Pippi Langstrumpf, Momo oder Harry Potter – sie alle gelten längst als Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur und sind aus vielen Kinderzimmern wohl nicht mehr wegzudenken. Auch an der Goethe-Universität haben Kindheitshelden seit Gründung des Instituts für Jugendbuchforschung im Jahr 1963 ihren festen Platz. Seit 2019 gibt es den Masterstudiengang Kinder- und Jugendliteratur-/Buchwissenschaft. Wie ist es den ersten Studierenden bislang ergangen?

„Ich habe meine Bachelorarbeit zu Cornelia Funkes ‚Herr der Diebe‘, meinem Lieblingskinderbuch, geschrieben. Da wurde mir bewusst, dass ich meinen Schwerpunkt auf Jugendliteratur legen möchte und fand daher den Master sehr interessant, auch durch die Kombination mit der Buchwissenschaft“, erklärt Jana Steinhoff. Sie hat den Bachelor in Germanistik und Kulturanthropologie gemacht, mittlerweile liegt bereits das zweite Semester im Masterstudiengang Kinder- und Jugendliteratur-/Buchwissenschaft hinter ihr. Sie ist eine von nur 20 Studierenden des ersten Jahrgangs. Der Masterstudiengang ist ein Joint-Degree Programm, er findet in Kooperation mit der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz statt. Inhaltlich widmet er sich der historischen und zeitgenössischen, kulturellen und wirtschaftlichen Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendmedien. Dabei wird die Relevanz der Jugendliteratur für die Gesellschaft und den Buchmarkt untersucht. Aber es geht nicht nur um Bücher: „Auch wenn unser Institutsname vielleicht anderes vermuten lässt, beschäftigen wir uns nicht ausschließlich mit Literatur. Wir untersuchen Medien aller Art, die an Kinder undJugendliche gerichtet sind. Das können zum Beispiel auch Theaterstücke, Computerspiele oder Comics sein“, sagt Dr. Felix Giesa, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut und Leiter des Frankfurter Comic-Archivs. Die „Kleinen Fächer“ zeichnen sich laut Definition der Mainzer Arbeitsstelle primär durch eine relativ geringe Anzahl an Professuren und Studierenden aus, oft verbunden mit einem sehr großen Themenspektrum. Diese thematische Vielfalt ist auch in der Kinderund Jugendliteratur an der Goethe-Universität zu finden, die hier zu den Kleinen Fächern gezählt wird. Dr. Giesa erklärt: „Ein Kleines Fach mag das Kleine im Namen tragen, aber unsere Gegenstände sind ganz bestimmt nicht klein. Wir decken eine große Bandbreite an Themen ab, auch weil es bei Kinder- und Jugendmedien einen großen Adressatenkreis gibt.“ Für die Studierenden ein großer Vorteil, bestätigt Masterstudentin Jana Vonderschmitt: „Wir haben kaum Grenzen, was wir als Text definieren möchten. Es ist gewünscht, dass wir uns mit möglichst vielen Medien und Themen beschäftigen.“ Bevor sich Vonderschmitt ganz der Jugendliteratur zuwandte, schloss sie den Bachelor in Germanistik und English Studies ab und arbeitete als Sprachlehrerin.

Die Studierenden

Aber was sollte man mitbringen, um Jugendmedien erfolgreich zu studieren? Ein Faible für Bilderbücher allein reicht nicht aus. „Man muss bereit sein, sich auf Neues lassen, und Lust an der kritischen Auseinandersetzung, auch auf gesellschaftspolitischer Ebene, mit Kinder- und Jugendmedien haben“, stellt Dr. Giesa klar. Steinhoff sieht das ähnlich: „Ich habe schon am ein oder anderen Seminar teilgenommen, das nicht unbedingt meine erste Wahl war, aber im Laufe des Semesters habe ich dann doch Interesse daran entwickelt und mich mit einem Thema beschäftigt, auf das ich sonst nicht gekommen wäre.“ Besonders Bachelorstudis der Germanistik sollten flexibel sein, denn die Kurse zur Kinder- und Jugendliteratur sind stark nachgefragt. Nur Masterstudierende kommen meist garantiert unter. In den Seminaren geht es durchaus auch mal hitzig zu. Besonders spannend wird es, wenn es um Medien geht, mit denen die Studis selbst aufgewachsen sind. Vonderschmitt erzählt, dass über Harry Potter oft leidenschaftlich debattiert wird: „Das kann manchmal ein wenig anstrengend sein. Man muss dann darauf achten, dass man die Emotionalität etwas runterfährt und wieder wissenschaftlicher wird.“ Doch auch die Wissenschaftlichkeit des Fachs ist hin und wieder Gegenstand von Debatten. „Manchmal spüre ich schon einen Legitimationsdruck, gerade gegenüber der klassischen Literaturwissenschaft. Oft gibt es das Vorurteil, wir schauen uns nur Bilderbücher an und reden dann ein bisschen darüber. Das stimmt einfach nicht, man kann literaturwissenschaftliche Theorien genauso gut auf Jugendliteratur anwenden“, sagt Steinhoff. Und auch Vonderschmitt findet, dass der Einfluss und die Möglichkeiten der Kinder- und Jugendliteratur weiter unterschätzt werden: „Ein Grund, warum ich mich für dieses Studium entschieden habe, war, dass Kinderliteratur unglaublich viel bewirken kann. Medien vermitteln bestimmte Normen und Werte, durch die man Kinder schon in einem sehr jungen Alter nachhaltig prägen kann. Passend zur aktuellen Debatte gibt es z. B. tolle Kinderbücher zum Thema Antirassismus.“

Corona und die Zukunft

Ein richtiger Alltag wollte sich für die neuen Masterstudierenden bislang nicht einstellen. Denn schon nach dem ersten Mastersemester musste coronabedingt auf digitale Lehre umgestellt werden. „Für die Dozenten und Dozentinnen war das eine große Herausforderung, die mit viel Arbeit verbunden war. Wir haben versucht, gemeinsam ein Konzept zu entwickeln und uns in regelmäßigen Gesprächen abzustimmen. Im Laufe des Semesters haben wir dann gemerkt, was gut funktioniert, und unsere Konzepte angepasst“, erzählt Dr. Giesa. Und auch Vonderschmitt und Steinhoff mussten sich erst an die neue Situation gewöhnen: „Trotzdem hat es auf menschlicher Ebene gut geklappt. Wenn man ein Anliegen hatte, konnte man den Dozenten schreiben und sie haben dann versucht, uns so gut es ging zu helfen.“ Besonders hart war der Einstieg wohl für Neuankömmlinge, die auf Einführungsveranstaltungen und die Ersti-Woche zum Kontakteknüpfen verzichten mussten. Doch auch dafür gibt es mittlerweile eine Lösung, berichtet Vonderschmitt: „Unsere Institutsgruppe ist sehr aktiv. Wir haben ein Programm für die Erstis des kommenden Wintersemesters und dieses Sommersemesters entwickelt, um ihnen den Einstieg zu erleichtern. Wir planen zum Beispiel eine digitale Campustour.“ Für Vonderschmitt und Steinhoff beginnt im Winter ihr drittes Semester. Zeit, sich bereits Gedanken über die Zukunft zu machen: Die beiden planen nach dem Studium den Einstieg in die Kulturbranche.

Natalia Zajić

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 5.20 des UniReport erschienen.