Nicola Fuchs-Schündeln; Foto: Dettmar

Für ihre „methodologischen Innovationen und die konsequente Weiterentwicklung der Wirtschaftswissenschaften“ verlieh die DFG der Wirtschaftswissenschaftlerin Nicola Fuchs-Schündeln heute den mit 2,5 Millionen höchstdotierten deutschen Forschungspreis. Das Timing ist perfekt.

Es ist eine sehr große Ehre, den Gottfried-Wilhelm-Leibniz- Preis zu bekommen, und ich bin immer noch sehr überrascht und überwältigt“, erklärt Nicola Fuchs- Schündeln in ihrem schlichten Büro im House of Finance. Einziger Wandschmuck ist eine weiße Tafel, an der ein Gedankengang mit Formeln in blauer Schrift ausgeführt wurde.

Freude, aber auch einen großen Ansporn für die zukünftige Arbeit verspürt die 45-Jährige, die mit Master und Promotion in Yale, Assistenzprofessur in Harvard und einer Gastprofessur in Stanford glänzen kann. „Es ist ein Vertrauensvorschuss und Antrieb, weiterhin sehr gute Forschung zu leisten.“ In der ersten Phase des Exzellenzclusters für Normative Ordnungen nahm sie 2009 den Ruf nach Frankfurt an, wo sie als Wirtschaftswissenschaftlerin die Professur für Makroökonomik und Entwicklung übernahm.


Foto von der Preisverleihung am 19. März 2018 in Berlin

Verleihung der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preise 2018 am 19. März in Berlin: Prof. Dr. Beckert, Prof. Dr. Schmidt, Prof. Dr. Buonanno, Prof. Dr. Paul, Bundesministerin Karliczek, Prof. Dr. Fuchs-Schündeln, Prof. Dr. Pearce, DFG-Präsident Prof. Dr. Strohschneider (vorn v.l.), Prof. Dr. Latz, Prof. Dr. Ropers, Prof. Dr. Hornung, Prof. Dr. Schölkopf, Prof. Dr. Székelyhidi (hinten v.l.) / © DFG / David Ausserhofer


„Ich bin Teil des Clusters und freue mich daher über die positive Nachricht von der DFG in einer Phase, in der wir alle sehr enttäuscht sind über den unsicheren Fortbestand unserer Zusammenarbeit.“ Wie ist es der Professorin ergangen, als sie erfahren hat, dass sie zu den diesjährigen Preisträgern gehört? „Ich war unterwegs und habe es per E-Mail erfahren“, sagt sie und lenkt das Gespräch schnell von der Ehre zu den Aufgaben, die vor ihr liegen, und ihren wichtigsten Forschungsthemen.

Diese erklärt sie schnörkellos und allgemeinverständlich. Sie habe zwei große Themen: Das Konsum- und Arbeitsverhalten von privaten Haushalten und endogene Präferenzen. „Das ist ein relativ neues Feld, von dem man sagen könnte, dass ich es mitgeprägt habe.“

Präferenzen: nicht bloß angeboren

In den Wirtschaftswissenschaften gehe man üblicherweise davon aus, dass Präferenzen angeboren sind. „Ich habe daran immer gezweifelt und mich gefragt, ob nicht Staatsformen und Lebensumstände großen Einfluss haben.“ Allerdings sei es schwer, einen kausalen Effekt von der Wirtschaftsordnung auf die Präferenzen nachzuweisen, da umgekehrt die Präferenzen der Bevölkerung auch die Wirtschaftsordnung beeinflussten.

Die deutsche Wiedervereinigung habe ihr da die ideale Vorlage geliefert, um Kausalität zu belegen. So konnte sie die unterschiedlichen Einstellungen der zwei deutschen Bevölkerungsgruppen, die durch das Leben in unterschiedlichen Regimes geprägt wurden, gegenüber staatlicher Hilfe und Umverteilung vergleichen.

„Wir konnten die Wiedervereinigung als natürliches Experiment nutzen, da die ost- und westdeutsche Bevölkerung quasi zufällig den unterschiedlichen Regimes zugeordnet wurde. So weisen wir nach, dass Präferenzen nicht bloß angeboren sind, sondern von außen geprägt werden.“ Solche natürlichen Experimente seien in der Makroökonomie nur selten zu finden und hielten gerade erst Einzug in diese Forschungsrichtung.

