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Jürgen Klopp beim Interview zum hundertsten Jubiläum der Goethe-Universität in Dortmund.

Jürgen Klopp, Trainer der Borussia Dortmund, gratuliert seiner Alma Mater zum Jubiläum. 1995 hat Klopp an der Goethe-Universität das Diplom in Sportwissenschaften abgelegt.

Herr Klopp, mit welchen Gefühlen denken Sie eigentlich zurück an Ihr Studium in Frankfurt an der Goethe-Universität?

Mit unglaublich vielen positiven Gefühlen, weil es zum einen eine sehr schöne Zeit war, zum anderen dadurch eine prägende Zeit. Viele meiner besten Freunde habe ich einfach rund um dieses Studium kennengelernt. Ich wusste damals noch nicht ganz genau, wo es hingehen sollte, aber wenn man sich meinen heutigen Beruf anguckt, dann kann man sagen, ohne Durchblick doch Weitblick bewiesen. Ich konnte zumindest damit später etwas anfangen.

Die Goethe-Universität hat also einen Anteil daran gehabt hat, dass Sie heute da sind, wo Sie sind?

Hundertprozentig. Mein Studium hat zwar ein bisschen länger gedauert, weil Reckturnen nicht gerade meine Paradedisziplin war (lacht). Da musste ich häufiger und länger üben als andere. Ich war zu dieser Zeit ja schon Fußballprofi und konnte nicht immer alles direkt dann machen, wenn es vielleicht an der Zeit gewesen wäre. Es war also eine sehr prägende Zeit, menschlich, aber darüber hinaus natürlich auch für mich und mein späteres Berufsleben die perfekte Vorbereitung.

Sie haben das Walking als Ihre Diplomthema gewählt, warum?

(lacht) Gewählt ist nicht ganz richtig! Nee …

Unfreiwillig?

So richtig viel Zeit hatte ich als Fußballprofi und junger Vater für eine Diplomarbeit ja nicht. Ich dachte, ich mache die mal schnell fertig, und habe das meinem Betreuer Professor Bös auch so gesagt…

Wie hat der reagiert?

Ich schlug ihm vor, etwas zum Thema Rückenschule zu machen. Da gab es, glaub ich, 48 Millionen Arbeiten vor und 49 Millionen danach. Bös aber sagte: „Nichts da! Das will ich nicht mehr lesen, das kann ich nicht mehr sehen. Aber es gibt da eine neue Trendsportart aus den USA. Die laufen da morgens durch die Malls.“ Ehrlich gesagt war ich erst mal überhaupt nicht begeistert. Aber dann haben wir uns doch in das Thema reingebissen gemeinsam mit einer Kommilitonin und haben eine richtige Untersuchung gemacht. Am Ende war es, so meine ich, die erste Diplomarbeit in Deutschland zum Thema Walking.

„Wir hatten tolle Professoren“

Gab’s bei Ihnen auch mal einen Punkt, wo Sie dachten, jetzt schmeiß ich das Studium hin! Oder gar nicht?

Den gab es bestimmt. Aber wir hatten tolle Professoren. Und die haben uns auch immer ein bisschen die Stange gehalten und uns Perspektiven aufgezeigt. Als ich begann, war Professor Kiphard noch da. Der war im Bereich Motopädagogik sicher die Koryphäe schlechthin. Und er war auch ein außergewöhnlicher Mensch. Und dann hatten wir Professor Schmidtbleicher in Trainingslehre, also einfach viele wirklich gute Leute! Das Problem, das viele junge Menschen heute haben, hatten wir damals auch. Wir wussten nicht so genau, wo es mit dem Studium hingehen sollte. Du musst dich irgendwie festlegen auf einen Schwerpunkt. Der war bei mir dann Prävention und Rehabilitation. Ich habe viele Praktika gemacht, unter anderem bei MPGU in Frankfurt. Das habe ich zwar gern gemacht, konnte aber abends nicht mehr abschalten nach der Arbeit mit diesen vielen schwerverletzten Menschen. Dann habe ich beim Fernsehen Praktika gemacht und bin dann glücklicherweise im Fußball hängen geblieben. Auch meine ganzen Ex-Kommilitonen, mit denen ich heute noch Kontakt habe, sind alle glücklich geworden mit dem Studium.

Hatten Sie noch irgendwelche Berührungspunkte in den letzten Jahren […] zur Goethe-Universität?

Klar, als ich noch in Mainz Trainer war. Inzwischen nicht mehr. Aber mein Leiter Athletik beim BVB, Andreas Schlumberger, hat an der Uni Frankfurt promoviert. Wir kannten uns zwar schon vorher, haben aber beide auch in Frankfurt studiert. Die Bilder meiner Kreuzband-Reha müssten eigentlich noch unten in der Sporttherapie hängen. Die haben wir damals zusammen gemacht, Andreas Schlumberger und ich. Und mit den Fotos und mit dem ganzen Bericht davon ist er dann touren gegangen und hat sogar Vorträge bis Finnland gehalten.

Wenn Sie den jungen Menschen einen Rat geben wollten, würden Sie ihnen zum Studium raten?

Ja, auf jeden Fall! Du kannst ein selbstständiger Mensch werden. Das ist sehr wichtig. Dein Einsatz, den du bringst, der zahlt sich entweder direkt aus, oder dein nicht erbrachter Einsatz fliegt dir auch sofort um die Ohren. Das sind alles Dinge, die du so nicht überall lernen kannst. Und es ist ein großer Sprung. Das war es für mich zumindest damals. Nach der Schule direkt ins Studium. Aber es ist eine tolle Erfahrung. Es ist die beste Art Wissen anzusammeln und dabei erwachsen zu werden, die ich mir so vorstellen könnte. Ich find’s heute immer schade, wenn Leute schon mit 22, 23 auf den Arbeitsmarkt geworfen werden als Bachelor.

„Ich würde mir wünschen, dass nach mir noch ungefähr Millionen anderer junger Menschen genauso viel Spaß haben“

Was wünschen Sie der Goethe-Universität zum hundertsten Geburtstag?

Alles Gute erst mal. Herzlichen Glückwunsch, liebe Goethe-Universität. Ich hatte viel Spaß mit dir. Und ich würde mir wünschen, dass nach mir noch ungefähr Millionen anderer junger Menschen genauso viel Spaß haben, dass sie bei dir viel lernen können, von dir viel lernen, von dir viel abgucken können, sich bei dir wohl fühlen können und zu besseren Menschen reifen. Oder zumindest den Start erleichtert bekommen in ein Leben, das nicht so schlecht ist, aber manchmal auch ein bisschen schwierig. Also, alles Gute, auf die nächsten Hundert, wir sehen uns. Ciao!

Die Fragen stellte Olaf Kaltenborn.

Video mit dem damaligen BVB-Trainer Jürgern Klopp