Die Archäologin hat im ersten Corona-Jahr als Professorin an der Goethe-Universität angefangen.

Sonja Magnavita ist seit 2020 Professorin für Vor- und Frühgeschichte Afrikas am Institut für Archäologische Wissenschaften. Hier zeigt sie ein fragmentiertes Keramikgefäß aus einer Ausgrabung im Südwesten der Republik Niger. Es stammt aus der Eisenzeit und war wohl für Flüssigkeiten bestimmt.

Sonja Magnavita ist in der Frankfurter Römerstadt aufgewachsen. Eine Weichenstellung für die spätere Archäologin? Ihr wissenschaftliches Interesse richtet sich inzwischen aber vor allem auf Forschung im fernen Afrika. 2020 hat sie die Nachfolge von Prof. Peter Breunig an der Goethe-Universität angetreten.

Schon als Grundschülerin war sie Feuer und Flamme für die Archäologie. Die Familie wohnte in der Römerstadt, die antike Siedlung Nida war nahe. „Ich habe mich reichlich eigennützig angeboten, einen Teil des Gartens umzugraben, um einen Gartenteich anzulegen“, erzählt sie. Und tatsächlich fand sie etwas, ein Stück Kiefer, den sie bis in ihre Gymnasialzeit aufbewahrte. Doch die Hoffnung, sie habe den Knochen eines Urmenschen gefunden, bewahrheitete sich nicht. „Der Biolehrer ging mit mir in die Schulsammlung, und wir fanden heraus, dass es vermutlich von einem Schwein stammte, jedenfalls kein urmenschliches Fossil“, erzählt sie von ihrer ersten archäologischen Enttäuschung.

Begeistert von unbearbeiteten Scherben

Das hielt sie jedoch nicht vom Archäologiestudium ab, und seit Herbst 2020 ist Sonja Magnavita Professorin für Vor- und Frühgeschichte Afrikas an der Goethe-Universität. Sie trat die Stelle unter außergewöhnlichen Bedingungen an, denn Kontakte zu Studierenden sind in der Corona-Zeit nur sehr eingeschränkt möglich. Dabei sind gerade in der Archäologie diese Kontakte so wichtig. Sonja Magnavita hatte ein bilinguales Abitur am Liebig-Gymnasium mit Schwerpunkt Französisch absolviert, was sich bei ihren späteren Grabungsaufenthalten als äußerst nützlich erweisen sollte: „In Westafrika ist es schon sehr wichtig, dass man Französisch kann“, sagt sie. Und dass ihr Interesse besonders dieser Region gelten würde, wurde ihr schon bald klar. In einem der frühen Semester an der Goethe-Universität brachte der damalige Dozent Dr. Hans-Peter Wotzka – heute Professor und Leiter der Forschungsstelle Afrika an der Universität zu Köln – für eine Übung an Keramik eine ganze Kiste unbekannter Scherben aus Burkina Faso mit. „Die Funde waren noch nicht bearbeitet. Mich hat gleich begeistert, dass man da richtig Pionierarbeit leisten könnte“, erinnert sie sich. Denn anders als bei europäischen Fundstellen fehlten für große Regionen in Afrika noch weitgehend die stilistischen Vergleichsmaßstäbe, um Dinge in eine Chronologie einzuordnen.

Sonja Magnavita wurde studentische Hilfskraft bei Prof. Wotzka und anderen Mitarbeitern im Sonderforschungsbereich westafrikanische Savanne, im Zentrum standen Kultur- und Sprachentwicklung in verschiedenen Regionen. Ihre ersten Grabungskampagnen fanden 1996 in Nigeria und Burkina Faso statt. Für ihre Magisterarbeit konnte Magnavita eigene Grabungen durchführen, die sie anschließend zur Doktorarbeit erweiterte. Sie untersuchte eisenzeitliche Gräber, in denen Perlen und Waffen gefunden worden waren, Kauris aus dem indischen Ozean und Textilreste. Weil zum Teil weitgereiste Objekte enthalten waren, vermutete man zunächst ein geringes Alter, denn diese Materialien konnten nur durch Fernhandel ins Land gekommen sein. Doch naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigten: Viele Gräber stammten noch aus der Zeit vor der Eroberung durch die Araber und waren mindestens 1500 Jahre alt. Die Materialien waren wohl auf dem Landweg aus dem Mittelmeerraum und dem Orient in die Region gelangt – quer durch die Sahara. „Das war damals ein ziemlicher Knüller“, freut sich Magnavita noch heute.

