurt auf, besuchte die Volksschule in Sachsenhausen, machte eine Lehre in der „Neumann‘schen Buchhandlung“ an der Goethe-Straße. Da hatte der Krieg bereits begonnen. Kluge Kunden der Buchhandlung empfahlen ihr, nach Würzburg zu gehen, denn in Frankfurt werde es noch schlimm werden. Sie folgte diesem Rat, konnte jedoch nicht lange bleiben:

Von Würzburg aus wurde sie zum Arbeitsdienst eingezogen. So entkam sie der großen Bombardierung der fränkischen Stadt am Main. „Ich hatte immer so viel Glück im Leben“, sagt Hertha Georg rückblickend mit fester Stimme. Die Erinnerungen blieben jedoch ein Leben lang – zum Beispiel die an den jüdischen Nachbarn der Familie namens Rothschild, der beim Vater um Hilfe bat und von einer Nachbarin verraten wurde. Schon früh versuchte Hertha Georg, diese Erinnerungen schreibend zu verarbeiten.

Nach dem Krieg kehrte sie nach Frankfurt zurück und arbeitete wieder in einer Buchhandlung. Doch vom Gehalt einer Buchhändlerin habe man kaum leben können, deshalb wechselte sie den Arbeitsplatz und brachte fortan die Korrespondenz der Firma Neckermann in Form. „Die haben zwar anständig bezahlt, aber auf die Dauer war das doch etwas langweilig“, erinnert sich die 90-Jährige. Da kam es gerade recht, dass sie sich über eine Empfehlung am Institut für Sozialforschung vorstellen durfte. Sie war fasziniert von dem Gedanken, bei einem Gelehrten wie Adorno arbeiten zu können.

„Ich war ja nur eine kleine Tippse“, sagt sie bescheiden. Andererseits ist es ihr auch heute noch wichtig, dass man hier auch sah, dass sie mehr konnte. Die Atmosphäre am Institut sei sehr besonders gewesen mit all den berühmten Leuten, die hier verkehrten.

Einmal sei sie sogar bei Adorno und seiner Frau zu Kaffee und Kuchen eingeladen gewesen – in deren Wohnung im Westend. Die beiden hätten sich sehr für sie interessiert. „Adorno war ein echter Herzensmensch, der sehr feinfühlig und zu jedem freundlich war. Er hatte Achtung vor jedem Menschen“, erinnert sie sich. Mit „tiefem inneren Staunen über so viel Klugheit“ habe sie ihm gern gelauscht. In der Zeit der Studentenrevolte habe sie aber auch gemerkt, wie verletzlich er war.

Der Professor habe sogar eine Erzählung von ihr gelesen – und sie noch am Tag seines Todes aus der Schweiz ermuntert: „das Fräulein“ solle auf jeden Fall weiterschreiben. Das hat Hertha Georg getan, und 1985 erschien im Verlag Bärenpresse ihr Erzählband „Der Leiterwagen“, worin sie auch ihre Erinnerungen an das Frankfurt der Nazi-Zeit literarisch verarbeitete.

Bei einem Bändchen ist es dann aber geblieben. Mit Literatur hat sich Hertha Georg jedoch weiterhin beschäftigt, wenn auch mit anderen Autoren. Noch heute veranstaltet sie einen „Freundeskreis Literatur“ in Langen. Bei den Treffen werden Schriftsteller wie Durs Grünbein und Annette Kolb mit ihren Werken vorgestellt.

„In den schwierigen Zeiten ist es ein Glück, sich noch auf diese Weise erfreuen zu können“, schreibt die alte Dame im Programmheft. Wenn sie an die brüllenden Pegida-Anhänger in Dresden denkt und den Streit um die Flüchtlinge, fühlt sie sich manchmal an die 1940er Jahre erinnert. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft, nimmt rege Anteil an den Entwicklungen. Gern besucht sie Veranstaltungen auf dem Campus Westend, die „tollen, großen Räume“ gefallen ihr.

Nach dem Tod Adornos im August 1969 tippte sie noch viele Bänder ab und erledigte gemeinsam mit Dr. Rolf Tiedemann die Korrekturen. Dann verließ Hertha Georg das Institut, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Bis zu ihrem eigenen Ruhestand arbeitete sie in einer Heddernheimer Kirchengemeinde.

Vor zehn Jahren wurde sie schließlich als Schauspielerin „entdeckt“. Das Willy-Praml-Theater suchte Ersatz für eine Seniorendarstellerin, über ein Theaterseminar an der Volkshochschule kam sie in Kontakt. Als sie sich vorstellte, musste sie erst Überzeugungsarbeit leisten: „Eigentlich hatten wir uns eine ältere Dame vorgestellt“, wurde sie empfangen.

Das konnte jedoch geklärt werden. Seither ist sie groß eingestiegen ins Theatermetier, glänzt nicht nur als alte Dame, sondern auch als DJane und Liebhaberin. Ihre 90 Jahre sieht man der Dame mit der adretten Bluse und der Baskenmütze noch immer nicht an. Außer bei Willy Praml steht sie im Frankfurter Autoren-Theater auf der Bühne, aber auch im Vorprogramm eines Films von Patrick Barnush trat sie schon auf und präsentierte absurde Liebesgedichte. Ihren 90. Geburtstag hat sie groß gefeiert mit vielen Gästen in der Naxos-Halle. Man darf gespannt sein, was noch alles kommt. Aber jetzt erstmal noch ein Becher Eiscreme.