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Die gesellschaftliche Relevanz des Fußballs und vor allem von Fußballgroßereignissen wie der aktuellen Weltmeisterschaft basiert sehr stark auf der damit verbundenen Emotionalisierung. Da die Wenigsten die Spiele live vor Ort erleben, sind es primär die Massenmedien, die für die Emotionalisierung des Publikums sorgen. Die Printmedien schüren die Emotionen ihrer Leserschaft dabei unter anderem dadurch, dass sie in ihren Berichten bestimmte Sprachbilder, Metaphern und Redewendungen nutzen. Aus welchen semantischen Feldern stammen diese Sprachbilder und unterscheiden sich die Tageszeitungen darin?

„Vom Weltmeister zum Pleitemeister in nur 11 Tagen.“ „ÖZIL – 2x Ärger und sonst nix.“ „Ohne Worte!“ – Mögliche Erwartungen der Konsumenten der BILD-Zeitung, der diese Schlagzeilen entnommen sind, bezüglich einer schonungslosen „Abrechnung“ (Titel der Ausgabe am 2. Tag nach dem Ausscheiden) wurden vollumfänglich erfüllt. In den Aufmachern und den zugehörigen Artikeln wurden klassische Sprachbilder bemüht, um das „apokalyptische Ende des deutschen Fußballs“ auch als solches zu beschwören.

Aus einem ersten Impuls heraus erscheinen solche sprachlichen Reaktionen vom Flaggschiff des deutschen Boulevards wenig überraschend. Weitet man den Blick auf die übrige Presselandschaft aus, so könnte von einer differenzierteren Verarbeitung des Ausscheidens ausgegangen werden – doch weit gefehlt. Auch die in der Öffentlichkeit überwiegend als ‚seriös‘ wahrgenommenen Zeitungen stehen der BILD mit ihren Sprachbildern und Metaphern zum Ausscheiden der deutschen Mannschaft in der Vorrunde der Fußball-WM in nichts nach.

Am Folgetag des Ausscheidens dominieren zeitungsübergreifend drastische Schlagzeilen wie „Öffentliche Leichenschau“, „Der deutsche Untergang“ (FAZ) oder „Zum Scheitern verurteilt“ (Frankfurter Neue Presse). Insgesamt fällt auf, dass eine Aufarbeitung fernab des neutralen sportlichen Vokabulars stattfindet und die Dramatik mittels verschiedener Kernmetaphoriken überhöht wird. Das gilt zum Beispiel für den wiederholten, zeitungsübergreifend gewählten Vergleich mit einem Todesfall: „Der Verstorbene war Weltmeister, er nannte sich ‚Die Mannschaft‘. Ruhe in Frieden“ (BILD).

Auch wird das Ausscheiden in den sprachlichen Kontext des Märchenhaften gestellt, wenn von der „Entzauberung“ (FAZ) einer glorifizierten Vergangenheit gesprochen wird, bei der die verbliebenen Königskinder rsp. Helden von einst „entthront“ wurden. Auffällig ist an dieser Stelle, dass als bildliche Darstellung des neuen Tiefpunkts nicht etwa der sprichwörtliche, profane „Boden der Tatsachen“ gewählt wurde, von dem aus eine Neuausrichtung im Sinne des sporttypischen Zyklus‘ prinzipiell stattfinden könnte, sondern eher ein endgültiges „Sterben“ ohne Zukunftsperspektive behauptet wird. Man könnte dies positiv als einen Moment des Erwachsenwerdens deuten: Die Helden sind gefallen, die Märchenstunde ist vorbei, nun heißt es aufwachen, aufstehen, Verantwortung übernehmen.

