Foto: Uwe Dettmar

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Sarah Wohl hat sich in einem zweijährigen Projekt an der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL) mit dem Thema „Gender- und diversitätssensible Lehramtsausbildung“ auseinandergesetzt. Im Interview berichtet sie, wie es um die gender- und diversitätssensible Lehramtsausbildung an der Goethe-Universität steht und was noch angegangen werden müsste.

Was haben Sie während Ihres Projekts an der ABL untersucht?

Ich habe untersucht, inwieweit gender- und diversitätssensible Lehramtsausbildung an der Goethe- Universität angeboten wird. Dazu habe ich eine Bestandsaufnahme des Lehrangebots gemacht, also von allen Fächern, die man auf Lehramt studieren kann. Ergänzt wurde dies durch Gespräche mit einzelnen Lehrenden und einer elektronischen Befragung der Lehrenden in den Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken. Begleitend sind Anregungen von einer Facharbeitsgruppe eingeflossen.

Was genau ist unter gender- und diversitätssensibler Lehre zu verstehen?

Das bedeutet sowohl methodisch als auch inhaltlich so zu lehren, dass die Studierenden mit ihren unterschiedlichen Hintergründen und Identitäten die gleichen Chancen auf ein erfolgreiches Studium haben. Gender- und diversitätssensible Lehre muss in der Lage sein, Stereotype bei sich und bei anderen zu erkennen, zu reflektieren und neue Deutungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Das bedeutet nicht, einfach nur alle gleich zu behandeln, sondern eine sensible Auswahl eines angemessenen Methodenmixes. Auch bei der Auswahl von Inhalten, soweit es die Rahmenvorlagen erlauben, sollte man schauen, dass man Identifikationsmöglichkeiten für alle Studierenden schafft. Das gleiche gilt auch für den Schulunterricht. Dadurch ergibt sich für die Lehramtsausbildung eine doppelte Herausforderung. Die Studierenden sollten nicht nur in der Universität diversitätssensible Lehre erfahren, sondern das Handwerkszeug dazu selbst erlernen, um später vielfaltsbewusst zu unterrichten.

Welche Ergebnisse haben Sie in dem Projekt herausgearbeitet?

Die Bestandsaufnahme hat gezeigt, dass es an der Goethe-Universität schon viele Angebote in diesem Bereich gibt, zum Beispiel in den Bildungswissenschaften aber auch in der fachwissenschaftlichen Ausbildung. Zum Beispiel gibt es in den Bildungswissenschaften regelmäßig Seminarangebote zu Gender und Diversität in der Schule. Aber auch in Fachgebieten, an die man bei dem Thema vielleicht nicht sofort denkt, wie zum Beispiel der Physik. „In einer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft muss das Thema weiter ausgebaut werden“. Da wird geschlechtssensible Unterrichtsgestaltung thematisiert. Und es gibt noch viele weitere kleine Einzelprojekte. Allerdings fehlt noch ein schlüssiges Gesamtbild, das auch für die Studierenden als solches wahrnehmbar ist. Es gibt also zwar einige Angebote, um sich im Studium damit auseinanderzusetzen, allerdings ist es auch möglich, ein Lehramtsstudium zu durchlaufen, ohne sich mit der Thematik zu befassen, da es ganz überwiegend in freiwilligen Veranstaltungen stattfindet und nicht verpflichtend ist.

Woran sollte in Zukunft gearbeitet werden?

Die Empfehlungen schlagen zum einen Einzelmaßnahmen für Bereiche vor, in denen bisher weniger passiert als in anderen. Zum anderen wird die strukturelle Perspektive in den Blick genommen. Zum Beispiel sollte bei zukünftigen Änderungen in der Studienordnung überprüft werden, wie Gender- und Diversitätsaspekte aufgenommen werden können. Im Zuge der Reform der Lehrerbildung müsste immer wieder neu überlegt werden, wie dieses Thema angegangen werden kann. In einer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft muss das Thema weiter ausgebaut werden.

Kürzlich haben Sie zum Abschluss Ihres Projekts einen Workshop durchgeführt, was hat sich dort für Sie herauskristallisiert?

Bei Lehrenden und Lehrerinnen und Lehrern besteht durchaus ein Interesse an dem Thema. Es ist nicht neu, aber man muss es den nachrückenden Lehrerinnen und Lehrern immer wieder neu vermitteln, denn die müssen das erlernen. Einige Lehrerinnen und Lehrer sowie Ausbilderinnen und Ausbilder kennen sich gut mit dem Thema aus und beschäftigen sich damit. Mir wurde aber bei dem Workshop auch wieder von Lehrerinnen und Lehrern erzählt, dass sie teilweise auf Ablehnung bei Kolleginnen und Kollegen mit dem Thema stoßen, obwohl sie es selbst für wichtig und interessant halten. Generell ist es ein Fachthema, zu dem es Jahrzehnte lange alte Forschung gibt, auf die aufgebaut werden kann. Grundlegende Inhalte, wie die Gleichstellung der Geschlechter sowie die Gestaltung diskriminierungsfreien Unterrichts, sind sowohl im Grundgesetz als auch in UN-Konventionen verankert und somit im Wesentlichen unumstritten.

Das Interview führte Ute Schorradt