Er ist einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen und hat in den USA Karriere gemacht: Dr. Tobias Adrian – seit gut einem Jahr der Finanzmarktchef des Internationalen Währungsfonds, IWF. Sein Job beim IWF ist es, Risiken im Weltfinanzsystem aufzuspüren. Die nötige Erfahrung hat er:

Den Kollaps der Wall Street erlebte er aus nächster Nähe, damals als Volkswirt der Federal Reserve Bank von New York, des Ablegers der amerikanischen Notenbank in der Ostküsten-Metropole. Dort arbeitete er seit 2003 in verschiedenen Positionen, immer aber mit einem Fokus auf dem Kapitalmarktgeschehen.

Die geschäftsführende Direktorin des IWF, Christine Lagarde, schätzt an ihm besonders seine analytischen Fähigkeiten. Seine Analysen seien international hoch angesehen, erläuterte sie bei seiner Ernennung, und er habe zahlreich über die Themen Asset Pricing and Capital Markets, Geldpolitik und Finanzmarktthemen publiziert.

Tobias Adrian studierte an der Dauphine-Universität in Paris, an der Goethe-Universität in Frankfurt, an der London School of Economics und promovierte schließlich am renommierten Massachusetts Institute of Technology, MIT in Boston. Danach startete er seine Karriere in den USA und fing bei der US-Notenbank in New York an. Zur Goethe-Universität pflegt er nach wie vor engen Kontakt. Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats im Forschungszentrum SAFE am House of Finance.

Herr Dr. Adrian, Sie sind seit Anfang 2017 Chef-Finanz-Volkswirt des Internationalen Währungsfonds, IWF, und beraten Länder u.a. in Sachen Geldpolitik. In welchem Zustand befindet sich die Welt?

Die gute Nachricht lautet, dass der globale Wirtschaftsaufschwung Anlass zur Hoffnung auf eine nachhaltige Erholung gibt, so dass eines Tages die Normalisierung der Geldpolitik möglich sein wird. Auch ist das globale Finanzsystem in seinem Kern stärker geworden. Und auf globaler Ebene tragen günstige Finanzkonditionen und lebhafte Märkte bei zur Förderung des Wachstums und zur Wiederherstellung der Bilanzen.

Wir dürfen uns in diesem positiven Umfeld aber nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wenn wir nichts unternehmen, könnten die Anfälligkeiten, die gerade im Wachsen begriffen sind, die globale Erholung aus der Bahn werfen und das Wachstum in Zukunft gefährden.

Welche Risiken sehen Sie konkret?

Es gibt fünf wesentliche Schwachstellen.

Erstens: Das Marktrisiko nimmt zu, denn zu viel Geld ist auf der Jagd nach zu wenigen renditeträchtigen Vermögenswerten.

Zweitens: Die Verschuldung in den Volkswirtschaften der G20 nimmt zu, und die Fremdfinanzierung auf dem Privatsektor ist jetzt höher als vor der Finanzkrise.

Drittens: Auslandskredite in aufstrebenden Marktwirtschaften und Niedrigeinkommensländern nehmen ebenfalls zu.

„Die gute Nachricht lautet, dass der globale Wirtschaftsaufschwung Anlass zur Hoffnung auf eine nachhaltige Erholung gibt, so dass eines Tages die Normalisierung der Geldpolitik möglich sein wird.“

Viertens: Größe, Komplexität und Tempo der Kreditexpansion im Finanzsystem Chinas – allen voran Schattenkredite – verweisen auf eine erhöhte Gefährdung der Finanzstabilität.

Fünftens: Angesichts der extrem niedrigen Volatilität über die Vermögensklassen hinweg hat sich auf den Märkten eine gewisse Selbstgefälligkeit gegenüber einer Reihe potenzieller Schocks eingestellt.

Wichtige Zentralbanken sollten eine reibungslose Normalisierung ihrer Geldpolitik sicherstellen.

