Niels Dehio. Foto: privat

Niels Dehio durfte als einer der ersten Schüler Hessens parallel zur Schule studieren. Zehn Jahre danach bekommt er für seine Doktorarbeit die Bestnote. Jetzt forscht er als Informatiker zur Künstlichen Intelligenz mit Robotern und ist froh, damals ein Mathematik-Schülerstudium an der Goethe-Universität aufgenommen zu haben.

Es war eine Premiere: Zum ersten Mal war ein Schüler der Otto-Hahn-Schule in Hanau zur Teilnahme an Uni-Vorlesungen zugelassen. Wohlgemerkt vor dem Erreichen der Hochschulreife! Niels Dehio, ein begabter Schüler mit Leistungskursen Mathematik und Physik, war 2007 gerade in die Jahrgangsstufe 13 gekommen.

Da bot sich ihm die Chance, im Rahmen eines Schülerstudiums akademische Luft zu schnuppern. Er war sehr neugierig, was ihn im Wintersemester an der Goethe-Universität erwarten sollte. Zweimal pro Woche pendelte er dann von Hanau nach Frankfurt, an zwei Vorlesungen samt Übungen nahm er im ersten Semester teil.

„Lineare Algebra und elementare Stochastik waren die Themen“, erinnert sich Dehio. Als Schüler sei er schon ein Exot unter den Studierenden gewesen, wenn auch eher unauffällig in jeglicher Hinsicht: „Ich bin fachlich gut mitgekommen, habe die beiden Klausuren bestanden und damit auch gleich die ersten Credit Points erworben.“ Sein Interesse für die universitäre Mathematik war entflammt. Zusätzlich zum Seminarbetrieb traf er sich samstags mit einer studentischen Lerngruppe.

Über diesen Kontakt lernte er auch die Feierkultur an der Uni kennen, besuchte schon mal eine Studentenparty. „Ich hatte damals vor allem mit Erstis zu tun, und da war der Altersunterschied nicht besonders groß. Aber auch die Wissensunterschiede waren gering; vielleicht hatte ich sogar leichte Vorteile zumindest gegenüber den männlichen Studierenden, die noch vor dem Studium ihren Wehr- oder Zivildienst abgeleistet hatten und sich erst wieder in der Mathematik zurechtfinden mussten“, erklärt Dehio.

Von der Theorie zur Anwendung

Auch wenn er in der Schule sehr gut zurechtkam, sich in einem „schwierigem“ Fach wie Mathematik bisweilen sogar langweilte, war ein Studium damals keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Seine Eltern hatten auch eine Ausbildung vorgeschlagen. Doch dieses Thema war mit dem Schülerstudium vom Tisch, denn Dehio fand großen Gefallen an der akademischen Wissenskultur, wenn auch über einen kleinen Umweg: Die anfängliche Begeisterung für die Mathematik wich im darauffolgenden Sommersemester einer gewissen Ernüchterung: „Ich merkte, dass mir das Fach doch irgendwie zu theoretisch angelegt ist. Ich wollte gerne etwas studieren, das einen höheren Alltags- und Anwendungsbezug hat.“

Nach dem Abitur schrieb sich Dehio an der Technischen Hochschule Mittelhessen für Informatik ein. Die Bachelorarbeit schrieb er während eines Erasmus-Aufenthalts in der Schweiz, danach entschied er sich für den Masterstudiengang „Intelligente Systeme“ an der Universität Bielefeld. Nach dem Master of Science folgte er als Doktorand seinem Professor an die Technische Universität Braunschweig, wo er 2018 promovierte – die Dissertation wurde mit „summa cum laude“ ausgezeichnet.

Auch wenn er sich gegen ein Studium der Mathematik entschied, haben ihm seine profunden Kenntnisse des Faches einen guten Dienst erwiesen: „Erst als Informatiker habe ich wirklich erkannt, dass auch abstrakte Formeln ihre Anwendung finden können, zum Beispiel bei der Programmierung eines Roboters.“ Seit Anfang des Jahres forscht Dehio als Postdoc am KIT in Karlsruhe, das Thema Robotik und Künstliche Intelligenz hat er weiter im Blick.

Neben einer akademischen Karriere kann er sich auch noch viele andere berufliche Wege vorstellen. Aber unabhängig davon, ob er einmal als Professor an der Uni oder als Entwickler in der freien Wirtschaft arbeiten wird, betont er: „Ich bin der Goethe-Universität unendlich dankbar für diesen Einstieg in die akademische Welt – ohne das Schülerstudium hätte ich möglicherweise überhaupt nicht studiert!“

SCHÜLERSTUDIUM AN DER GOETHE-UNIVERSITÄT
Mit dem Schülerstudium bietet die Goethe-Universität Schülerinnen und Schülern ab der neunten Klasse die Möglichkeit, bereits während der Schulzeit kontinuierlich an ausgewählten Lehrveranstaltungen teilzunehmen und Studienleistungen zu erwerben. Die Teilnahme am Schülerstudium bietet begabten Schülern, die selbstständig, zielgerichtet und engagiert arbeiten können und wollen, eine Möglichkeit, ihre Fähigkeiten und Interessen auszuschöpfen.
Das Projekt hilft zudem bei der Studienorientierung. Ein positiver Nebeneffekt des Schülerstudiums – wenn auch nicht dessen Hauptzweck – ist die mögliche Verkürzung der Studienzeit, da erbrachte Studienleistungen zumindest von der Goethe-Universität bei Aufnahme eines regulären Studiums anerkannt werden können.
www.uni-frankfurt.de/60081644/Schuelerstudium

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.19 des UniReport erschienen.