Neuer Kanzler an der Goethe-Universität / Der Chemiker geht, der Physiker kommt

Übergabe des Staffelstabes: Ulrich Breuer folgt auf Albrecht Fester als neuer Kanzler der Goethe-Universität. Mit dem UniReport sprachen die beiden über ihre beruflichen Werdegänge, über den Mut zum Neustart und die Herausforderung, auch in schwierigen Situationen als Führungskraft Ruhe zu bewahren.

Dr. Albrecht Fester (r.) und Dr. Ulrich Breuer.

UniReport: Herr Fester, Sie waren seit 2018 Kanzler, insgesamt fast 20 Jahre in der Verwaltung, unter anderem auch Strahlenschutzbevollmächtigter.

Dr. Albrecht Fester: Richtig. Was man nicht vergessen darf: Davor war ich 17 Jahre als Wissenschaftler an der Universität beschäftigt. Das heißt, ich habe ungefähr die Hälfte meiner beruflichen Laufbahn einmal als Wissenschaftler und zum anderen als Verwaltungsmensch zugebracht. Ich habe in beiden Bereichen sehr viele Erfahrungen mitgenommen. Einen großen Teil meiner Zeit war ich Standortbevollmächtigter und damit im Kerngeschäft Immobilien und Bauen tätig. Als ich Kanzler wurde, standen diese anspruchsvollen Themen der Standortneuentwicklung im Fokus, daneben aber auch die der Digitalisierung und die Personalentwicklung.

Sie waren wirklich lange das Gesicht der Standortentwicklung. In Ihrer Zeit sind so viele spannende Sachen gebaut, abgerissen und sogar gesprengt worden. Haben Sie ein Lieblingsgebäude an einem der Campi?

Fester: Ich habe mal gezählt: Unter meiner Verantwortung sind zwölf große Gebäude in Betrieb gegangen. Mein Lieblingsgebäude? Ich liebe das Hörsaalzentrum oder auch das Biologikum am Riedberg, aber ebenso auch das Seminarhaus und den dazugehörigen Pavillon. Das waren die ersten beiden Gebäude, die die Goethe-Universität in eigener Bauherrenschaft errichtet hat. Das war mir ein wichtiges Anliegen, die Goethe-Universität dahin zu bringen. Das realisieren wir im Wechsel und auch in einer sehr guten Abstimmung mit dem Landesbetrieb und dem Land auf verschiedenen Ebenen. Wir bauen jetzt im Moment wieder selbst das Center for Humanities auf dem Campus Westend, auf dem Campus Niederrad ein S3-Labor. Auch die großen COME-Projekte führen wir zum Teil selber durch.

Würden Ihnen große Highlights oder denkwürdige Ereignisse in der Rückschau einfallen?

Fester: Gleich zum Start meiner Laufbahn in der Verwaltung war der Abriss des Atomforschungsreaktors natürlich etwas ganz Spezielles. Darauf schaue ich heute auch wirklich noch mit Stolz zurück. Große Highlights waren die Sprengung des AfE-Turms, aber auch der Bombenfund hier am Campus Westend, der eine Kompletträumung des Campus nach sich gezogen hat. Zum ersten Mal schaute man der Gefahr ins Auge, eine große Anzahl eigener Gebäude zu verlieren. Ebenfalls zu nennen wäre die Totalhavarie der gesamten Wärme- und Brandmeldesteuerung des PEG-Gebäudes, schon kurz nach der Inbetriebnahme 2013. Solche Krisenthemen haben mich allerdings immer auch gereizt.

Wie haben Sie das geschafft, diese Ruhe zu bewahren und damit auch das Gefühl auszustrahlen: Wir kriegen das schon hin?

