Mirjam Minor, Informatikerin

Manchmal muss es ratzfatz gehen bei Mirjam Minor, die seit 2012 an der Goethe-Universität die Professur „Wirtschaftsinformatik“ innehat.

Zum Beispiel, wenn sie zunächst Mühe hatte, für ihr neues Forschungsprojekt zur Elektromobilität einen Industriepartner zu finden und wenn eines der von Minor kontaktierten Unternehmen kurzfristig ein Treffen ansetzt, um sich über das geplante Projekt zu informieren: Dann muss Minor für ihre Forschung, die auch von der Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen lebt, praktisch alles stehen und liegen lassen, um den potenziellen Industriepartner zu überzeugen. „Hier ist Projektakquise schon ein dankbares Geschäft“, kommentiert Minor, „die Rhein-Main-Region mit ihren vielen interessanten Unternehmen ist ja wirtschaftlich äußerst attraktiv.“

Natürlich könne sie mit Industriepartnern und mit Kollegen aus der Wissenschaft auch online kommunizieren und Telefon- oder Videokonferenzen abhalten. „Um ein schon existierendes Projekt fortzuführen, müssen die Partner wirklich nicht alle vor Ort sitzen“, betont sie, „aber man kommt einfach leichter zusammen und findet einen Anfang, wenn die Firma und das Uni-Institut nicht zu weit voneinander entfernt sind.“

Nicht zu weit, nämlich gerade einmal rund zehn Kilometer entfernt liegt beispielsweise ein Partner, der nicht nur die Rhein-Main-Region, sondern seit einiger Zeit auch die Arbeit von Minor und ihrer Gruppe geprägt hat: der Frankfurter Flughafen. „Wir haben zunächst einige Prozesse erfasst, untergliedert und benannt, um sie einem Computer zugänglich zu machen“, berichtet Minor. Auf diese Weise ließen sich die Abläufe steuern, vermessen und gegebenenfalls optimieren.

Schwerpunkt »Intelligente Methoden«

Viele Abläufe am Frankfurter Flughafen hingen etwa mit der Abfertigung von Fracht oder von Passagieren zusammen. „Das stellt ein Paradebeispiel für die Einsatzmöglichkeiten des Transferlernens dar“, betont Minor, in deren Forschung „Transferlernen“, „fallbasiertes Schließen“ und andere intelligente Methoden der Wirtschaftsinformatik seit Langem einen Schwerpunkt bilden.

Sie erklärt: „Um die Frachtabfertigung am Frankfurter Flughafen zu beschreiben, lernen wir aus den Vorgängen bei der Passagierabfertigung.“ Ob eine Kiste mit Frachtgut von Gebäudeteil A über Gebäudeteil B nach Gebäudeteil C transportiert werde, oder ob ein Passagier vom Eingang des Terminals zum Check-In-Schalter und dann zum Gate gehe, bedeute für den Computer, der diese Abläufe erfasse, schließlich keinen großen Unterschied.

Minors wissenschaftliche Karriere hat sich stets um Computer und Künstliche Intelligenz gedreht – diese begann, als sich Minor nach ihrem Informatik- Studium und der Promotion in Informatik einer Wirtschaftsinformatik-Arbeitsgruppe an der Universität Trier anschloss und sich dort zunächst mit dem Management von Geschäftsprozessen beschäftigte:

„Ich hatte mich eigentlich schon immer für angewandte Informatik interessiert“, sagt sie, „ich wollte nie für den Elfenbeinturm forschen, sondern ich wollte immer an Projekten arbeiten, die relevante Ideen in die Tat umsetzen.“ Deshalb habe es sie damals gereizt, ihre Postdoc-Zeit in der Wirtschaftsinformatik zu verbringen, und hier habe sie seither ihre wissenschaftliche Heimat gefunden.

Da ist es nur konsequent, dass Minor sich nicht dem „erklärungsbasierten“, sondern dem „gestaltungsorientierten“ Zweig der Wirtschaftsinformatik zugewandt hat: „Hier erklären wir nicht die Eigenschaften vorhandener, sondern gestalten zukünftige Informationssysteme. Wir entwerfen Informationssysteme, charakterisieren die Prozesse, die darin ablaufen, und betrachten sowohl die technischen Bausteine als auch die Menschen, die sie nutzen, als integrale Bestandteile“, sagt sie.

Zukünftige Systeme gestalten

Und das natürlich nicht nur in lokalen oder regionalen Kooperationen wie auf dem Frankfurter Flughafen: Zusammen mit Wirtschaftsinformatikern der Universitäten Marburg und Trier hat Minor die theoretischen Grundlagen dafür entwickelt, Fehler in technischen Geräten und Anlagen computergestützt zu isolieren und dann auch zu beheben.

Diese Grundlagen haben die Wissenschaftler dann zusammen mit einem kanadischen Technologiekonzern in Programmcode umgesetzt, da einer von dessen Kunden, ein großer Baumaschinen-Hersteller, die Diagnose und die Reparatur von Fehlern durch Software unterstützen lassen möchte – um Zeit, Geld und Personal einzusparen. Der Kontakt zu Unternehmen – seien es Beratungsfirmen, Medizintechnik-Dienstleister, Infrastruktur-Unternehmen oder produzierendes Gewerbe – ist allerdings nicht nur unabdingbarer Bestandteil von Minors Forschungsprojekten.

Auch in ihren Lehrveranstaltungen schlägt Minor immer wieder eine Brücke zur Wirklichkeit, sowohl wenn sie Industrievertreter für Gastvorträge in ihre Vorlesung einlädt als auch wenn ihre Studiereden in Projektseminaren reale Fragestellungen bearbeiten, deren Antworten ebenso realen Unternehmen zugutekommen.

„Dadurch, dass ich an der Goethe-Universität für den Masterstudiengang Wirtschaftsinformatik verantwortlich bin, kann ich auch hier eigene Ideen umsetzen. Noch mehr gestalten könnte ich wohl nur, wenn ich mal meine eigene Firma gründen bzw. mitgründen würde. Aber mit meinen Projekten und dem Studiengang bin ich so gut ausgelastet, dass das wohl noch in weiter Ferne liegt.“

[Autorin: Stefanie Hense]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »