Roger Erb, Physikdidaktiker; Foto: Dettmar

Auch wenn er mehrmals zwischen Schulunterricht und Hochschule gewechselt und sich letztlich für die Wissenschaft entschieden hat: Einen „Schulflüchter“ kann man Roger Erb nun wirklich nicht nennen.

Zwar hat er nicht einmal zwei Jahre, nachdem er sein Lehramtsstudium in Physik und Deutsch mit dem zweiten Staatsexamen abgeschlossen hatte, dem Schuldienst den Rücken gekehrt, um sich am Fachbereich Physik der Universität-Gesamthochschule Kassel seiner Promotion zu widmen und um danach erst einmal seine wissenschaftliche Laufbahn mit der Habilitation im Fachgebiet „Didaktik der Physik“ fortzusetzen.

Auch seine anschließende Rückkehr ins Klassenzimmer war nicht von Dauer: Zwei Jahre, nachdem Erb nach seiner Habilitation den Lehrerberuf wieder aufgenommen hatte, setzte sich seine Freude am Forschen doch wieder durch; 2002 folgte er dem Ruf auf die Professur für „Physik und Didaktik der Physik“ an der Pädagogischen Hochschule (PH) Schwäbisch Gmünd, bevor er weitere acht Jahre später von dort aus an das Institut für Didaktik der Physik der Goethe-Universität berufen wurde.

„Ich habe immer gerne unterrichtet“, stellt Erb klar, „ich fand und finde es spannend, Wissen weiterzugeben. Deswegen ist mir die Lehre, die hier an der Universität ja grundsätzlich dazugehört, auch so wichtig.“ Natürlich findet er seine Erfahrungen aus dem Schulalltag wertvoll – eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Didaktik-Forschung stellen sie für ihn allerdings nicht dar:

„Es gibt erfolgreiche und wertgeschätzte Kolleginnen und Kollegen, die während ihrer akademischen Ausbildung nicht einmal vor einer Schulklasse gestanden haben. Die müssen sich ihre praktischen Erfahrungen halt auf andere Art und Weise verschaffen – etwa indem sie schulpraktische Veranstaltungen betreuen oder auf sonst einem Weg den Kontakt zur Wirklichkeit, also zum Schulalltag halten.“

Experimente …

Erb beschäftigt sich mit einem wichtigen Teil des Schulalltags: mit dem Experimentieren im Physikunterricht. Er fragt sich dabei insbesondere, inwieweit Experimente dazu beitragen, das Interesse, die Motivation und damit letztlich auch die Schülerleistungen zu steigern. Funktion und Auswirkung des Experimentierens im Physikunterricht.

Ganz egal, ob es um Demonstrationsexperimente geht, die von der Lehrkraft gezeigt werden, um Schülerexperimente, die anhand einer genauen Anleitung auszuführen sind, oder um freie Experimente, bei denen die Lehrkräfte lediglich Leitfragen stellen, um den Einfallsreichtum ihrer Schülerinnen und Schüler zu steuern und das Thema zu strukturieren: „Experimente sind ein zentraler Teil der naturwissenschaftlichen Methode. Im Physikunterricht geht es ja nicht nur darum, Inhalte zu pauken. Die Schüler lernen hier, evidenzbasiert vorzugehen – das ist eigentlich eine Lektion fürs Leben.“

… und Modelle

Allerdings wollen die Didaktiker um Erb künftig auch eine Herangehensweise untersuchen, die in gewisser Weise den Gegenpol des experimentbasierten Unterrichts darstellt: „Uns interessiert, wie wir Schüler im Physikunterricht stärker an die Entwicklung von Modellen heranführen können, die auf den drei physikalischen Modellen beruhen: auf dem Strahlenmodell der klassischen, geometrischen Optik, auf dem Wellenmodell mit seinen Interferenzphänomenen und auf dem Teilchenmodell der Quantenoptik“, erläutert Erb.

„Dabei wollen wir moderne computergestützte Werkzeuge einsetzen, um Schülerinnen und Schüler in der für sie ungewohnten gedanklichen Selbstständigkeit zu unterstützen“, fügt er hinzu. Und auch außerhalb des Physiksaals möchte Erb junge Leute zum eigenständigen Denken anregen. Dazu hat er begonnen, die „Denkwerkstatt Physik“ zu entwickeln, eine Sammlung von Lernaufgaben im WWW, bei deren Lösung bei Bedarf Seiten mit hilfreichen Zusatzinformationen angeklickt werden können und die noch immer durch die Examensarbeiten von PH-Studierenden aus Schwäbisch Gmünd erweitert wird.

Die Denkwerkstatt-Aufgaben sollen das Verständnis für den Lernstoff vertiefen – sie sind nicht etwa dazu da, wie in einer Prüfung Faktenwissen zu überprüfen. „Die Aufgaben richten sich an Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe, können aber völlig unabhängig vom Schulunterricht bearbeitet werden“, sagt Erb. „Sie sollen das Interesse der Schüler wecken und dadurch den Spaß am Denken vermitteln, genauso wie Kinder und Jugendliche Spaß am Musizieren, an der Leichtathletik oder am Fußballspielen haben.“

Selbstständigkeit und Souveränität haben für Erb auch in der Ausbildung angehender Physiklehrerinnen und -lehrer einen hohen Stellenwert: „Es ist wichtig, dass die Studierenden diese Vorbereitung auf ihren Beruf nicht als eine Art Lehre begreifen, in der sie sozusagen lernen, wie man richtig unterrichtet.“ Das Lehramtsstudium solle gerade keine Rezepte für korrektes Verhalten liefern, sondern ,theoriebasierte Reflexionsfähigkeit‘, also Handlungsoptionen, die Studierende befähigen, im Unterricht angemessen zu reagieren.

„Rezepte sind ja nur für eine oder wenige bestimmte Situationen gemacht. Wenn wir Studierende aus der Universität entlassen, sind sie aber für einige Jahrzehnte als Lehrerin oder Lehrer tätig. Sie begegnen in dieser Zeit einer sprachlich, sozial, familiär und intellektuell äußerst inhomogenen Schülerschaft und müssen sich immer wieder auf neue Situationen einstellen. Dazu erhalten sie von uns im Studium das theoretische Rüstzeug.“

[Autorin: Stefanie Hense]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.