Gründung einer Zeitschrift

Trotz der frühen Erfolge war ihr weiterer Werdegang nicht immer einfach. Stellen sind rar gesät, und mit der Geburt der Tochter im Jahr 2002 wurde es schwieriger, regelmäßig auf Grabungen zu fahren. Ihr Mann, den sie schon im Studium kennengelernt hatte, ist ebenfalls Afrika-Archäologe, er arbeitet derzeit am Frobenius-Institut an der Goethe-Universität. „Natürlich haben wir soweit möglich versucht, uns auch als Archäologen gegenseitig zu unterstützen und uns gemeinsam um die Kinderbetreuung zu kümmern“, erzählt sie. Mit der Gründung des „Journal of African Archaeology“ nahm Sonja Magnavita dann eine weitere Herausforderung an. Es gelang, die Zeitschrift, die mit der Goethe-Uni verbunden war, zu einem renommierten Fachblatt mit Peer-Review-System aufzubauen. „In den 15 Jahren hat sich mein Blick für wissenschaftliche Arbeiten stark geschärft, ich möchte die Zeit nicht missen“, sagt sie. Immer wieder befristete Verträge, im Anschluss an die Promotion beim Deutschen Archäologischen Institut in Frankfurt und Bonn, Grabungen in verschiedenen Ländern Westafrikas, 2011 dann das zweite Kind: „Es ist schon anstrengend, wenn man immer nicht weiß, wie es weitergeht“, sagt sie rückblickend. Das müsse man den Studierenden der Archäologie von Anfang an klarmachen: Stellen sind rar gesät, es gibt viele Sackgassen.

Sonja Magnavita hat es dennoch geschafft. Sie ist drangeblieben am Gegenstand ihrer Begeisterung, arbeitet seit jeher eng mit einheimischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen. Das hat ihr in den afrikanischen Regionen viel Vertrauen eingebracht. Ihre Habilitation absolvierte sie an der Ruhr-Uni Bochum, wo sie in einem eigenen Projekt forschte. Währenddessen arbeitete sie 2017 bereits als Vertretungsprofessorin an der Goethe-Universität. „Die Atmosphäre hier hat mir gleich gut gefallen, ich hatte mit vielen gemeinsame Themen“, erzählt sie. Besonders beeindruckt habe sie die Vielfalt der Themen und Sammlungen am Institut für Archäologische Wissenschaften. So ist die archäobotanische Sammlung für den Bereich der afrikanischen Vor- und Frühgeschichte eine der größten weltweit. Umso mehr schmerzt es sie, dass die wissenschaftliche Mitarbeiterstelle für Archäobotanik Afrikas im Zuge ihrer Berufung auf eine halbe Stelle gekürzt wurde. Denn die Archäobotanik sei quasi lebensnotwendig für die Afrikaarchäologie. „Ich wollte eine Forschungsgruppe aufziehen, ohne fest verankerte und erfahrene Mitarbeit in diesem Bereich wird das schwierig werden“, sagt sie. Auch die bedeutenden Forschungen der letzten Jahrzehnte, darunter jene zur Nok-Kultur, womit Peter Breunig die Frankfurter Afrika-Archäologie bekannt gemacht hat, wären ohne ein starkes Team nicht vorstellbar gewesen, ist Magnavita überzeugt. Auf alle Fälle aber freut sie sich auf innovative und vielfältige Forschungsstränge – und auf bald wieder mögliche persönliche Begegnungen und Gespräche.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 5/2021 (PDF) des UniReport erschienen.