Seit acht Jahren bietet die Goethe-Universität in Kooperation mit der international renommierten Städelschule und sechs Museen einen der wenigen Masterstudiengänge in Deutschland an, der auf eine Tätigkeit als Museumskurator, Ausstellungsmacher oder Kunstkritiker vorbereitet.

Wer in Frankfurt Curatorial Studies wählt, findet in der Stadt mit mehr als 30 Museen, der Touristenattraktion Museumsufer und ihren weithin beachteten Ausstellungen viele Anschauungsobjekte, aber auch Praktikumsplätze. Durch feste Kooperationspartner bietet der Masterstudiengang engen Kontakt zur Städelschule und zu Kuratoren aus sechs Museen.

Dennoch bedurfte es viel Eigeninitiative, um den Kooperationsstudiengang im Wintersemester 2010/11 aus der Taufe zu heben. Die Kunsthistorikerin Stefanie Heraeus hatte die richtige Eingebung, als sie bei einem Aufenthalt in den USA, wo Curatorial Studies viel verbreiteter sind, auf Frankfurt schaute: „Wir haben auf kleinstem Raum eine international ausgerichtete Museumsszene, eine Universität mit breitem wissenschaftlichen Zugang und eine der renommiertesten Kunstschulen.“

Aus ihrer Sicht waren das die perfekten Zutaten für ein neues berufsbildendes Studienangebot. „Mit vielen Idealen bin ich an die Sache herangegangen, kannte keinen aus der Kunstszene, habe aber einfach alle angesprochen.“ Daniel Birnbaum, damals Leiter der Städelschule, sagte sofort zu und öffnete damit weitere Türen: Städel Museum, Liebieghaus Skulpturensammlung, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt, Historisches Museum Frankfurt, Weltkulturen Museum und Portikus wurden Partner.

„Nur an der Uni gab es noch etwas Skepsis wegen der ungewohnten Praxisnähe. Doch Kunsthistoriker Thomas Kirchner, damals Professor in Frankfurt, heute Direktor des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris, und Univizepräsident Manfred Schubert-Zsilavecz gaben grünes Licht. „Von Beginn an stießen wir auf breites Interesse. Ein Drittel der rund 15 Plätze, die wir jedes Jahr vergeben, belegen internationale Studierende.“

Bei der gewünschten Vorbildung stellen sich die Curatorial Studies bewusst breit auf. Bewerben können sich junge Leute mit Bachelor in Kunstgeschichte, Philosophie, Geschichte, Ethnologie oder Archäologie. Sie alle lernen, Kunst zu bewerten, einzuordnen und spannendende Ausstellungen zu konzipieren und organisieren. Für erste eigene Versuche haben die Studierenden sogar einen eigenen Ausstellungsraum unweit des Römers.

Im ersten Jahr kommen sie in Kontakt mit den kooperierenden Museen, werden eingebunden in Diskussionen um die Konzeption und Realisierung von Ausstellungen und Sammlungspräsentationen. Für Lena Steinkampf, die über ein Praktikum bei der Kestner Gesellschaft in Hannover nach dem Philosophiestudium auf die kuratorische Arbeit aufmerksam wurde, „ein großes Privileg“.

Veranstaltungen an der Universität dienen der Vertiefung des Fachwissens. Ferner werden Kriterien und Kategorien der Kunstkritik sowie theoretische Grundlagen in Kunsttheorie und Ästhetik diskutiert und die Geschichte des Museums und des Ausstellungswesens vermittelt. Lena Steinkampf nutzt gerade ihre Chance, ein Seminar der Feuilleton-Leiterin der Süddeutschen Zeitung, Catrin Lorch, zu belegen.

„Wir werden journalistische Texte verfassen und so das Feld der Ausstellungskritik näher kennenlernen.“ Im zweiten und dritten Semester erarbeitet jeder Jahrgang als Gruppe mit Lehrenden aus Universität und kooperierenden Museen ein konkretes kuratorisches Projekt. „Mein Jahrgang ist gerade in der Planung und es zeichnen sich schon jetzt die vielen Handlungsfelder ab, die wir übernehmen müssen“, berichtet Steinkampf.

Städelschule als zweiter Standort

2013 kuratierten die Studierenden in Kooperation mit dem MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt ein Performance- und Filmprogramm für einen Penetrável von Hélio Oiticica. 2014 erarbeiteten sie die Kabinettausstellung Vergessene Körper: Helmut Kolle und Max Beckmann in Kooperation mit dem Städel Museum, 2015 die Ausstellungsserie Doppelzimmer für die 3½ der KW Institute for Contemporary Art Berlin.

2016 kuratierten sie die Gruppenausstellung After facts – Pudding Explosion rearticulated in einer leer stehenden Frankfurter Apotheke und 2017 die Fotografie-Ausstellung „The Biography of Things“ in Zusammenarbeit mit der Deutsche Börse Photography Foundation und der Klasse von Martin Liebscher der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach am Main.

