Spannungsgeladen und interkulturell anschlussfähig / Interview mit Hartmut Leppin

Leibniz-Preisträger Hartmut Leppin setzt sich seinem neuen Buch mit einem Konzept auseinander, das die antike Wertschätzung der freien Rede in der Politik und im sozialen Leben zeigt, aber auch den religiösen Bereich prägte. Hartmut Leppin lehrt seit 2001 Alte Geschichte an der Goethe-Universität und ist Principal Investigator im Forschungsverbund »Dynamiken des Religiösen«.

UniReport: Was ist Parrhesie und was macht den Begriff so spannend, dass man ihm ein Buch widmet?

Hartmut Leppin: „Parrhesie“ heißt wörtlich „Rede von jedem oder über alles“. Es geht bei dem griechischen Wort „Parrhesie“ darum, dass in bestimmten Situationen Menschen, die normalerweise keine Autorität zu reden hatten, die niedriger gestellt waren als andere, sich trotzdem freimütig äußern konnten. Das Wort vollzieht eine komplexe Entwicklung von der klassischen attischen Demokratie, wo es das Recht und die Erwartung, sich an politischen Debatten zu beteiligen, zum Ausdruck bringt, bis hin zur christlich geprägten Spätantike, in der es auch das Verhältnis zwischen Mensch und Gott bezeichnet. Diese Geschichte schien mir besonders spannend.

Auf den ersten Blick scheint »Meinungsfreiheit« eine naheliegende Übersetzung für »Parrhesie«. Dennoch gibt es erhebliche Unterschiede.

Die deutsche Übersetzung, die mir am liebsten ist, ist „Freimut“. Ein altertümliches Wort, aber es passt sehr gut auch zu dem mitschwingenden Gedanken, dass man innerlich frei sein soll, um sich parrhesiastisch zu äußern. Die Meinungsfreiheit hingegen setzt eine Vorstellung von Politik voraus, nach der jedem Individuum als Mensch das gleiche Recht zukommt. In Athen kommen den freien Männern gleiche Recht zu, aber Frauen und Sklaven sind ausgeschlossen. Daher ist das Konzept ein anderes. Es gab auch bestimmte Bereiche, die von Parrhesie nicht abgedeckt waren, die wir der Meinungsfreiheit zurechnen würden, vor allem das Feld der Religion. Die Beleidigung der Götter blieb verboten und konnte sogar mit dem Tode bestraft werden.

Gerade das Feld der Religion zeigt auch, dass die Vorstellung einer Pluralität der Meinung nicht vorhanden war.

Das ist ein wichtiger Punkt. Parrhesie ist verbunden mit Wahrheit und diese Wahrheit wird als eine Wahrheit gedacht. Das Nebeneinander verschiedener Wahrheitsansprüche, das in der modernen Gesellschaft selbstverständlich, schwingt bei dem Gedanken nicht mit.

Ihr Buch verweist bereits durch seinen Titel »Paradoxe der Parrhesie« auf innere Spannung, die Sie mit den antiken Vorstellungen der freien Rede verknüpft sehen. Was sind die zentralen Spannungen und können diese uns für heutige blinde Flecke in der Debatte über freie Meinungsäußerung sensibilisieren?

Das grundlegende Paradox der Parrhesie ist, dass einerseits der Anspruch, dass jeder seine Stimme erheben kann, unbedingt wünschenswert ist und dass das andererseits dazu führt, dass eine solche Vielfalt von Äußerungen eintritt, dass sie gar nicht mehr beherrschbar ist. Das heißt, es ist fast zwangsläufig so – und das kann man in der Antike immer wieder beobachten –, dass eine Elite entsteht, die die Parrhesie in besonderer Weise gebrauchen kann. Das können Staatsmänner sein, das können Philosophen sein, das können besonders Fromme sein. Die Ausweitung des Anspruchs der Parrhesie bringt somit paradoxerweise eine Elitarisierung mit sich. Zugleich kann die Parrhesie die Waffe der Schwachen sein, weil sie nicht an den sozialen Status gebunden ist, sondern an Wahrhaftigkeit und den Mut, sich freimütig zu äußern, selbst wenn das Nachteile mit sich bringt. Wir haben nun die interessante Situation in der Gegenwart, dass das Monopol der Eliten, sich öffentlich zu äußern, aufgebrochen ist, insbesondere durch die sozialen Medien. Dadurch ist eine ganz andere Parrhesie möglich, die sich aber nicht unbedingt an eine gewisse ethische Grundhaltung gebunden fühlt, an einen gewissen Wahrheitsanspruch, der mit der antiken Parrhesie verbunden war.

Parrhesie ist ein Begriff, der in unterschiedlichen religiösen Traditionen auftaucht. Allerdings scheint mir, dass er im Judentum und Christentum eine größere Rolle spielt als in den religiösen Praktiken der klassischen Antike.

In der Tat taucht Parrhesie im religiösen Bereich weitestgehend bei Juden und Christen auf. Es gibt Parrhesie in Sinne einer Götterkritik vereinzelt schon vorher, aber das Bemerkenswerte zunächst in der jüdischen Tradition ist, dass das Gespräch des Gläubigen mit Gott eine ganz große Rolle spielt, und zwar als offenes und ungebundenes Gespräch. Soweit ich das sehen kann, entsteht unter griechischsprachigen Juden der hellenistischen Zeit, im 3. Jahrhundert vor Christus, ein Begriff der Parrhesie, der genau diese offene Ansprache an Gott bezeichnet. Sie erlaubt es auch, mit einem Gott zu hadern, etwa bei Hiob. Ein entsprechendes hebräisches Äquivalent ist mir nicht sichtbar geworden. Jener jüdische Sprachgebrauch wird von Christen übernommen. Sie bezeichnen ihrerseits das offene Gebet damit, übernehmen aber auch den Gedanken, dass Parrhesie es den Schwächeren, in dem Fall den Christen, ermöglicht, Kritik zu üben. Wenn von Parrhesie die Rede ist, ist dies dann auch für Nichtchristen verständlich. Zuvorderst sind hier Märtyrer zu nennen: Sie glauben einerseits, mit ihrem Märtyrertod zu Gott einzugehen. Andererseits kritisieren sie den politisch Mächtigen und verkörpert so diese Doppelrolle, die in der Parrhesie angelegt ist.

