Universitäre Foto-Storys

Nach 40 Jahren: Zwei Stadtteil-Historiker haben zu Barbara Klemms berühmten großformatigen Uni-Fotos in der U-Bahn-Station Bockenheimer Warte recherchiert. Interessante, humorvolle und auch dramatische Einblicke in ein Kapitel der Unigeschichte sind nun auf einer Website nachlesbar.

„Die Bahnen verkehren hier mittlerweile in einem derart hohen Takt, man kommt kaum dazu, die Fotos zu betrachten“, schmunzelt Michael Köhler. Für den eingefleischten Bockenheimer ist die U-Bahn-Station Bockenheimer Warte bereits seit vielen Jahrzehnten vertrautes Terrain. Die großformatigen Bilder an den Gleisen kennt er in- und auswendig, zudem sie für ein Kapitel der Unigeschichte stehen, das er gewissermaßen selber mitgestaltet hat – davon zeugt immerhin auch eines der 15 Fotos (dazu später mehr). Pädagogik hat Köhler in den frühen 80er-Jahren an der Goethe-Universität studiert, der legendäre AfE-Turm mit seinen unzuverlässigen Fahrstühlen hat sich tief in sein Gedächtnis gebrannt. „Eigentlich mochte keiner den Campus Bockenheim, aber er hat uns Nachfahren der 68er schon sehr geprägt“, betont Michael Köhler. Gemeinsam mit seinem früheren Kommilitonen Ernst Szebedits brütete er vor einigen Jahren über einer Idee: Was wäre, wenn man den Werdegang der auf den Fotos von Barbara Klemm erfassten Menschen, größtenteils Studierende, Dozierende, aber auch Besucher*innen der Uni, recherchieren und zugänglich machen würde? „Uns war natürlich klar, dass man nicht alle abgelichteten Menschen ausfindig machen kann, es sind schätzungsweise 500 Personen. Aber einige kannten wir schon persönlich, und davon ausgehend wollten wir uns weiterhangeln.“

Ein Foto, auf dem man bereits zwei von drei Personen identifizieren konnte, heißt „Alfred Schmidt spricht über Nietzsche“. Der 2012 verstorbene Philosoph Alfred Schmidt sitzt dozierend am Pult, eingerahmt von einem jungen Mann und einer jungen Frau. Während Letztere bislang noch nicht ausfindig gemacht werden konnte – „wir wissen aber, dass sie damals Studentin war und in Ginnheim in einem Wohnheim ein Zimmer hatte“, so Köhler –, handelt es sich beim Erstgenannten um Matthias Lutz-Bachmann, Professor für Philosophie an der Goethe-Universität. Zum Konzept des Foto-Projekts gehörte es, mit den Personen Gespräche zu führen, so auch mit dem mittlerweile emeritierten Philosophen. „Interessant aus heutiger Sicht: Auch wenn die späten 70er und frühen 80er noch sehr vom Geist des legeren und anti-hierarchischen Unibetriebs geprägt waren, so war das Seminar von Alfred Schmidt eher eine Vorlesung, ohne größeren studentischen Beitrag. Schmidt dozierte ex cathedra und sprach ab und zu seinen jungen Mitarbeiter Lutz-Bachmann mit der Formel an: ‚Sie sind doch auch der Meinung, oder?‘“

Die Weisheit der vielen

Von 2023 bis 2024 haben Köhler und Szebedits geforscht, ihr Projekt wurde aufgenommen in das Programm Stadtteil-Historiker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Die Stiftung möchte Laienhistoriker dazu ermuntern, bestimmte Aspekte der Frankfurter Geschichte zu erforschen, unterstützt sie dabei fachlich und zahlt auch eine (geringe) Aufwandsentschädigung. Eine große Hilfe war den beiden Hobby-Historikern vor allem das große Netzwerk der Polytechnischen Gesellschaft: Darüber wurden viele Personen aus der Unicommunity und darüber hinaus angesprochen, um Hinweise auf die Menschen auf den Schwarz-Weiß-Bildern zu erhalten. Im Rahmen einer großen Ausstellung mit Fotos Barbara Klemms im Historischen Museum konnten sie an einem Abend den Besucher*innen die Frage stellen, wer etwas darüber wisse. „Wir haben aber auch unsere privaten Netzwerke aktiviert; ohne die Möglichkeiten des Internets hätte vieles nicht funktioniert“, ist sich Michael Köhler sicher. Die meisten Leute haben sich gefreut, als sie auf ein Foto angesprochen wurden. Einige hatten ganz vergessen, dass sie damals fotografiert worden waren, andere waren ganz erstaunt, dass Barbara Klemms ikonische Bilder überhaupt noch in Bockenheim hängen. Ein Protagonist konnte aufgrund eines Hinweises sogar erst vor wenigen Tagen ermittelt werden, Michael Köhler ist sichtlich stolz über diesen Fund: Es handelt sich um den jungen Studierenden, der auf einem der Fotos aus dem Beitrag „Momente aus dem Unileben“ in einem Chemielabor auf dem Campus Riedberg lässig neben einer Gasflasche auf zwei Stühlen sitzt. Sein Name ist Frank Löhr; als die Aufnahme entstand, absolvierte er gerade sein Praktikum in der Physikalischen Chemie. Heute ist er als promovierter Biophysiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität tätig.