Die emotionalisierende Narrativisierung zeigt sich ferner durch die Nutzung von Bildern aus einem außerhalb des Fußball-Kontextes liegenden Sprachfeldes, der Ernährung. Wiederholt ist zeitungsübergreifend von „hungrigen“ und „satten“ Akteuren die Rede, wobei auffällig ist, dass pauschal die jungen Spieler als die hungrigen Spieler bezeichnet werden, während die älteren als die satten Spieler gelten. Damit wird den Weltmeistern von Rio die Verantwortung für das Scheitern zugeschrieben: Sie sind bequem und passiv statt forsch und aktiv („Wir sind zu satt!“ (BILD)), weil ihr existenzielles Hungergefühl seit vier Jahren gestillt ist. Assoziationen mit genereller Kritik am Auftreten der „Mannschaft“ lassen sich an dieser Stelle schwerlich vermeiden.

Während die meisten Tageszeitungen den Untergang der deutschen Mannschaft beschwören, hat das Sportportal SPOX eine Wortneuschöpfung hervorgebracht, die eine langjährige Entwicklung bis zu der am 27.06.2018 eingeläuteten Stunde null als Wurzel allen Unheils analytisch beschreibt. Die „Bierhoffisierung“ verdeutlicht ein Übermaß an „Quatsch“ und einen Mangel an „Identifikation“ und insbesondere die Kommerzialisierung zwischen Hashtags und „Coca Cola Fan Club Nationalmannschaft“. Vor diesem Hintergrund wird der Rückgriff der BILD auf Begriffe aus dem Sprachfeld der Wirtschaft, viel klarer: Wiederholt ist die Rede von „Abrechnung“, „Hat Löw noch Kredit?“, „Viel Kommerz, wenig Herz“, „Armutszeugnis“, „Bankrott“ und ähnlichem. Es bleibt offen, ob die Kritik nach einer erfolgreichen WM ähnlich ausgefallen wäre, oder BILD & Co. nicht doch auch auf diesen Kommerzialisierungszug aufgesprungen wären, wie es 2014 der Fall war.

Angesichts der in den gewaltigen Sprachbildern des boulevardesken Marktführers transportierten Kritik an der deutschen Mannschaft erscheint eine Erkenntnis durchaus überraschend: Es findet weiterhin eine Nutzung der „Wir“-Perspektive statt. Zwar wird innerhalb der Artikel durchaus deutlich gemacht, dass es sich selbstverständlich nicht um ein Kollektivversagen der deutschen Bevölkerung handelt, eine eindeutige sprachliche Abgrenzung (Bsp. „Die DFB-Elf“ o.ä.) findet jedoch nicht statt. Vielmehr wird der Leser, ob intendiert oder nicht, durch die gewählten Formulierungen in die Krisensituation miteinbezogen: „Wir haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt“, „Uns fehlte ein Anführer wie Lahm…“. Das ist insofern bemerkenswert, als eine klar von den Zuschauern abgegrenzte Nationalmannschaft doch viel einfacher zum Symbol des Scheiterns hätte erklärt werden können. Offensichtlich ist eine negative Identifikation besser als gar keine.

Das Ausscheiden des deutschen Fußballteams scheint die gesamte deutsche Presselandschaft tief getroffen zu haben, geht man von ihren hoch emotionalen Berichten aus. Die Dimension der Dramatik in den Artikelüberschriften zeigt sich zeitungsübergreifend auf einem ähnlichen Niveau. Allerdings differiert der Grad der Sachlichkeit innerhalb der Artikel erkennbar: So bevorzugt die Bild Ausdrücke wie „Desaster“ oder „Katastrophe“, während die FAZ und FNP für denselben Sachverhalt zumindest auch sportimmanente Begriffe wie „Ausscheiden“ oder „Scheitern“ verwendet. Nichtdestotrotz bleibt festzuhalten, dass die printmediale Rezeption des Ereignisses insgesamt ein historisch-desaströses Bild zeichnet. Für eine konstruktive Zukunft ist es deshalb nicht nur spannend, den Turnaround des DFB zu beobachten, sondern ebenso den Umgang mit zukünftigen Erfolgen oder Niederlagen der DFB-Auswahl in der deutschen Presse.

[Lasse Müller und Maurice Stach,
Studierende des Masterstudiengangs Sozialwissenschaften des Sports]