Fester: Es ist sicher zum einen die Routine. Zum anderen ist das sicherlich auch eine Typfrage. Wenn ich zu Herrn Breuer, meinem Nachfolger, hinüberschaue, sehe ich ihn auch als eine Person, die Ruhe ausstrahlt. Natürlich sind unter den vielen Themen eines Kanzlers auch Dinge dabei, die einem mitunter Sorgen machen können. Für meine Entscheidung, 2018 die Kanzlerschaft zu übernehmen, spielte das schwache Abschneiden in der Exzellenzinitiative eine große Rolle. Ich hatte das Gefühl, dass die Universität Stabilität und Ruhe braucht.

Was muss denn Ihrer Ansicht nach eine Person als Kanzler oder Kanzlerin mitbringen?

Fester: Ich bin kein ausgewiesener Finanzer, auch wenn ich durchaus mit Zahlen umgehen kann. Ich bin mit einer Juristin verheiratet, daher kommt sicherlich der Draht zu juristischen Themen. Als Strahlenschutzbevollmächtigter muss man sein Handeln vor allem auch juristisch abwägen. Ich bringe natürlich neben dem naturwissenschaftlichen Hintergrund ein sehr großes Verständnis für technische Zusammenhänge und Technik mit, bin beispielsweise mit Starkstromelektrik oder Mikroelektronik vertraut.

Es wird sehr viel über die angespannte Finanzsituation der Unis gesprochen.

Fester: Das ist für mich aber nur eine Seite der Medaille. Denn mit einer knappen halben Milliarde Budget, über das die Goethe-Universität verfügt, ist viel Geld im System. Es ist in vielen Fällen eher die Frage einer ausgewogenen Diskussion darüber, wie man Gelder verteilt. Und daran sieht man, es bestehen grundsätzlich auch überall Spielräume. Wir haben es geschafft, in einem Dreivierteljahr einen zweistelligen Millionenbetrag beim Thema Energie einzusparen. Wir haben aber auch eine Tariferhöhung vor uns, das werden für die Goethe-Universität am Ende nach derzeitigen Schätzungen knapp 20 Millionen Euro sein, die wir irgendwo hernehmen müssen. Das sind in meinen Augen zwar große Herausforderungen, ich bin aber optimistisch, dass sie lösbar sind.

Herr Breuer, Sie und Herr Fester kommen beide ursprünglich aus der Naturwissenschaft. Herr Fester ist Chemiker, Sie sind Physiker. Was bringt ein Naturwissenschaftler mit, was muss er sich sozusagen noch draufschaffen?

Dr. Ulrich Breuer: Seit 32 Jahren bin ich im Wissenschaftsmanagement unterwegs. Mein wissenschaftlicher Weg war relativ kurz: Nach der Promotion bin ich direkt von dem damaligen Vorstandsvorsitzenden im Forschungszentrum Jülich gefragt worden, ob ich nicht Interesse hätte, sein persönlicher Referent zu werden. Seitdem bin ich also praktisch im Management und in der Administration tätig. Als Physiker findet man sich in komplexen Systemen gut zurecht, versucht, sich auf die wesentlichen Parameter zu konzentrieren und zunächst mit Abschätzungen zu arbeiten. Nehmen wir das Thema Finanzplanung: Es macht wenig Sinn zu versuchen, etwas bis auf drei Stellen hinterm Komma zu erklären, wichtig sind zunächst die groben Zahlen. Daraus lässt sich schon ableiten, ob die Planung passt oder nicht. Ich versuche, systemisch zu denken und nicht nur einen Teilprozess zu optimieren. Letzteres führt in der Regel dazu, dass man an anderer Stelle für Mehrarbeit sorgt.

Haben Sie sich ein 100-Tage-Programm vorgenommen?