Finanzregulierer sollten makroprudenzielle Politikinstrumente einsetzen und eine größere Reichweite dieser Instrumente überlegen, um steigender Fremdfinanzierung und zunehmenden Stabilitätsrisiken Einhalt zu gebieten.

Die Wirtschaftswelt hört immer ganz genau hin, wenn Fachleute des IWF Vorhersagen über die Entwicklungen der Weltwirtschaft veröffentlichen. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?

Der IWF spielt eine Schlüsselrolle bei der Bewertung der wirtschaftlichen Gegebenheiten und Risiken für die Finanzstabilität. Wir überwachen die Wirtschaftsleistung und Finanzstabilität in unseren 189 Mitgliedsländern mit umfassenden Bewertungen der Wirtschaft (unsere sogenannten Artikel-IV-Konsultationen) und mit der Überwachung des Finanzsystems (die Analysen unseres Programms zur Bewertung des Finanzsektors).

Zudem bietet der IWF Ländern mit niedrigem Einkommen und Volkswirtschaften in Schwellenmärkten maßgeschneiderte politische Lösungen in Form von technischer Hilfe.

Schließlich hält der IWF Programme zur Kreditvergabe in Notfällen für Länder bereit, die sich in einer wirtschaftlichen Krisensituation befinden.

Die Arbeit des IWF hat direkten Einfluss auf unsere Mitglieder. Meine Abteilung (die Abteilung Geld- und Kapitalmärkte) ist spezialisiert auf Geldpolitik und Geldwirtschaft, Stresstests, Regulierung und Aufsicht über den Finanzsektor, Abwicklung von Banken und Bewertungen zur Finanzstabilität.

Es ist eine große Motivation für mich zu wissen, dass die Arbeit meiner Institution den Menschen in unseren 189 Mitgliedsländern praktische Unterstützung gewährt. Unsere Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zu vielen politischen Entscheidungen und Regelwerken unserer Mitglieder.

Ihre Analysen sind international hoch angesehen, ob es sich um Geldpolitik oder Finanzmarktthemen handelt. Was fasziniert Sie an dieser Branche?

Das Finanzsystem ist das Kreislaufsystem der internationalen Wirtschaft. Es unterstützt den Fluss von Investitionen und Liquidität in der Welt, untermauert den Welthandel und ermöglicht wirtschaftliches Wachstum. Viele Studien haben gezeigt, dass Fortschritt in der Finanzentwicklung mit dem Fortschritt in der wirtschaftlichen Entwicklung verknüpft ist. Leider kann es in diesem Kreislaufsystem immer wieder zu einem plötzlichen Stillstand kommen. Der IWF ist wie ein Arzt. Er muss Vorbeugemaßnahmen verordnen, überwachen, regelmäßig umfassende Bewertungen vornehmen, angemessene Regulierung sicherstellen und nötigenfalls Krisenintervention betreiben.

„Es ist eine große Motivation für mich zu wissen, dass die Arbeit meiner Institution den Menschen in unseren 189 Mitgliedsländern praktische Unterstützung gewährt.“

Wir führen für unsere Mitgliedsländer Bewertungen ihrer landesspezifischen Umstände im Rahmen unserer FSAPs (eine Art der bilateralen Überwachung) und wirtschaftsweiten Trends mit unserem Bericht zur Stabilität des globalen Finanzsystems (eine Form der multilateralen Überwachung) durch. Ich gehöre auch dem Lenkungsausschuss des Financial Stability Board (Rat für Finanzstabilität) an, und mein Stab ist im Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht vertreten. Diese internationalen Gremien haben die Aufsicht über weltweite Regulierungsstandards. Und wenn eine Krise eintritt, sind wir zum Einschreiten bereit. Der IWF ist also in gewisser Hinsicht ein Arzt, der immer Bereitschaftsdienst hat und Patienten dabei hilft, wirtschaftlich gesund zu bleiben. Ich bin fasziniert von der Aufgabe, das Weltwirtschaftssystem gesünder und belastbarer zu machen.