Für Kontakt zu bildenden Künstlern und Architekten sorgt die Städelschule als zweiter Standort des Lehrangebots über gemeinsame Lehrveranstaltungen und die gemeinsame Nutzung der Räumlichkeiten. „Das bringt einen ganz anderen Diskurs in unser Lehrangebot.“ Auch das reichhaltige Vortragsprogramm dort lockt. „Fast jeden Abend findet etwas statt. Daraus entwickeln sich sehr intensive Kontakte auch außerhalb des Lehrplans.“

Internationale Gastprofessoren weiten in der Städelschule und an der Goethe-Uni den Blick der Studierenden. Gutes Englisch ist insofern Voraussetzung. „Ich habe die Zeit mit den Studierenden in Frankfurt genossen. Das war eine der besten und aufmerksamsten Gruppen, die ich je erlebt habe“, lobte neulich Julia Bryan-Wilson, Professorin für Modern and Contemporary Art aus Berkeley.

Ben Livne Weitzman kam extra aus Tel Aviv, wo er Geisteswissenschaften und Kunst studierte, nach Frankfurt: „Anders als andere Kuratorenstudiengänge hat dieser hier zwei Eltern: Goethe-Uni und Städelschule. Damit bietet er eine einzigartige Schnittstelle zwischen Kunstgeschichte und bildender Kunst, zwischen theoretischem Diskurs und einem bodenständigeren kreativen Ansatz, zwischen deutscher Universität und internationaler orientierter Kunstschule.“

Da er sich selbst künstlerisch mit Fotografie und Videokunst beschäftigt, schätzt er, dass die Betonung eher auf Theorie und Konzept liegt als auf Management und Verwaltung. Auch der interdisziplinäre Ansatz erwies sich als fruchtbar: „Wir wollten keineswegs nur Kunstgeschichte-Studierende ansprechen und auch den Blick nicht wie alle anderen nur auf die Gegenwart richten“, erklärt Stefanie Heraeus.

Von daher habe man bewusst das Historische Museum und das Museum für Weltkulturen in den Studiengang einbezogen. „Wir freuen uns sehr über Bewerber aus den benachbarten Fächern.“ Schließlich würden bestimmte Themen von den Kulturwissenschaften genauso wie von der Kunst verarbeitet. „Die kunsthistorische Sicht ist sehr von der europäischen und amerikanischen Perspektive geprägt.

Heute ist in vielen Museen aber der globale Blick Ausgangspunkt für die Geschichten, die durch die Exponate erzählt werden und möglichst viele verschiedene Menschen ansprechen sollen.“ Das merke man beispielsweise am neu eröffneten Historischen Museum in Frankfurt. „Es ist ein Stadtmuseum. Aber wer ist die Stadt? Ihre internationalen Einwohner.“

Weitere Herausforderungen für angehende Kuratoren: die Digitalisierung und neue Möglichkeiten der Mediennutzung. Seit den 60er Jahren habe sich der Beruf des Kurators grundlegend verändert: „Die Institution Museum wurde infrage gestellt, die zeitgenössische Kunst hielt Einzug. Es ging nicht mehr nur um das Werk toter Künstler. Die Auseinandersetzung mit lebenden Künstlern gewann an Bedeutung.“

Großes Interesse der Museen an Absolventen

Für berufliche Orientierung sorgt ein zweimonatiges Praktikum, „welches manche Studierende auch über eine längere Zusammenarbeit mit wenigen Wochenstunden strecken“, weiß die Studiengangsleiterin Heraeus. Daraus sei schon so mancher Werkvertrag hervorgegangen. „Die Museen sind sehr interessiert an unserem Studiengang und an unseren Absolventen“, kann sie stolz berichten.

„Wir haben fast keine Studienabbrecher und wer den Abschluss hat, kommt meist unter. Oft bekommen unsere Studierenden sogar vor der Masterarbeit schon ein Angebot.“ Dazu gehört Absolvent Sebastian Schneider, der als wissenschaftlicher Volontär am Lenbachhaus in München angefangen hat zu arbeiten. Er fühlt sich durch das Studium gut vorbereitet und lobt die „gute Anbindung an Institutionen wie Museen und Kunsthochschule und den hohen Durchlauf an internationalen Gästen aus der Kunstwelt“.

Die Liste der Alumni in guten Positionen ist lang und trägt natürlich auch zum weiteren Gedeihen des Studiums bei. Julia Friedel etwa hält engen Kontakt zu den Studierenden. Sie arbeitet seit Ende 2016 als Kuratorin am Weltkulturen Museum in Frankfurt: „Ein Highlight des Masterstudiengangs war für mich das Modul ‚Curators Series‘. Dieses Format ermöglichte uns Studierenden, uns mit Kuratoren der verschiedenen Frankfurter Museen auszutauschen, hinter die Kulissen von aktuellen Ausstellungen zu blicken und Konzepte zu diskutieren.“

Erst vor Kurzem war eine Gruppe der Curatorial Studies in ihrem Museum zu Gast, „um gemeinsam über unsere nächste Ausstellung ‚Gesammelt. Gekauft. Geraubt? – Fallbeispiele aus kolonialem und nationalsozialistischem Kontext‘ zu sprechen, die ab 16. August 2018 zu sehen sein wird. Das Gespräch mit den Studierenden war für uns Kuratorinnen sehr bereichernd.“

Auf die gelungene Verzahnung von Theorie und Praxis und dem Standort Frankfurt als drittem Erfolgsfaktor kann Stefanie Heraeus stolz sein. So werden viel mehr Ressourcen genutzt als die Goethe-Universität jemals aufbieten könnte. „Die Theater-, Film- und Medienwissenschaften und die Musikwissenschaften gehen einen ähnlichen Weg. Intern ist das für uns das Frankfurter Modell.“

Autorin: Julia Wittenhagen

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.18 des UniReport erschienen. PDF-Download »