Breuer: Ich möchte in den ersten 100 Tagen möglichst viel kennenlernen. Ich fange dabei in meinem eigenen Zuständigkeitsbereich an und gehe auf die Leute zu, und zwar nicht nur auf die Leitungen. Mein erster Tag bei der GSI war zugleich der erste Tag des Lockdowns im Corona-Frühjahr 2020. Ich war also im Grunde fast zwei Jahre lang auf virtuelle Kontakte angewiesen. Das soll natürlich hier an der Goethe-Universität anders werden. Es ist auch wichtig zu sehen, wo die Mitarbeitenden sitzen: Handelt es sich möglicherweise um ein altes Gebäude, das seit 50 Jahren nicht renoviert worden ist, weil gerade Platznot herrscht? Ich werde sicherlich das Thema Prozesse/Abläufe in den Mittelpunkt stellen. Dabei spielt auch das interne Kontrollsystem eine wichtige Rolle, beispielsweise das Vier-Augen-Prinzip in den finanzrelevanten Abläufen. Und natürlich: Digitalisierung. Ich musste hier übrigens wieder mit dem Stift den Personalbogen ausfüllen und meine eigene 20-stellige IBAN eintragen. Das Thema Digitalisierung von Prozessen wird also auch ein großes Thema sein.

Da haben Sie in CIO Ulrich Schielein einen guten Partner.

Breuer: Genau. Das ist natürlich auch wichtig bei der Größe dieser Aufgabe.

Fester: Dass Herr Breuer den Personalbogen noch mit dem Stift ausfüllen musste – ja, das Thema habe ich in meiner Zeit nicht gelöst. Auf der anderen Seite habe ich ein digitales Lernmanagementsystem eingeführt, das mit 1500 Benutzer*innen und hunderten gebuchten Veranstaltungen wirklich ein Kernstück der internen Weiterbildung ist.

Wenn Sie jetzt selber an Ihre eigene Uni-Zeit zurückdenken: Wie können wir uns Sie als Studenten vorstellen?

Breuer: Ich habe an der RWTH Physik studiert. Aachen ist eine attraktive Stadt, die ich bereits kannte, weil ich vor dem Studium schon bei Alemannia Aachen Tischtennis gespielt habe. Dort habe ich auch meine jetzige Frau kennengelernt, also von daher war ich schon gut eingebettet. Das Studium war eine sehr schöne Zeit, bedeutete es für mich zum ersten Mal die Freiheit der Selbstbestimmung.

Wie startet bei Ihnen ein üblicher Arbeitstag?

Breuer: Ich werde morgens aus Karlsruhe anreisen. Das heißt, ich werde früh aufstehen, dann brauche ich erst mal einen Kaffee. Ich bin jemand, der relativ schnell agiert. Man hat in einer Führungsposition immer viele Bälle gleichzeitig in der Luft, weil die Dinge parallel laufen müssen. Man sagt mir nach, ich wäre ziemlich strukturiert bei der Arbeit, darauf konnte ich mich bisher immer verlassen. Ich vertraue aber meinem Umfeld, billige ihm viel Entscheidungskompetenz zu. Das, denke ich, ist eine zweite Eigenschaft. Wenn mir jemand, der Fachmann oder -frau ist, etwas sagt, dann höre ich zu und versuche, die Dinge zu bewerten und dann auch zu akzeptieren. Sie können im Management und in der Administration in öffentlich finanzierten Einrichtungen viele Rahmenbedingungen nicht oder nur sehr langsam ändern – es ist ein starres System. Das heißt aber auch: Da, wo Spielräume sind, muss man sie nutzen.

Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel wird es darauf ankommen, diese Spielräume öfter mal auszuloten und zu finden.

Breuer: Welches Thema mir dabei sehr wichtig ist: in die eigene Ausbildung zu investieren. Im Verbund mit anderen öffentlichen Einrichtungen aus der Region Rhein-Main könnte man auch mal über einen Personaltausch nachdenken, beispielsweise von der Uni zu einer Hochschule für angewandte Wissenschaft oder anderen Einrichtungen – und auch zurück. Mitarbeitenden, die sich weiterqualifizieren wollen, sollte man auch die Möglichkeit geben, das zu tun. Dann hat man hochmotivierte Leute, die etwas bewegen wollen.


Fester: Dem stimme ich zu. Wir haben auch in meinen Augen deutlich zu wenig Azubis. Ich habe zusammen mit der Personalabteilung daher ein intensives Programm zum Azubi-Marketing aufgelegt. Wir haben hier die Chance, Menschen heranzubilden, ihre Begeisterung zu wecken.

