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Die große Bühne „Fußball-Weltmeisterschaft“ bietet nicht nur den schon zu Stars erkorenen Spielern die Möglichkeit, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, auch Newcomer geraten häufig innerhalb weniger Tage auf das Radar internationaler Top-Clubs. Nationalteams, Nationalverbände und sogar ganze Länder nutzen das Geschehen auf und rund um den WM-Rasen, um ihr Image in der Welt in das gewünschte Licht zu rücken. Das Geschehen auf dem Platz zeigt uns hauptsächlich das Fernsehen – das Geschehen abseits des Stadions wird vor allem in den sozialen Netzwerken bereitwillig und umfänglich dargeboten. Wie aber nutzen die Akteure die Möglichkeiten, die ihnen die sozialen Medien bieten? Dieser Frage sind Studierende des Masterstudiengangs Sozialwissenschaften des Sports an der Goethe-Universität in einem Seminar zur Soziologie des Mediensports nachgegangen. Sie haben dazu die deutsche Fußballnationalmannschaft in den sozialen Medien analysiert, insbesondere nach dem zweiten Spiel bei der WM 2018 gegen Schweden. 

Schon Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland gab der Deutsche Fußballbund (DFB) den Hashtag #zsmmn als offiziellen Claim und damit als übergeordnetes Motto für das gewünschte und zu transportierende Bild der deutschen Nationalmannschaft aus. Obwohl die Buchstabenkombination keine Vokale enthält, lässt sich – zumindest auf dem zweiten Blick – eindeutig das deutsche Wort „zusammen“ erkennen. Die Botschaft ist klar: Die große Aufgabe „Titelverteidigung“ soll im Kollektiv, als Team in Angriff genommen und gemeistert werden.

Allerdings ist das weder eine neue noch eine überraschende Maßgabe des DFB. Mit „Die Mannschaft“ bemüht sich der DFB seit einiger Zeit, ein Pendant zur „Selecao“ (Brasilien), „Les Bleus“ (Frankreich), „Furia Roja“ (Spanien) oder der „Squadra Azzurra“ (Italien) zu etablieren. Das ist zum einen eine Konsequenz dessen, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft international schon lange als „La Mannschaft“ oder „El Mannschaft“ bezeichnet wird. Zum anderen ist es aber auch eine Marketingstrategie, mit der der DFB versucht, sich als Marke im Weltmarkt des Fußballs zu etablieren. Da der globale Fußballmarkt ganz besonders ein Medienmarkt ist, setzt der DFB seinen Markennamen entsprechend medienkonform als #diemannschaft in Szene. Dass damit ein bestimmtes Bild der deutschen Fußballnationalmannschaft transportiert werden soll, ist offensichtlich: Es gibt keine herausgehobenen Einzelspieler, keine Individualisten – der Star ist das Kollektiv, das Team, eben #diemannschaft. Fast wirkt es so, als wolle man jede Form von individuellen Ausreißern per Definition aus der deutschen Auswahl fernhalten.

#diemannschaft zerfällt online in ihre Einzelteile

In den sozialen Medien werden die offiziellen Hashtags des DFB mal mehr, mal weniger gewissenhaft von den #diemannschaft konstituierenden Individuen, den 23 Spielern, verwendet und geteilt. Betrachtet man die Posts der Nationalspieler nach der Partie gegen die schwedische Mannschaft im zweiten Vorrundengruppenspiel auf Instagram, Twitter und Facebook, kommt man zu einem ambivalenten Ergebnis: Einerseits findet man dort eine sehr vertraute, irgendwie erwartbare, nämlich selbstbezügliche Nutzung der sozialen Medien. Andererseits hat es den Anschein, dass die mit den Hashtags #zsmmn und #diemannschaft assoziierten und vom DFB bewusst gestreuten Attribute, die womöglich auch als explizite Leitlinie für das mediale Verhalten der Spieler fungieren sollen, für diese selbst keine große Relevanz haben.

Egal, welchem Nationalspieler man einen virtuellen Besuch abstattet: Nicht das Team ist auf den Fotos zu sehen, sondern die einzelnen Pinwand-Eigentümer höchstpersönlich. Das wäre nun nicht verwunderlich, wenn es sich um Selfies der Spieler handeln würde. Dem ist aber nicht so. Die Profile zieren handverlesene Sportfotos der professionellen Fotografen vom Spielfeldrand, auf denen die Spieler zumeist alleine abgelichtet sind. Dass ausschließlich Fotos der einzelnen Spieler existieren, ist allerdings unwahrscheinlich. Allein das obligatorische Team-Foto kurz vor dem Anpfiff wäre eine Möglichkeit gewesen, sich als Mitglied einer Mannschaft zu inszenieren.

Die Spieler rücken jedoch sich selbst in den Mittelpunkt ihrer Posts und Tweets – mal als heroischer Erlöser (Kroos), als Kämpfer (Rudy), als fairer Sportsmann (Gündogan), als Triumphator (Müller). Anstatt Bilder zu zeigen, auf denen sie eingebunden in das Team zu sehen sind, inszenieren sich die Spieler mehrheitlich als Individuum, teilweise unterstrichen mit eigenen Hashtags zur Selbstvermarktung.

Auffällig ist das mediale Verhalten der Spieler, die während des Spiels zum Einsatz kamen, im Vergleich zu jenem der Ersatzspieler: Während diejenigen, die #zsmmn auf dem Platz standen, sich selbst auf Instagram, Facebook und Twitter in den Vordergrund rücken, rücken die Ersatzspieler #diemannschaft in den Mittelpunkt. Spieler wie Khedira, Trapp, Ter Stegen posten nicht sich selbst, sondern fast ausschließlich Gruppenbilder. #zsmmn sind wir stark nur auf der Bank?

Die Wahrheit liegt auf dem Platz – #zsmmbrch

Bemerkenswert ist also, dass ein Großteil der Spieler zwar die offiziellen Hashtags des DFB #zsmmn und #dieMannschaft nutzt, aber sich kaum als Mannschaft in Szene setzt. Das gilt zumindest für die geposteten Fotos. Da in den sozialen Medien die Bildbotschaft jedoch die primäre weil präsentere ist, die des Textes und der Hashtags hingegen zweitrangig, stellt sich die Frage, was denn eigentlich mit „Die Mannschaft“ gemeint ist, wenn sie nie zu sehen ist. Ist es bloß ein unreflektiert genutzter Marketing-Slogan, oder steckt doch mehr dahinter? Sind die Aussagen über Teamspirit, Zusammenhalt und Gruppenmentalität der Sportler und Trainer in den Interviews nur inszenierte Phrasen für die Medien und die Fans? Sind also die selbstinszenierten Bilder auf Instagram ‚echter‘, ‚authentischer‘, ‚ehrlicher‘? Oder verhält es sich doch andersherum? Nach dem Ende der Vorrunde scheint die Antwort eindeutig: #dieMannschaft war lediglich eine Ansammlung von Individuen und anstelle als Team agierte jeder für sich #lln. Der #zsmmbrch war so gesehen nur konsequent.

[Analyse von Maurice Stach und Lukas Schwank,
Studierende des Masterstudiengangs Sozialwissenschaften des Sports]