Feuilletonchefin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu sein: Ist das ein Beruf oder doch eher ein Existenzzustand?

Es ist eine Haltung. Als Journalistin ist man neugierig, aufgeschlossen und empfänglich für interessante Stoffe, neue Themen. Das ist man natürlich nicht nur zwischen 9 und 17 Uhr. Ich empfinde es jedoch als Privileg, dass sich in diesem Metier Beruf und Interessen quasi überlagern. Natürlich kann man sich davon nie ganz lösen. Und wenn es mal brennt, muss ich auch im Urlaub erreichbar sein. Aber ich kann auch abschalten. Ich habe Familie, zwei Teenager-Kinder. Die erden ungemein und holen mich immer wieder auf den Teppich, ob es nun gerade passt oder nicht.

Es ist noch nicht lange her, dass das Feuilleton eine elitäre und hochintellektuelle Männerdomäne war. Wie haben Sie sich durchgebissen?

Ich bin seit 20 Jahren im Feuilleton – und Redakteurinnen, auch in leitenden Positionen, gab es dort seither immer. Sicher, sie waren nicht in der Mehrzahl, aber sie haben ihre Standpunkte durchaus gesetzt. Ich selbst habe im Elternhaus, aber auch in der Schule viel Unterstützung und Wertschätzung erfahren. Und in der F.A.Z. bin ich von Anfang an gefördert worden, von Männern wie von Frauen. Ich war als junge Mutter Mitte der Nullerjahre die erste Teilzeitkraft in der Redaktion. Der Personalleiter setzte sich sehr dafür ein. Dafür bin ich sehr dankbar, denn mir ist bewusst, dass Kolleginnen im Journalismus vor allem aus der älteren Generation das so nicht immer erfahren durften.

Das Feuilleton der F.A.Z. ist mit großen Namen verbunden. Wie groß ist der Druck, diesem Vermächtnis gerecht zu werden?

Die Latte liegt schon hoch. Es ist eine große Verantwortung, dem Anspruch einer überregionalen, international gelesenen Zeitung gerecht zu werden. Und es ist zugleich eine Herausforderung, die großen Spaß macht. Themen zu setzen, mit Kollegen über Ideen zu brüten, mit der täglichen Aktualität umzugehen, das alles hält einen ganz schön auf Trab. Mit vielen Kollegen arbeite ich im Feuilleton ja seit Jahren zusammen, wir kennen uns sehr gut, wissen voneinander, das ist das Netz, das uns zusammenhält – und das uns auch gemeinsam durch so manchen publizistischen Sturm trägt. Auch wenn unter einem Artikel meist nur ein Name steht, ist Journalismus mehr Teamarbeit als man gemeinhin denkt. So verstehe ich das jedenfalls.

Und die Verantwortung ist durch unser Online-Angebot noch einmal gestiegen. Früher gab es Leserbriefe. Da hat sich jemand hingesetzt, sich Gedanken gemacht und uns geschrieben. Heute werden die Kommentarleisten der Webseiten bisweilen geflutet, auch mal mit unreflektierter Kritik. Feuilleton ist kein Elfenbeinturm mehr, wenn er das denn überhaupt je war, sondern positioniert sich mitten im Geschehen.

Literatur, Musik, Theater und Film wirken immer auch in gesellschaftspolitischen Kontexten. Wie stark beeinflusst das die Berichterstattung im Feuilleton?

Das Feuilleton der F.A.Z. war schon immer im gesellschaftlichen Kontext unterwegs und versteht sich als erweitertes Feuilleton. Erinnern Sie sich: Große gesellschaftliche Debatten wie etwa der Historikerstreit, die alternde Gesellschaft, die Entschlüsselung des Genoms, die Digitalisierung und vieles mehr wurden und werden im Feuilleton angestoßen und ausgetragen.

Wir reflektieren die Aktualität. Gerade in Zeiten wie jetzt in der Corona-Pandemie wollen die Leserinnen und Leser Reflexion und Erkenntnis durch Einordnung, Erläuterung und tiefe Recherchen. Wir machen die Widersprüche sichtbar.

Sie selbst verstehen sich als Literaturkritikerin. Wie kam es zu diesem Schwerpunkt in Ihrer beruflichen Karriere?

Zunächst wollte ich Dramaturgin werden. Das habe ich auch kurze Zeit gemacht, als Dramaturgie-Assistentin am Staatstheater Kassel. Aber in der Praxis war es dann nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Mein Idol war Dieter Sturm von der Berliner Schaubühne gewesen. So bewarb ich mich überall, auch bei Zeitungen, und die F.A.Z. gab mir eine Chance. Der große Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier nahm mich unter seine Fittiche. Später kam ich in die Nachrichtenredaktion, und irgendwann holte mich Frank Schirrmacher ins Literaturressort. Dort fand ich eine redaktionelle Heimat.

Literaturkritik ist nicht wie ein Handwerk erlernbar. Welche Methoden aber darf man als Standard voraussetzen?