Herr Fester, gibt es irgendeine Sache, von der Sie sagen würden: Das hätte ich schon noch gerne geschafft?

Fester: Das kann ich eigentlich nicht sagen. Klar hätte ich mir gewünscht, dass das neue Gebäude der Chemie schon fertiggestellt wäre. Aber immerhin läuft bereits der erste Bauabschnitt, die anderen beiden werden folgen. Wie Herr Breuer schon ganz richtig gesagt hat, man muss sich mit den Rahmenbedingungen arrangieren und versuchen, das Ganze zu moderieren. Es erfordert sehr viel Beharrlichkeit. Manchmal muss man auch lernen, dass man in kleinen Schritten vorangeht.

Breuer: Ich habe mir einen Spruch eines ehemaligen Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft zu eigen gemacht: Man überschätzt das, was man in einem Jahr schaffen kann, und unterschätzt dramatisch, was man in zehn Jahren schaffen kann. Da ist viel Wahres dran. Man steht immer unter dem Druck, dass alles schnell fertig werden muss. Man muss aber im Grunde genommen längerfristig denken. Das sieht man dem Campus Westend an: Der ist nicht in einem Jahr entstanden, sondern über lange Zeit. Und das Ergebnis ist aus meiner Sicht herausragend.

Sie kommen beide nicht aus der Universitätsverwaltung, sondern aus der Wissenschaft. Sie beide sind ein Beispiel dafür, dass man in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliche Sachen man kann.

Breuer: Auf jeden Fall. Und dabei ist es eigentlich unerheblich, aus welcher wissenschaftlichen Disziplin man kommt. Man muss bereit sein, sich Neues anzueignen, auch mal erkennen, dass man auf einem Gebiet ein Defizit hat, was dann über eine Weiterbildung ausgeglichen werden kann. Ich bin jetzt auch nicht an die Goethe-Universität gekommen, um meine sechs Jahre abzusitzen. Ich will hier auch etwas Neues lernen.

Fester: Ich sehe das ja an den vielen Studierenden, die sich manchmal schwertun mit einer Entscheidung, in welche Richtung sie sich beruflich bewegen sollen. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie denken, sie müssten sich für den Rest ihres Lebens festlegen. In meiner langen Karriere gab es eben immer wieder Situationen, in denen Türen aufgingen und ich den Mut hatte, hindurchzugehen und dann wieder etwas anderes zu machen. Personalentwicklung an der Universität weiterzutreiben kann auch bedeuten, dass mehr Mitarbeitende offen dafür sind, nicht einfach 30 Jahre dasselbe zu machen, sondern auch die Bereitschaft entwickeln, in andere Berufsfelder zu wechseln. Wenn man das ermöglicht, dann macht man die Universität als Arbeitgeberin auch interessanter.

Worauf freuen Sie sich, Herr Fester, haben Sie sich etwas für den Ruhestand vorgenommen?

Fester: Ich habe über viele Jahre mit einem hohen Zeitaufwand sehr strukturiert in Projekten gearbeitet. Daher ist es jetzt auch wichtig, einfach mal Zeit zum Durchschnaufen zu haben. Natürlich warten auch zu Hause gewisse Projekte auf mich: mein altes Elternhaus, die Photovoltaik, eine Wärmepumpe, aber auch eben Tanzen, Sport und Yoga. Ich freue mich, jetzt mehr Zeit für die Familie zu haben. Mein Umfeld hat schon geunkt, du wirst nie aufhören, doch ich habe erwidert: Es wird passieren (lacht). Die Perspektive auf den nun kommenden Lebensabschnitt fühlt sich sehr, sehr gut an für mich, muss ich wirklich sagen. Ich hoffe, dass ich gesund bleibe, wie ich es jetzt bin, und dass ich auch noch genügend von meiner Energie nun für andere Dinge einsetzen kann.

Fragen: Imke Folkerts und Dirk Frank

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