Eine Verhaltensökonomin sei sie nicht, schätze aber sehr den interdisziplinären Austausch etwa mit Soziologen oder Politologen. Das Exzellenzcluster für Normative Ordnungen fördere dies und zeichne Frankfurt als Forschungsstandort aus. Mittel aus dem ERC-Grant, eine der höchstdotierten wissenschaftlichen Auszeichnungen der Europäischen Union, die sie 2010 einwarb, setzte sie für die Untersuchung der Frage ein, wie viele Stunden Menschen in armen Ländern im Vergleich zu Menschen in reichen Ländern arbeiten.

„Das ist interessant, um nicht nur Konsumunterschiede, sondern auch Wohlfahrts- und Produktivitätsunterschiede offenzulegen.“ Die Datenlage aus den ärmeren Ländern war schlecht. „Also haben wir Mikrodatensätze aus 80 Ländern zusammengesammelt. Es war viel Detailarbeit, zu prüfen, ob die Daten repräsentativ und vergleichbar sind.“ Das viel beachtete Forschungsergebnis:

Menschen im ärmsten Drittel der Länder arbeiten im Durchschnitt 10 Stunden mehr pro Woche als im reichsten Drittel. „Es reicht also nicht, Wohlfahrtsunterschiede mit dem Bruttosozialprodukt zu messen.“ Denn die Menschen in armen Ländern sind nicht nur konsumarm, sondern auch freizeitarm. „Wir arbeiten gerade daran, mit einem Modell die Ursachen für die Unterschiede über das gesamte Entwicklungsspektrum hinweg herauszuarbeiten.“

Ein breites Medienecho fand auch Fuchs-Schündelns Vergleich des Arbeitsvolumens von US-Amerikanern und Europäern. Auf Basis von OECD-Daten war bereits bekannt, dass Europäer weniger arbeiten als Amerikaner. „Wir fragten uns, ob das für alle Gruppen gleichermaßen zutrifft. Basierend auf Mikrodaten stellten wir fest, dass die Gruppe der verheirateten Frauen die größten Unterscheide aufweist, und zwar nicht nur zwischen Europa und den USA, sondern auch zwischen den verschiedenen europäischen Ländern.“

Die bisherige Literatur habe höhere Durchschnittssteuern in Europa als Erklärung herangezogen. Aber diese eignen sich nicht, um die Abweichungen bei der Gruppe der verheirateten Frauen zu erklären. „Wir haben ein makroökonomisches Modell aufgestellt, es mit den detaillierten Steuersystemen aus 18 Ländern gefüttert und herausgefunden, dass sich ein erheblicher Teil der unterschiedlichen Arbeitsstunden der verheirateten Frauen – insbesondere zwischen den europäischen Ländern – durch die unterschiedlichen Systeme der Besteuerung von Ehepaaren erklären lässt.“

Nicola Fuchs-Schündeln wird als 17. Wissenschaftler der Goethe-Universität ausgezeichnet: 1986 erhielten sowohl der Philosoph Jürgen Habermas als auch der spätere Nobelpreisträger und Biochemiker Hartmut Michel den begehrten Preis.

Es folgten der Historiker Lothar Gall (1988), der Physiker Reinhard Stock (1989), der Rechtshistoriker Michael Stolleis (1991), der Mathematiker Claus-Peter Schnorr (1993), der Physiker Theo Geisel (1994), der Chemiker Christian Griesinger (1998), der Paläontologe Volker Mosbrugger (1999), die Biologin Stefanie Dimmeler (2005), der Historiker Bernhard Jussen (2007), der Wirtschaftswissenschaftler Roman Inderst (2010), der Philosoph und Politikwissenschaftler Rainer Forst (2012), der Biochemiker und Mediziner Ivan Dikic (2013), der Rechtswissenschaftler Armin von Bogdandy (2014) und der Althistoriker Hartmut Leppin (2015).

Auch ökonomische Gründe bremsen Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt

So arbeiteten schwedische und deutsche Männer 15 Prozent weniger Stunden als US-Ehemänner. Das lasse sich mit hohen durchschnittlichen Einkommenssteuern in den beiden Ländern erklären. Vergleiche man nun aber die Ehefrauen in den drei Ländern, arbeiteten Schwedinnen fast so viel wie USamerikanische Frauen, die deutschen Frauen aber 34 Prozent weniger Stunden.