Religion ist auch der Zusammenhang, in dem das Wort »Parrhesie« vom Griechischen in andere Sprachen übergeht.

Ja, in seiner religiösen Bedeutung ist der Begriff auch in andere Sprachen eingegangen: ins Koptische, also die Sprache der christlichen Ägypter, ins Syrische, das eine Form des Aramäischen ist und ab Mitte des vierten bis ins neunte Jahrhundert die wichtigste Verkehrssprache im Vorderen Orient war, und sogar ins Arabische der Christen. Das zeigt, dass dieser Begriff interkulturell vielseitig anschlussfähig war. Er taucht auch im Hebräischen auf, interessanterweise aber nicht in der religiösen Bedeutung. Denn die Juden, die Hebräisch in der Kaiserzeit sprachen, setzen sich oft von denjenigen ab, die das Griechische verwendeten. Von ihnen wird der Begriff der Parrhesie im Sinne der offenen Äußerung im öffentlichen Raum verwendet, in einem klassisch griechischen Sinn, aber nicht in dem religiösen Sinn, dem andere Juden ihm verliehen hatten. Dadurch wird im Begriff Parrhesie auch die Vielfalt des Judentums und des Christentums in der Antike sichtbar.

Das hebräischsprachige Judentum der Antike verwendet das Wort »Parrhesie« im religiösen Kontext nicht oder kennt es auch keine vergleichbare Praxis?

Es gibt schon eine vergleichbare Praxis des Gebetes, aber diese Vorstellung wird eben nicht mit dem griechischen Wort „Parrhesie“ beschrieben, sondern mit anderen Wörtern.

Als bewusste Abgrenzung?

Ich nehme an, es war eine bewusste Abgrenzung von dieser Tradition, die auch zum Teil von den Christen usurpiert worden war, die ja kein Hebräisch mehr sprachen, sondern erst das Griechische verwendeten und dann auch das Latein.

Mit Blick auf Religion stellt sich auch die Frage, was Adressat*innen und Hörer*innen überzeugt: Sind es tatsächlich die Inhalte der Rede oder ist es das habituelle Anknüpfen an eine Tradition der freien Rede?

Wir haben nur vereinzelte Beschreibungen, aus denen wir Informationen ziehen können. Aber die parrhesiastische Rede des Märtyrers ist keine Rede mit missionarischem Charakter. Gelegentlich versucht er den Statthalter zu überzeugen – das kann übrigens auch von einer Frau ausgehen, einer Märtyrerin. Unter Christen – und das ist ganz wichtig – ist der Begriff der Parrhesie nicht an ein Geschlecht gebunden. Märtyrinnen und Märtyrer versuchen zwar den Statthalter von ihren Auffassungen in Kenntnis zu setzen, aber wenn sie ihn überzeugt hätten, dann wäre ja das ganze Martyrium nicht zustande gekommen. Insofern ging es nicht ums Überzeugen. Aber wir hören von Leuten, die diese Szenen beobachtet haben und die sich bekehrten. Sie stellen normalerweise die mutige Haltung des Gläubigen in den Vordergrund und nicht so sehr die Inhalte. Es geht offenbar um das Gefühl, dass dieser Glauben so mächtig ist, dass er Schwache ermächtigt, den Starken gegenüberzutreten.

Einer Ihrer Dialogpartner ist Michel Foucault, der sich in den 80er Jahren mit der Parrhesie befasst hat. Obwohl Sie die soziale Offenheit der Parrhesie herausstellen, kritisieren Sie an Foucault, dass er das widerständige Potenzial der Parrhesie überschätzt.

Bei Foucault ist Parrhesie ein ganz eigenartiger Begriff, weil er bei ihm erlaubt, aus der Episteme herauszutreten, also aus der gewöhnlichen Semantik, den Codes, Vorannahmen und Bedingungen, die nach Foucault Wissen vorstrukturieren. Demgegenüber ermöglicht Parrhesie für ihn eine große innere Freiheit. Das versucht er an antiken Phänomenen aufzuzeigen. Besonders beobachtet er dabei, was er den parrhesiastischen Dialog nennt, das Gespräch zwischen einem Philosophen und einem Kritisierten. Er sieht hierin eine offene Kritik, während nach meiner Deutung Parrhesie im Dialog eher dazu führt, dass vorhandene Werte bestätigt werden: Indem die Kritisierten auf Abweichungen gegenüber ihren eigenen Werten hingewiesen werden, wird die Ethik der Eliten in Erinnerung gerufen. Auf diese Art und Weise ist Parrhesie eher stabilisierend, eher affirmativ als grundlegend kritisch gegenübersteht Strukturen.

Wäre die Universität nicht ein typischer Ort der Parrhesie?

Sie sollte es sein, ein Ort, an dem jede Akteurin und jeder Akteur, gleich welchen Rangs, nur orientiert am Wahrheitsanspruch sich freimütig, eben mit Parrhesie, äußern kann, zugleich aber im Wissen um die Grenzen des Wissbaren und im Respekt vor abweichenden Meinungen, sofern sie gut begründet sind.

Fragen: Louise Zbiranski

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