Christof Mandry, Moraltheologe; Foto: Lecher

Am Krankenbett treffen viele Sichtweisen aufeinander – nicht nur die Patienten haben ihre Lebensgeschichten, ihren kulturellen und religiösen Hintergrund; auch die unterschiedlichen Berufe in der Klinik bringen ihre Perspektiven ein. Das macht Entscheidungen häufig so schwierig: So sei der kaufmännische Direktor eines Krankenhauses natürlich nicht dabei, wenn Ärzte, Pflegepersonal, Klinikseelsorger*innen, manchmal auch Patienten oder Angehörige über Organtransplantation, Behandlungsabbruch oder andere medizinethische Fragen sprächen.

„Aber alle wissen, wenn es um finanziell relevante Fragen geht, weil zum Beispiel ein teures Bett auf der Intensivstation noch länger belegt werden muss oder weil kostenträchtige Therapien anstehen, dann werden auch wirtschaftliche Aspekte in die Entscheidungen einbezogen – das höre ich immer wieder“, sagt Christof Mandry, der im Rahmen seines Forschungsprojekts „Medizinethik in der Klinikseelsorge“ mit zahlreichen Klinikseelsorger* innen spricht.

Als Professor für Moraltheologie und Sozialethik am Fachbereich katholische Theologie der Goethe-Universität sammelt Mandry die praktischen Erfahrungen von Klinikseelsorger* innen, wertet sie aus und lässt sie insbesondere in den jährlich von seinem Lehrstuhl angebotenen Weiterbildungskurs einfließen, mit dem Klinikseelsorger*innen ein Zertifikat in Medizinethik erwerben können.

Austausch mit Chicago

Dabei hat Mandry keinesfalls nur deutsche Kliniken im Blick. Für sein Forschungsprojekt „Medizinethik in der Klinikseelsorge“ tauschen er und seine Mitarbeiter*innen sich intensiv mit Forschenden von der Chicagoer Loyola-University aus; im Jahr 2017 unternahmen Mandry und die Klinikseelsorger*innen aus dem Forschungsprojekt eine einwöchige Exkursion in die USA, um die Seelsorge an den dortigen Kliniken kennen zu lernen.

Sowohl medizinische Entwicklungen als auch ökonomische Trends verbreiteten sich ziemlich schnell, stellt Mandry klar, und die medizinischen Herausforderungen wie beispielsweise Organtransplantation, Palliativmedizin und genetische Manipulation seien in allen Ländern dieselben. „Aber schon die Tatsache, dass in den USA die Medizin viel stärker kommerzialisiert ist als in Deutschland, bedeutet für die Medizinethik im Alltag einen Riesenunterschied – diese Erfahrung machen insbesondere Klinikseelsorger*innen“, gibt er zu bedenken.

Nicht nur indem er medizinethische Aspekten der Klinikseelsorge behandelt, sondern auch wenn er zum Thema Migration Stellung nimmt oder die Frage erörtert, ob aus dem christlichen Gebot der Nächstenliebe die Pflicht zur Aufnahme von Geflüchteten folgt – Mandry setzt eine alte Tradition fort: Soziale Themen wie Krankenversorgung, Armenfürsorge und Bildung haben in der christlichen Theologie seit langem ihren festen Platz und markieren als Sozialethik den einen Pol seiner Professur.

Genauso gehört dazu aber auch der andere Pol, die Moraltheologie: „Ich werde mich auch weiterhin mit christlicher Lebensführung beschäftigen“, hebt Mandry hervor und erläutert: „Da geht es mir um ganz existenzielle Fragen, nämlich um die Konsequenz eines Lebensweges, trotz aller Brüche:

Was heißt das eigentlich konkret für das Leben, wenn jemand sagt, ,ich verstehe mich als Christ‘ – wie kann dieser Jemand sein Leben so führen, dass es nicht nur an ihm vorbeiplätschert, angesichts all der vielen Zwänge moderner Lebensverhältnisse? Wie geht diese Christin mit persönlichen Krisen und mit Brüchen in ihrem Lebenslauf um?“

Das Politische gehört dazu

Allerdings setzt sich Mandry nicht nur mit persönlichen, sondern ebenso mit politischen Krisen auseinander: „Das Politische zu denken gehört ja von Anfang an zur christlichen Theologie dazu – denken Sie nur daran, wie sich der biblische Jesus mit den politischen Strömungen seiner Zeit auseinandergesetzt hat oder wie der Kirchenvater Augustinus seinerzeit über die Bürgerschaft Gottes und die Bürgerschaft der Welt nachgedacht hat.“

Folglich nimmt auch die Krise der Europäischen Union großen Raum in Mandrys Forschung ein – angesichts von Herausforderungen wie dem Klimawandel, Globalisierung und Sicherheitsfragen untersucht er das Nebeneinander von nationalstaatlicher Souveränität und supranationaler Solidarität. Solidarität, nämlich die zwischen Bürgern, ist auch die Basis des deutschen Gesundheitssystems; und diese Solidarität samt ihren Herausforderungen möchte Mandry demnächst vertieft studieren:

„Ich habe die Frustration häufig indirekt durch die Klinikseelsorger mitbekommen. Ärzte und Pflegende setzt es sehr unter Druck, wenn sie zwischen einer medizinisch sinnvollen und einer ökonomisch machbaren Behandlung für ihre Patientinnen und Patienten entscheiden sollen oder solche Weichenstellungen hinnehmen müssen. Für die Medizinethik ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass Ärzte und Ärztinnen moralisch verantwortbare Entscheidungen nur unter solchen Bedingungen treffen können, die ihnen dafür Raum lassen.“

Das betreffe beispielsweise die derzeitigen Vergütungssysteme im Krankenhaus: Dort setze die Abrechnung gemäß „diagnosebezogenen Fallgruppen“ häufig Fehlanreize, die sich zulasten der Patienten auswirkten – auch wenn der Kostendruck natürlich nicht weggewünscht werden könne. Aber Strukturfragen wie die Finanzierung der Gesundheitsversorgung könnten nicht im Krankenhaus gelöst werden und müssten letztlich als politische Fragen verstanden werden.

[Autorin: Stefanie Hense]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.