Die Erklärung dafür: Deutschland besteuert Ehepaare gemeinsam, implementiert durch das System des Ehegattensplitting. Der Grenzsteuersatz bei Zweitverdienern sei dadurch sehr hoch, was das Arbeiten unattraktiver mache. Schweden dagegen habe ein System der getrennten Besteuerung von Ehepaaren, so dass das Einkommen des Partners keinen Einfluss auf den Grenzsteuersatz habe. Berechne man den Steuersatz einer Frau, die mit einem durchschnittlich verdienenden Mann verheiratet ist und eine Vollzeitstelle annimmt, so liege dieser in den USA und Schweden bei 30 Prozent, in Deutschland dagegen bei 50 Prozent.

„Die USA haben niedrige Durchschnittssteuern, aber durch das System der gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren hohe effektive Steuern für Zweitverdiener. In Schweden ist es genau umgekehrt. In Deutschland dagegen fallen relativ hohe Durchschnittssteuern und die gemeinsame Besteuerung zusammen, was zu hohen negativen Arbeitsanreizen für Zweitverdiener in der Ehe führt.“

Es seien also keineswegs nur „weiche“, familiäre, sondern handfeste ökonomische Gründe, die die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt bremsten. Diesen Standpunkt vertritt Fuchs-Schündeln auch in politischen Gremien. So ist sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Finanzministeriums: „Ich bin wirklich davon überzeugt, dass das Ehegattensplitting die Arbeitsanreize von verheirateten Frauen in Deutschland verringert.“

Ob man überhaupt Frauen stärker in den Arbeitsmarkt einbinden wolle, sei natürlich eine politische Frage. „Vieles spricht aber dafür, wie etwa der Fachkräftemangel, aber auch Gleichstellungsaspekte. Die Besteuerung wäre also ein Hebel für die Politik.“ Dazu, wie ihre eigene Familie mit drei Söhnen ihr Arbeitsverhalten beeinflusst hat, will sie nichts sagen, denn nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie würden immer nur Frauen gefragt.

Nur so viel: „In den USA hat man mehr Vorbilder von Frauen, die Kinder haben und Karriere machen. Ich hoffe sehr, dass Deutschland hier Fortschritte macht, und wenn ich einen Beitrag dazu leisten kann, freut mich das.“

Gute Forschungsbedingungen in Frankfurt

Einblick in die Restriktionen politischer Arbeit zu bekommen, findet sie persönlich bereichernd. „Das ist sowieso das Schöne an meinem Beruf: Die Mischung aus Forschung, Lehre, Ausbildung der Nachwuchswissenschaftler und Politikberatung.“ Fünf Seiten lang ist ihr Lebenslauf. Auch als Herausgeberin zahlreicher wissenschaftlicher Journale engagiert sich Nicola Fuchs-Schündeln – mit glänzenden Augen:

„Eigentlich ist das reine Forschungstätigkeit. Man liest Papiere, versucht sie zu verstehen, zu verbessern und zu selektieren. Davon kann man nur profitieren, und die Interaktion mit anderen Wissenschaftlern in den Gremien macht Spaß.“ Auf europäischer Ebene tue sich viel in der Volkswirtschaftslehre. „Die Lücke zu den USA wird geschlossen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Die Entscheidung, von Harvard nach Deutschland zurückzukommen, habe sie nie bereut.

„Die Forschungsbedingungen hier sind gut und ich arbeite mit sehr guten Doktoranden und Kollegen zusammen.“ Besonders schätzt sie an den Frankfurter Wirtschaftswissenschaften die strukturierte Doktorandenausbildung in der Graduate School of Economics, Finance, and Management. Für die 2,5 Millionen Euro aus dem Leibniz-Preis kann sie natürlich noch kein fertiges Forschungsprogramm aus der Schublade ziehen.

„Ich werde aber auf alle Fälle Fragen zum Arbeitsmarktverhalten vertiefen und mehr genderspezifische Fragen darin aufnehmen, was ich sehr spannend finde.“ Die Arbeit sei sehr datenintensiv, so dass sie einigen jungen Wissenschaftlern Chancen biete. Generell sei sie gerade in der äußerst angenehmen Phase, neue Forschungsfragen zu entwickeln.

„In der Phase wäre ich auch ohne den Preis gewesen, da der ERC-Grant auslief und mehrere Projekte abgeschlossen wurden. Aber jetzt sind die Möglichkeiten besser“, freut sich die Wahl-Frankfurterin, die in ihrer Freizeit gern singt und Klavier spielt. „Das Timing ist perfekt. Der Leibniz-Preis kommt gerade richtig.“

[Autorin: Julia Wittenhagen]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.