„Beifall für Alfred Dregger“ (1982). Michael Köhler vor dem Bild in der U-Bahn-Station, auf dem er (l.) und sein Mitstreiter Ernst Szebedits zu entdecken sind (s. Markierung). © Dirk Frank
„Beifall für Alfred Dregger“ (1982). Michael Köhler vor dem Bild in der U-Bahn-Station, auf dem er (l.) und sein Mitstreiter Ernst Szebedits zu entdecken sind (s. Markierung). © Dirk Frank

Viel Vor- und Insiderwissen haben die Hobby-Historiker Köhler und Szebedits als Zeitzeugen und Vertreter der damaligen linken Szene an der Universität mitgebracht. Und vor allem sind sie selber auf einem Foto zu sehen: demjenigen mit dem Titel „Beifall für Alfred Dregger“ (s. Abb.). Michael Köhler erinnert sich: „Anfang der 80er-Jahre begannen sich an der Universität die politischen Machtverhältnisse zu verändern: Nach vielen Jahren der Dominanz linker studentischer Hochschulgruppen witterten nun auch konservative Gruppen Morgenluft. So kam im Jahre 1982 der Frankfurter RCDS aus Anlass seines 30-jährigen Jubiläums auf die Idee, den als erzkonservativ geltenden Politiker Alfred Dregger einzuladen. Davon bekamen wir, die Spontis, natürlich Wind. Wir riefen dazu auf, in großer Zahl zum Vortrag zu kommen und begrüßten Dregger mit einer ungewöhnlichen Protestaktion: Er wurde ironisch mit ohrenbetäubendem Applaus bedacht und brach daher irgendwann seinen Vortrag ab.“ Der Abbruch sorgte für eine große Resonanz auch in den überregionalen Medien. Selbst 40 Jahre später, nach einem Artikel in der FAZ, in dem das Projekt von Köhler und Szebedits vorgestellt worden war, fühlte sich einer der damaligen RCDS-Vertreter zu einem kritischen Leserbrief herausgefordert. Dies nahmen wiederum die beiden Stadtteil-Historiker zum Anlass, sich mit dem Leserbriefschreiber Thomas Pfeiffer und seinem damaligen RCDS-Mitstreiter Ralf Heimbach zu einem späten Streitgespräch zusammenfinden (ebenfalls dokumentiert auf der Website des Projekts). Michael Köhler bilanziert: „Es war insgesamt ein angenehmes Gespräch; politische Differenzen zwischen uns bestanden zwar weiter, aber wir fanden schnell eine Ebene der persönlichen Verständigung. An Details des Dregger-Auftritts erinnerten sich beide Gesprächsparteien allerdings auf unterschiedliche Weise: So meinten die RCDS-Vertreter, dass der damalige AStA-Vorsitzende Rupert Ahrens mit einem Megafon die Spontis angefeuert habe. Dies war nach unserer Erinnerung aber überhaupt nicht der Fall. Das Publikum musste nicht durch einen Anführer mit Flüstertüte in Jubelstimmung gebracht werden.“

Korrektur eines Fotos

Ein anderes Bild von Barbara Klemm hat eine wesentlich dramatischere Entstehungsgeschichte: „Vor der Zettelwand“ zeigt einen jungen Mann vor einem klassischen Schwarzen Brett im Sozialzentrum am Campus Bockenheim. Was kaum jemand weiß: Es ist nicht der ursprünglich fotografierte Student, die Aufnahme eines nachträglich Aufgenommenen musste über das Bild in der U-Bahn geklebt werden. Dies war notwendig geworden, weil der von Klemm geknipste Student aus dem Iran aus Furcht vor persönlichen Repressalien darum bat, ihn nicht an einem solch exponierten Ort zu zeigen. Beim Überkleben wurde so sauber gearbeitet, dass der nachträgliche Eingriff kaum zu erkennen ist.

Das Bockenheimer Foto-Projekt ist noch nicht abgeschlossen, Köhler und Szebedits pflegen weiterhin Daten und Material ein. Eine Hoffnung hat Michael Köhler noch: eine spannende Frage beantworten zu dürfen, die sich um das Foto „Lehre an der Bettkante. Eine Szene aus der Universitätsklinik“ dreht. Zu sehen ist, wie der Kinderarzt und Neonatologe Volker von Loewenich, einen Säugling behandelnd, im Rahmen eines Seminars seinen Studierenden
Elementares aus der Kinderheilkunde vermittelt. Bislang sind die beiden Stadtteil-Historiker aus Gründen des Persönlichkeits- und Patientenschutzes bei der Suche nach der Identität des Neugeborenen nicht weitergekommen. „Der Säugling von damals müsste heute um die 40 sein. Wenn wir ihn eines Tages vielleicht doch noch finden, kann er sicherlich Interessantes aus dem eigenen Lebenslauf berichten“, lacht Köhler.

Die berühmte Fotografin im Seminarraum
Wie war es eigentlich zu dem ungewöhnlichen Fotoprojekt in Bockenheim gekommen? Die Goethe-Universität war ab 1983 in Überlegungen, die künstlerische Gestaltung des U-Bahnhofes Bockenheimer Warte voranzutreiben, eingebunden. 1984 erschien im UniReport der Aufruf für einen Fotowettbewerb, im Oktober des Jahres wurden die Siegerfotos veröffentlicht. Doch weil die Verantwort-lichen mit der Qualität der Einreichungen nicht zufrieden waren, erhielt die renommierte Fotografin Barbara Klemm den Auftrag vom Kulturstadtrat Hilmar Hoffmann für Aufnahmen aus dem Universitätsalltag. Ab Herbst 1984 fotografierte Klemm verschiedene Motive in und an der Goethe-Universität; aus den so entstandenen Aufnahmen und älteren Bildern aus dem Archiv der Fotografin wurden schließlich 15 Fotos für die Gestaltung der Bockenheimer Warte ausgewählt.

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