Sachkenntnis ist natürlich wichtig. Die habe ich mir während meines Studiums deutsch-französischer Literatur erworben. Das Handwerk habe ich in einem Aufbaustudium der Goethe-Universität gelernt, der Buch- und Medienpraxis. Das war großartig, weil da Praxis richtig geübt wurde. Montags bekamen wir ein Thema, zwei Tage später wurde der Artikel oder der Radiobeitrag dazu dann auseinandergenommen und diskutiert.

Die Dozenten sind allesamt Profis, Journalisten aus Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen, aber auch Lektoren und Veranstalter. Jungen Leuten kann ich das nur empfehlen. Auch weil man dort Kontakte knüpfen kann. Ein einzigartiges Programm, das eine Brücke zwischen theoretischem Studium und Berufspraxis schlägt. Inzwischen habe ich dort selbst unterrichtet.

Sie treten regelmäßig in Literatursendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf, sind auf den Podien der großen Buchmessen weltweit vertreten. Mit welchem Anspruch treten Sie an die Öffentlichkeit?

Literaturkritik ist wie Lesen ein einsames Geschäft. In den Medien finde ich Austausch und Diskussion: Man kann so herrlich über Literatur streiten, Literatur sortieren und bewerten, Orientierung geben, kurz und pointiert. Das macht mir großen Spaß.

Mit dem Aufsatz »Wir Rabenmütter« nahmen Sie vor 15 Jahren kritisch Stellung zum Rollenbild arbeitender Mütter. Was hat sich mittlerweile verändert?

Ich bin nicht immer der Meinung, dass persönliche Erfahrungen Grundlage für Artikel sein sollten. Aber als ich 2003 mein erstes Kind bekam, musste ich erfahren, dass Frauen von ihrem beruflichen wie privaten Umfeld auf ihre Mutterrolle reduziert werden, das war damals noch so. Ich wollte aber auch mit Kind berufstätig sein. Schon meine Mutter hat gearbeitet, als Übersetzerin und Dolmetscherin. Das war selbstverständlich. Sie hat nachts übersetzt und tagsüber im Gericht gedolmetscht und uns Kinder die Anstrengung nie spüren lassen. Natürlich bleibt das ein täglicher Balanceakt. Aber ich habe einen Mann, der ist ebenfalls Journalist und der packt partnerschaftlich mit an und unterstützt mich kräftig. Und es gibt Dinge, die kann und sollte man delegieren.

Würden Sie jungen Frauen von heute mit ruhigem Gewissen raten können, Journalistin zu werden?

Unbedingt! Das ist der schönste Beruf der Welt!

An der Goethe-Universität studierten Sie Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Wie erinnern Sie die Zeit auf dem alten Campus Bockenheim?

Herrje, das war heftig. Die Heizung funktionierte nicht, jedenfalls im Winter, im Sommer lief sie dafür heiß, die Architektur war zum Teil wirklich gruselig, erinnern Sie sich nur an den Turm der Pädagogen, in dem der Aufzug immer ausfiel. Ich beneide die heutigen Studierenden um den Campus Westend. Es ist der schönste in ganz Deutschland. Und trotzdem hatte ich damals eine tolle Studentenzeit – das Café KOZ war der Pulsschlag meines studentischen Lebens.

Haben Sie ein Leitmotiv, das Sie durch das Leben begleitet?

Gute Frage. Meine Mutter hatte eines für mich: in die Welt zu gehen und die Flügel zu öffnen. Meine Mutter hat mir den Wind unter die Flügel gepustet.

Das Interview führte Heike Jüngst.

Zur Person

Geboren in Frankfurt am Main, studierte Sandra Kegel nach dem Abitur zunächst Literaturwissenschaft in Aix-en-Provence, später Germanistik, Romanistik sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und in Frankfurt am Main. Sie schloss ihr Studium im Jahr 1996 mit dem Magister ab.

Nach einer Zeit als freie Mitarbeiterin beim Hörfunk und bei mehreren Zeitungen hospitierte sie beim Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und war danach noch eine Zeit lang in der Nachrichtenredaktion tätig, bevor sie 1999 feste Redakteurin im dortigen Feuilleton wurde. Von 2008 bis 2019 arbeitete sie im Ressort Literatur und Literarisches Leben. Seit Oktober 2019 leitet Sandra Kegel gemeinsam mit Hannes Hintermeier das Feuilleton.

Neben ihrer journalistischen Arbeit ist Sandra Kegel Mitglied mehrerer Literaturpreis-Jurys, etwa für den Preis der Leipziger Buchmesse, den Hölderlin-Preis und den Ingeborg-Bachmann-Preis. Zudem gehört sie zum festen Kritiker-Quartett der ZDF-Literatursendung »Buchzeit«.

Dieses Interview ist in der Ausgabe 47 des Alumni-Magazins Einblick (PDF) erschienen.