Annette Warner, Wissenschaftshistorikerin; Foto: Dettmar

Der Umgang mit Mathematikern ist für Annette Warner, Professorin für Wissenschaftsgeschichte, eine besondere Herausforderung. Die Mathematik bereitet ihr dabei keine Probleme, schließlich hat sie selbst das Fach studiert. Schon nach der Zwischenprüfung erwachte allerdings ihre Begeisterung für das alte Ägypten, und sie ließ sich die Ägyptologie als Nebenfach zum Mathematikstudium genehmigen.

Nach dem ersten Staatsexamen entschied sie sich für eine Promotion in Mathematikgeschichte und belegte zudem Veranstaltungen in Altorientalistik. Im Anschluss an mehrjährige Forschungsaufenthalte am US-amerikanischen MIT und im englischen Cambridge trat sie 2006 eine Juniorprofessur für Mathematikgeschichte in Mainz und 2009 dann die Professur an der Goethe-Universität an.

Die Herangehensweise von Mathematikern, die sich für historische Zusammenhänge interessieren, lag und liegt Warner fern: „Wenn Mathematiker sich mit frühen Quellen beschäftigen, dann gehen sie oft unhistorisch heran und heben hervor, dass sich ein bestimmter mathematischer Inhalt zuerst bei diesem oder jenem Autor findet – bevor derjenige Mathematiker, der für den Inhalt bekannt ist, diesen veröffentlicht hat“, erläutert sie.

„Dabei missachten sie aber grundlegende formale Kriterien, die mit dem modernen mathematischen Begriff untrennbar verbunden sind, aber in den früheren Quellen oft fehlen, was ein Indiz dafür ist, dass man hier vorsichtig sein muss. Ganz grundlegend geht es in der Mathematikgeschichte nicht darum, moderne Mathematik in frühen Texten zu finden, sondern darum, die mathematischen Konzepte der jeweiligen Zeit zu erfassen.“

Auch die Ägypter konnten rechnen …

Als Beispiel nennt sie die Mathematik der Ägypter: „Damals waren Gleichungen und Formeln mit mathematischen Symbolen noch unbekannt, aber das bedeutet auf keinen Fall, dass die alten Ägypter nicht rechnen konnten.“ Vielmehr konnte Warner durch das Studium von Papyrus-Quellen des British Museum und des Petrie Museum in London sowie des Puschkin-Museums in Moskau zeigen, dass im alten Ägypten sehr wohl mathematisches Wissen vorhanden war, aufgeschrieben in Form von Prozeduren, anhand derer sich etwa die Flächen von Dreiecken und Kreisen, aber auch die gleiche oder sogar ungleiche Verteilung von Rationen unter einer vorgegebenen Zahl von Personen berechnen ließen.

Wie die alten Ägypter ihre Kenntnisse weitergaben, untersucht Warner aber nicht nur in Sammlungen von Beschreibungen von Rechenprozeduren, sondern zusammen mit Kollegen auch an anderen Wissensgebieten: Aus der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, wahrscheinlich sogar schon aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend stammen die ältesten Textformen, in denen medizinisches Wissen vermittelt wurde:

„Uns interessieren zum Beispiel Rezeptsammlungen und Lehrtexte, also Anleitungen zur Untersuchung und Behandlung verschiedener Krankheiten“ erläutert sie und fügt hinzu: „Für die alten Ägypter waren außerdem Beschwörungen ein genauso wichtiges Heilmittel. Magie wurde ganz selbstverständlich als Teil der Medizin betrachtet.“

Impulse aus der Lehre für die Forschung

Warner, die unter ihrem Geburtsnamen Imhausen veröffentlicht, gehört zu den leitenden Wissenschaftlern am Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und ist Teilprojektleiterin am SFB 1095. Dort beschäftigt sie sich mit den Wissensträgern: „Ägyptische Schreiber waren ein sehr kleiner Kreis in der damaligen ägyptischen Bevölkerung. Die Schrift wurde allein für die Zwecke des Königs und der ihm dienenden Elite eingesetzt“, schränkt Warner ein.

Sie lehrt außerdem am historischen Seminar der Goethe-Universität und empfindet das als große Bereicherung: „Zum einen finde ich es schön, mitzuerleben, wenn Studierende etwas verstehen. Wenn ich ihnen zum Beispiel vermitteln kann, dass schon in den ägyptischen Lebenslehren des dritten vorchristlichen Jahrtausends etwas empfohlen wurde, das noch heute aktuell ist: die gesellschaftliche Fürsorge für Schwächere.

Zum anderen ergeben sich aus der Kommunikation mit den Studierenden auch immer wieder Impulse für meine eigene Forschung.“ Diese stammen auch aus Diskussionen mit Forscherkolleginnen und -kollegen, oder aber sie werden an Warner herangetragen – so zum Beispiel, wenn es um ihre Mitarbeit an einem Projekt geht, das sich mit den Parallelen von Mathematik und Recht befasst:

„Systeme von Rechtsnormen wie etwa Gesetzessammlungen sowie mathematische Regelsysteme besitzen formale Gemeinsamkeiten. Diese galten lange als typisch für das moderne Rechts- und Mathematikverständnis. Wir untersuchen, inwieweit dies bereits in den frühen Schriftkulturen zutrifft.“ In ihrem nächsten Forschungssemester, das heißt während des Sommersemesters 2017, plant Warner, sich weiteren Themenkomplexen zu widmen.

Zum einen gab es in frühen Kulturen vielfach einen ganz eigenen Wissenschaftsbegriff, den sie herausarbeiten möchte: „In Mesopotamien war beispielsweise klar, dass Divination, also die Vorhersage der Zukunft, eine Wissenschaft war. Wir werden diesen Kulturen nicht gerecht, wenn wir ihre Leistungen und Konzepte mit den Maßstäben moderner Wissenschaft beurteilen.“

Zum anderen will sich Warner wieder mit ihrem schwierigsten Publikum, den Mathematikern, auseinandersetzen: „Die zentrale Frage für mich ist hierbei, wie ich als Mathematikhistorikerin die Mathematiker als Publikum erreichen und ihnen die Geschichte ihres Fachs vermitteln kann.“

[Autorin: Stefanie Hense]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.