Gibt es in 10 Jahren noch Bargeld? Bezahlen Sie noch mit Barem?

Das ist eine sehr aktuelle Frage angesichts der gegenwärtigen Faszination mit Kryptowährungen wie Bitcoin. Diese Kryptowährungen bieten jetzt neue Alternativen zu Zahlungssystemen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass sie „Bargeldwährungen“ komplett verdrängen werden, aber neue Finanztechnologien – oder Fintech – werden Folgen für die verschiedensten Finanzdienstleistungen haben.

Fintech verspricht schnellere, kostengünstigere, transparentere und benutzerfreundlichere Finanzdienstleistungen für Millionen von Menschen in aller Welt. Die Möglichkeiten sind spannend, aber neue Technologien bergen auch neue Risiken. Die Eingrenzung dieser Risiken hat oberste Priorität, aber die Vorschriften dürfen nicht so eng gefasst sein, dass sie jegliche Innovation im Keim ersticken.

„Fintech verspricht schnellere, kostengünstigere, transparentere und benutzerfreundlichere Finanzdienstleistungen für Millionen von Menschen in aller Welt. Die Möglichkeiten sind spannend, aber neue Technologien bergen auch neue Risiken.“

Die Politikgestaltung muss beweglich, experimentell und kooperativ sein. Die Aufsicht muss neu ausgestaltet werden, die Vorschriften müssen starken Verbraucherschutz sicherstellen und die Regulierer müssen Schutzvorkehrungen gegen Missbrauch wie Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung treffen. Kooperation auf internationaler Ebene wird entscheidend sein, und da können Institutionen wie der IWF einen starken Beitrag leisten.

Sie machten Ihr Abitur am Humboldt-Gymnasium in Bad Homburg in Mathematik. War Ihnen das mathematische Abstrahieren in die Wiege gelegt?

Genau genommen habe ich zunächst Literatur und Mathematik gemacht. Ich glaube, dass man für einen wohlgerundeten Ansatz als Ökonom Elemente der literarischen wie der mathematischen Vorstellungskraft braucht. Viele Ökonomen sehen sich selbst als Wissenschaftler – wie Physiker – und abstraktes Denken ist für unseren Beruf auch wichtig. Eine Säule der Volkswirtschaft ist aber auch die Bewertung menschlichen Verhaltens, und da sind Kenntnisse aus Disziplinen wie Literatur und Psychologie gefragt. So lässt sich die Entstehung der „Verhaltensökonomie“ erklären, die sich auf Psychologie und Soziologie stützt.

Ihre Wurzeln liegen im Taunus. Wie hat Sie das geprägt?

Ja, ich wuchs in Bad Homburg auf und wurde in Kronberg geboren, beide im Taunus. Ich bin oft zum Wandern, Radfahren und Skilaufen in die Berge hinauf – auf langen Wanderungen konnte ich meine Gedanken sammeln und meine Betrachtungen zu Gesellschaft, Philosophie und Literatur vertiefen.

Der Taunus liegt in der Nähe von Frankfurt, dem Finanzmittelpunkt Deutschlands. Hier sind die wichtigsten Banken des Landes angesiedelt, ebenso die Bundesbank und die Europäische Zentralbank.

Mein Vater begann seine Laufbahn als Banker und wurde dann Dozent für Banker. Er war Rektor der Bethmannschule und lehrte Wirtschaftspädagogik an der Goethe-Universität. Wie Sie sehen, war ich als Spross eines solchen Umfelds wohl dazu bestimmt, in der Finanzökonomie zu arbeiten!

Die Fragen stellte Heike Jüngst

Das ganze Interview lesen Sie in der nächste Ausgabe des „Einblick“, dem Magazin für Alumni & Freunde der Goethe-Universität. Mehr Infos dazu hier »