Von links: Prodekan Prof. Christoph Menke, Dekanin Prof. Susanne Schröter, Studiendekan Prof. Bernhard Jussen; Foto: Gärtner

Von links: Prodekan Prof. Christoph Menke, Dekanin Prof. Susanne Schröter, Studiendekan Prof. Bernhard Jussen; Foto: Gärtner

Von Kant bis Malinowski: Der Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften (FB 08) im Kurzprofil.

Frankfurt ist als Weltstadt das Zuhause von Menschen verschiedenster Kulturen. Die Stadt ist auch Heimat einer Universität, die als Wiege der kritischen Theorie gilt und die mit ihrem Sitz im alten Gebäude der IG Farben eine lebendige Stätte historischer Auseinandersetzung ist. In Frankfurt und vor allem an der Goethe-Universität gibt es also genügend Stoff für die Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit und deren historischen Wurzeln. Am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften (FB 08) sind einige der Disziplinen vereint, die einen großen Beitrag zu dieser Aufgabe liefern: das Institut für Philosophie, das Historische Seminar, das Seminar der Didaktik der Geschichte und das Institut für Ethnologie.

Das auffälligste Merkmal der unter einem institutionellen Dach vereinten Bereiche ist jedoch ihre Diversität. »Die Zuordnung unserer Disziplinen in einem gemeinsamen Fachbereich hat vor allem historische Gründe«, sagt Christoph Menke, Professor am Institut für Philosophie und seit Oktober 2016 Prodekan für den Fachbereich 08. »Inhaltlich und methodologisch arbeiten unsere Disziplinen sehr unterschiedlich.« Das Institut für Philosophie ist mit derzeit neun Professuren im Fachbereich vertreten. Dass verschiedene Arbeitsweisen gut miteinander auskommen können, kennt Menke aus dem eigenen Alltag.

Das Institut für Philosophie verbinden viele – verstärkt durch die enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialforschung (IfS) und dessen Direktor, dem Philosophen Axel Honneth – mit der Frankfurter Schule. Diese ist jedoch nur eine der am Institut vertretenen Traditionen. »Unser Institut ist weitaus vielfältiger und war neben der Frankfurter Schule immer auch Heimat historisch-hermeneutisch arbeitender Traditionen, heute sind dies vor allem sprachanalytische Ansätze«, sagt Christoph Menke. Die Forschungsbereiche des Instituts reichen über Erkenntnistheorie, Ästhetik, Metaphysik und Logik bis hin zu Politischer Philosophie, Religionsphilosophie, Sprach- und Sozialphilosophie.

Die Studiengalerie 1.357 im IG-Farben-Haus ist ein Projekt des Historischen Seminars; Foto: Privat

Die Studiengalerie 1.357 im IG-Farben-Haus ist ein Projekt des Historischen Seminars; Foto: Privat

Das Institut initiiert verschiedenste, großangelegte Forschungsprojekte wie die Herausgabe eines umfassenden aktuellen Kant-Lexikons unter der Leitung von Prof. Marcus Willaschek oder das deutsch-französische Verbundprojekt »saisir l’Europe – Herausforderung Europa« unter der Leitung von Prof. Matthias Lutz-Bachmann und Prof. Pierre Monnet. Das Historische Seminar ist mit zehn Professuren das größte Institut des Fachbereichs. Eine besondere Rolle in der Forschung spielt – gerade an einem Standort wie dem IG-Farben- Haus – die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, was sich unter anderem in der engen Zusammenarbeit mit dem interdisziplinär ausgerichteten Fritz-Bauer-Institut widerspiegelt.

Zusammen mit dem Fritz-Bauer-Institut richtet das Historische Seminar ab 2017 die bundesweit erste Professur für Holocaust- Forschung ein. »Mit dieser Professur setzen wir ein Zeichen. Die Gegenwart des Holocaust und des NS in den heutigen Diskussionen ist ein fundamentaler Teil unserer politischen Kultur«, sagt Bernhard Jussen, Professor für Mittelalterliche Geschichte und Studiendekan des Fachbereichs. In diesem Sinne stärkt das Institut auch die Ausrichtung auf religiöse Kulturen. Soeben ist auf eine bislang klassisch mittelalterlich ausgerichtete Professur Dorothea Weltecke berufen worden, eine Spezialistin für die vergleichende Erforschung religiöser Kulturen. »Es ist unsere Aufgabe, auf veränderte Erklärungsbedürfnisse zu reagieren«, sagt Studiendekan Jussen.

