Katrin Böhning-Gaese, Biologin

Ein Zwischending gibt es hier für die Biologin Katrin Böhning-Gaese nicht: „Entweder man liebt es, in und über Afrika zu forschen. Wer einmal hier war, kommt immer wieder. Oder aber man hasst es: Wenn es einem nicht gefallen hat, dann war der erste Afrika-Aufenthalt zugleich der letzte.“

Böhning-Gaese, die das Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (SBiK-F) leitet und in dieser Funktion eine Kooperationsprofessur an der Goethe-Universität innehat, gehört selbst seit knapp einem Vierteljahrhundert zur ersten dieser beiden Gruppen: „Mein Herz schlägt für Afrika“, sagt sie, ohne zu zögern. Das tut es seit 1992, als Böhning-Gaese – damals noch als Doktorandin der Universität Tübingen – eine Forschungsreise nach Madagaskar unternahm.

„Damals bin ich gewissermaßen mit dem afrikanischen Kontinent infiziert worden, und seither versuche ich, kontinuierlich dort zu arbeiten. Vergangenes Jahr war ich dort, und auch dieses Jahr werde ich für ein, zwei Wochen hinfahren, als Leiterin der Forschergruppe ,Kilimandscharo‘ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)“, berichtet sie und erläutert, was ihre Mitarbeiter*innen und sie dort – im Rahmen standardisierter Datenaufnahme – auf 65 Untersuchungsflächen erfassen: unter anderem die Artenzahl und Häufigkeit der Vögel, Struktur der Vegetation, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Besuche von Vögeln auf Bäumen, Zahl der gefressenen Früchte.

Vielfalt bedeutend für Ökosysteme

Allgemein interessiert sich die passionierte Ornithologin Böhning-Gaese für den Zusammenhang zwischen der Natur und dem Menschen, der in und von der Natur lebt. Konkret untersucht sie, ob und wie das Funktionieren von Ökosystemen davon abhängt, wie viele verschiedene Tierarten diese Ökosysteme bevölkern – insbesondere: wie viele Vogelarten in einen Ökosystem leben.

„Der grundsätzliche Zusammenhang ist einfach“, erläutert sie: „Je mehr Vogelarten zum Beispiel die Früchte von Bäumen und Sträuchern fressen, desto wahrscheinlicher ist es, dass trotz schwankender Umweltbedingungen, die mal für die eine, mal für die andere Vogelart vorteilhaft sind, immer genügend Vögel da sind, um die Samen der Bäume und Sträucher zu verbreiten.“

Und natürlich sei genauso wichtig, dass von anderen Vogelarten und vor allem von Insekten die Blüten der Bäume und Sträucher bestäubt würden, und dass die Insekten wiederum den Vögeln als Nahrung dienten. „Je mehr verschiedene Leistungen ein Ökosystem bringt, also etwa Bestäubung, Samenausbreitung oder biologische Schädlingsbekämpfung“, fasst sie zusammen, „desto wichtiger ist, dass es von vielen verschiedenen Tierarten bevölkert ist.“

Ihrem ganz persönlichen Forschungsinteresse kann Böhning-Gaese allerdings nicht mehr im gleichen Umfang nachkommen wie noch 2001, als sie nach der Habilitation ihre erste Professur an der Universität Mainz antrat: „Damals musste ich gerade einmal die Dissertationen einiger weniger Doktorandinnen und Doktoranden entwerfen und betreuen, so wie jetzt für den Doktoranden auf dem Kilimandscharo.

Dann aber habe ich Stufe für Stufe meinen Wirkungskreis erweitert und habe mehr Verantwortung übernommen.“ Und heute? „Als Arbeitsgruppenleiterin bin ich hier am SBiK-F für einen Teil des zweiten Stockwerks in unserem Institutsgebäude zuständig, als Direktorin des Forschungszentrums bin ich letztlich für das ganze Haus verantwortlich“, zählt Böhning- Gaese auf. Außerdem gehört sie dem sechsköpfigen Direktorium der Senckenberg-Gesellschaft an, und im November 2017 wurde sie zur Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft gewählt, also der großen Forschungsorganisation, der das BiK-F unter dem Dach von Senckenberg seit 2015 angehört.

„In allen diesen Ämtern muss ich mich mit wissenschaftsstrategischen Fragen nach Fragestellungen und Themen, nach Stärken und Synergien auseinandersetzen, und das macht mir Freude – auch wenn ich es manchmal ein bisschen bedaure, dass richtig lange Freilandaufenthalte für mich nicht mehr drin sind“, kommentiert Böhning-Gaese, die in konkreten Forschungsfragen viel mit ihren Postdoktoranden zusammenarbeitet.

Traumziel: die Regenwälder Südostasiens

Einzelne Doktorarbeiten betreut sie allerdings noch selbst. So etwa die, in der ein Doktorand Daten einer großen europäischen Studie mit 40.000 Probanden auswertet und nachweist, dass die Lebenszufriedenheit von Menschen entscheidend von der Artenvielfalt an Vögeln abhängt, zu denen die Menschen Kontakt haben, wohingegen die Artenvielfalt von Säugetieren oder Bäumen keinen entsprechenden Einfluss auf das Wohlbefinden besitzt.

Aber natürlich zieht es die Wissenschaftlerin Böhning-Gaese auch weiterhin auf fremde Kontinente – sie träumt davon, die Regenwälder Südost-Asiens zu untersuchen und dort das Vorkommen eines „alten Freundes“ zu erfassen: „In den südafrikanischen Nationalparks, wo ich den Trompeter-Nashornvogel über viele Jahre studiert habe, misst dieser Vogel vielleicht 40 cm von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze.

In Südostasien gibt es Nashornvögel, die mehr als einen Meter messen – das würde ich für mein Leben gern sehen“, schwärmt sie. An der Spitze ihrer persönlichen Favoritenliste steht allerdings auch in Zukunft Afrika: „Ich möchte unbedingt auch die Tierwelt Westafrikas und im arabisch geprägten Norden dieses Kontinents studieren, also zum Beispiel in Marokko oder Tunesien. Die Tierwelt Südamerikas oder Südost-Asiens mag artenreicher sein als die von Afrika, aber Afrika ist einfach der Teil der Welt, der mich am allermeisten anzieht.“

Stefanie Hense

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.