Sein Thema ist die Bankenregulierung: Bijan Kaffenberger. Foto: Frank

Bijan Kaffenberger, Doktorand im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, tanzt auf vielen Hochzeiten. Und er betreibt auch einen YouTube-Kanal über seine Tourette-Erkrankung.

Zufrieden sitzt Bijan Kaffenberger am Freitagnachmittag vor dem RuW-Gebäude. Nicht nur, weil heute gerade das Sommerfest der Goethe-Uni bei strahlendem Sonnenschein begonnen hat. Er fühlt sich sichtlich wohl auf dem Campus Westend. Eigentlich arbeitet er hauptberuflich im Thüringer Wirtschaftsministerium als Referent für Digitale Infrastruktur, überlegt aber gerade, ob er nicht wieder ganz nach Frankfurt zurückkehren soll.

Denn Bijan, der bereits den Bachelor und Master an der Goethe-Universität gemacht hat, würde gerne mit seinem Promotionsprojekt bei Prof. Mark Wahrenburg vorankommen. Er beschäftigt sich darin unter anderem mit der Bankenregulierung. Vor Jahren war er auch Mitbegründer der Kritischen Ökonomik, die sich für Theorie- und Methodenpluralität auch in den Volkswirtschaft starkgemacht hat. „Auch wenn wir heute nicht mehr ‚Unter den Talaren ist der Muff von tausend Jahren‘ skandieren müssen, gibt es doch durchaus Lehr- und Lerninhalte, die es kritisch zu hinterfragen gilt“, betont Bijan.

„Das ist aber doch auch der Kern von Wissenschaft.“ Er ist ein politischer Mensch, war jahrelang bei den Jusos aktiv und sitzt heute als SPD-Mitglied im Parlament seiner Heimatgemeinde Roßdorf und ist Abgeordneter im Kreistag des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Wie bekommt man derart viele Aktivitäten und Orte unter einen Hut? „Ich denke nicht, dass ich besonders auf eine Sache fokussiert bin. Meine Interessen sind eben vielseitig, vielleicht wäre eine Fokussierung auf weniger manchmal sogar besser.“

Social Media als Bühne

Und ganz nebenbei hat es Bijan auch zu einer gewissen Berühmtheit in den Medien gebracht: Er war einige Zeit in der Online-Videoserie „Frag ein Klischee“ zu sehen, das sogar mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Dann ergab sich ein neues Format, das komplett auf ihn zugeschnitten ist, mit dem Namen „Tourettikette“. Dort spricht er in aller Offenheit über seine Tourette-Erkrankung und beantwortet Fragen seiner Fans.

Dort werden selbst ungewöhnliche Fragen wie „Hast Du schon mal Muskelkater wegen Deiner Tics?“ von Bijan, der in einem ironischen Setting neben einem Bärenfell auf einem Ledersessel thront, in aller Offenheit und mit viel Humor beantwortet. Seit ungefähr 20 Jahren lebt Bijan schon mit dem Tourette-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine nervliche Erkrankung, die mit Bewegungsstörungen einhergeht.

Wenn man sich mit ihm unterhält, kommt es bei ihm zu unwillkürlichen, plötzlichen Bewegungen, so genannten Tics. Doch Bijan geht offen und unverkrampft damit um, kann aber auch verstehen, wenn Leute bei der ersten Begegnung etwas irritiert darauf reagieren. „Ich erwarte von meiner Umwelt aber einen respektvollen Umgang mit meiner Erkrankung.“ An der Universität hat er eigentlich nur gute Erfahrungen gemacht, berichtet er:

„Vor allem ein großes Lob an die Verwaltung: Die hat mich wirklich großartig unterstützt.“ Bijan durfte beispielsweise seine Klausuren alleine schreiben, damit er sich besser auf die Prüfung konzentrieren kann, aber auch seine Kommilitonen nicht gestört werden. Auch an seinen Dozenten schätzt er deren einfühlsamen Umgang: „Spätestens im zweiten Semester kannten mich alle im Fach und konnten sich auf meine ungewollten Störungen einstellen.“

Die Uni ist für ihn weitgehend eine „diskriminierungsfreie Zone“, auch wenn er weiß, dass jenseits der Alma Mater auch andere Reaktionen auf seine Erkrankung vorkommen. Er weiß daher seinen großen Freundeskreis zu schätzen: „Das hilft natürlich ungemein, wenn es doch mal etwas unangenehm in der Öffentlichkeit wird.“ Als Jugendlicher stand Bijan noch in Behandlung, setzte dann aber die Tabletten ab. „Die Nebenwirkungen von Psychopharmaka und Neuroleptika sind recht groß, die Tics werden dadurch auch nur leicht unterbunden. Außerdem ist man ständig müde, hat keinen Appetit und darf auch keinen Alkohol trinken.“

Heute hat er „sein Tourette“, wie er seine Erkrankung hemdsärmelig nennt, akzeptiert. Nicht zuletzt wegen seines humorvollen und sympathischen Wesens und natürlich durch seinen YouTube-Kanal sind sogar die großen Medien auf ihn aufmerksam geworden, wie der Moderator, Komiker und Arzt Eckart v. Hirschhausen. In seiner Sendung „Hirschhausens Quiz des Menschen“ hatte Bijan kürzlich einen Auftritt, von dem er nur Positives zu berichten hat:

„Hirschhausen ist ein netter und auch sehr einfühlsamer Mensch, gerade weil er als Arzt über Erfahrungen mit neurologischen Erkrankungen verfügt.“ Positive und negative Klischees Bijan macht sein YouTube-Kanal „Tourettikette“ viel Spaß, aber er sucht auch die Öffentlichkeit, um über die vielen Facetten der Tourette- Erkrankung aufzuklären: „Ich möchte, dass dies auch anderen Betroffenen zugutekommt.“

Zugleich sieht er die mediale Öffentlichkeit auch als folgerichtig an, denn er stehe ja schon wegen seiner Tics auch im Alltag automatisch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Auf ZEIT Online hat Bijan einmal einen weit beachteten Vortrag darüber gehalten, dass „Menschen mit Besonderheiten“ zu Großem fähig sind. Er möchte diese These, die unmittelbar einleuchtet, aber noch differenzieren:

„Natürlich ist prinzipiell jeder dazu in der Lage, über sich hinauszuwachsen. Bei Menschen, die von einer gesellschaftlichen ‚Normalität‘ abweichen, ist es aber umso wichtiger, auf deren Potenzial hinzuweisen. Denn aus sich heraus allein können diese besonderen Menschen es meist nur sehr schwer schaffen, dazu bedarf es einer Gesellschaft, die auf Teilhabe aller ausgerichtet ist.“ Eine Besonderheit kann natürlich auch zum gerne zitierten Klischee mutieren, wenn beispielsweise Tourette-Kranke in Filmen als lauthals fluchende Außenseiter verzerrt dargestellt werden. Nerven Bijan diese Klischees?

„Nein, es hängt immer davon ab, wie gekonnt und reflektiert mit stereotypen Vorstellungen und Bildern umgegangen wird.“ Den Film „Vincent will Meer“ findet Bijan eher schwach, hingegen mag er den Film „Lammbock“: Dort spielt Wotan Wilke Möhring in einer Nebenrolle einen etwas prolligen Tourette-Kranken, der mit seinem Kumpel in seinem Campingwagen wohnt und seine Umwelt bisweilen mit heftigen Ausbrüchen und Sprüchen tyrannisiert. „Sehr amüsant, weil eben auch bewusst und ironisch überzeichnet“, findet Bijan.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.