»Wir verstehen uns als historische Kulturwissenschaften, religiöse Kulturen sind heute selbstverständlich Teil der politischen Geschichte. Ebenso selbstverständlich gehören heute Musik, Bilder und materielle Objekte zum Material der Geschichtswissenschaft, während früher nur eine bestimmte Art von Texten privilegiert wurde.« Das Historische Seminar ist federführend im Sonderforschungsbereich »Schwächediskurs und Ressourcenregime« aktiv. Die Beteiligung am LOEWE-Projekt Prähistorische Konfliktforschung ermöglicht eine enge Kooperation mit dem Institut für Archäologische Wissenschaften, die Beteiligung am Graduiertenkolleg Theologie als Wissenschaft eine intensive Zusammenarbeit mit der Theologie.

Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit der École des Hautes Etudes des Sciences Sociales (EHESS), der Spitzeninstitution für geisteswissenschaftliche Forschung in Frankreich, da die École in der Goethe-Uni ein eigenes Büro betreibt. »Bei der Beteiligung an großen Verbundprojekten und in der Konzeption hochrangiger Einzelprojekte ist unser Fachbereich sehr stark«, sagt Prof. Susanne Schröter, Dekanin des Fachbereichs und Direktorin des Instituts für Ethnologie. »Ethnologische Forschung beschäftigt sich mit dem Verständnis außereuropäischer Kulturen und Denksysteme. Die Feldforschung vor Ort spielt in unserer Disziplin deshalb eine große Rolle. Diese ist mitunter auch historisch, arbeitet in erster Linie aber gegenwartsbezogen.«

Der Fachbereich auf einen Blick

Institut für Philosophie: 9 Professuren, 30 wissenschaftliche Mitarbeiter, 2.457 Studierende
Historisches Seminar: 11 Professuren (inklusive der Professur für das Fritz Bauer Institut), 45 wissenschaftliche Mitarbeiter, 2.447 Studierende (ohne Lehramt L1, L2, L5)
Institut für Ethnologie: 5 Professuren, 25 wissenschaftliche Mitarbeiter (davon 17 in drittmittelfinanzierten Forschungsprojekten), 1.723 Studierende
Seminar der Didaktik der Geschichte: 1 Professur, 4 wissenschaftliche Mitarbeiter, 543 Studierende (LA 1,2,5)

Die Drittmittelausgaben des Fachbereichs betrugen im Jahr 2015 7,18 Mio. Euro (inklusive Exzellenzcluster).

Leibniz-Preisträger
2015: Hartmut Leppin (Alte Geschichte)
2007: Bernhard Jussen (Mittelalterl. Geschichte)
1988: Lothar Gall (Neuere Geschichte)
1986: Jürgen Habermas (Philosophie)

Assoziierte Institute
Institut für Sozialforschung
Fritz-Bauer-Institut
Frobenius Institut

Susanne Schröter leitet das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI), das im öffentlichen Diskurs immer wieder gerne zu Rat gezogen wird, um aktuelle gesellschaftliche Phänomene zu deuten. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Ethnologie sind zudem stark in das interdisziplinäre, transnationale Verbundprojekt AFRASO – Afrikas Asiatische Optionen und das Graduiertenkolleg Wert und Äquivalent involviert. Das Institut für Ethnologie ist eng mit dem Frobenius Institut verbunden, dem ältesten ethnologischen Forschungsinstitut Deutschlands. Beide Institutionen unterhalten die völkerkundliche Bibliothek und finanzieren die dort beschäftigten Mitarbeiter gemeinsam.

Die Vielfältigkeit der Institute sorgt dafür, dass es oft nicht einfach ist, gemeinsame Zielvereinbarungen zu formulieren oder fachbereichsübergreifende Veranstaltungen anzubieten. Doch auch die Diversität trägt ihre Früchte – und so sind viele am Fachbereich beschäftigte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an zahlreichen gemeinsamen Forschungsprojekten beteiligt. Im Exzellenzcluster Normative Orders sind 14 Principal Investigators der im Fachbereich vertretenen Disziplinen beschäftigt. Im Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in derzeit acht Forschungsfeldern an fachübergreifenden Fragestellungen.

Ebenso egagieren sich Lehrende des Fachbereichs 08 im Masterstudiengang Curatorial Studies. Vereint ist der Fachbereich auch in einem Projekt, das vergessene frühere Herzstücke der Universität ans Licht der Öffentlichkeit bringt: Die im Forschungszentrum Historische Geisteswissenschaften angesiedelte Studiengruppe »sammeln, ordnen, darstellen« führt seit 2014 die rund 40 wissenschaftlichen Sammlungen der Goethe-Universität in einer gemeinsamen Online-Plattform zusammen und macht sie damit breit zugänglich. In Lehrveranstaltungen werden nach und nach immer mehr Objekte aus den sehr verschiedenen Sammlungen aufgearbeitet. Ein Link zu den Sammlungen findet sich auf der Startseite der Uni-Homepage. [Autorin: Melanie Gärtner]

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.16 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.