Museum Angewandte Kunst; Foto: Anja Jahn

Wenn im Mai 2018 der 50. Jahrestag des Studentenaufstandes begangen wird, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die europäische Metropole Paris. Die Tagung „Das andere 68: Anthropophage Revolutionen in der brasilianischen Gegenkultur nach 1968“ stellt dieser Sicht eine andere Perspektive entgegen und eine Revolution an der vermeintlichen Peripherie ins Zentrum: die Zäsur 1968 in Brasilien. Sie bildet den Ausgangspunkt einer Richtungsänderung der globalen Kulturproduktion und einer neuen Art des Umgangs mit der kulturellen Globalisierung.

Vom 23. bis 25. Mai 2018 diskutieren im Frankfurter Museum Angewandte Kunst namhafte internationale Spezialistinnen und Spezialisten über den Zusammenhang der ästhetischen und politischen Umbrüche in Brasilien nach 1968. Die Tagung ist Teil des wissenschaftlich-künstlerischen Projekts „Tropical Underground“, das im vergangenen Semester begonnen hat. Sie wird veranstaltet vom Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft gemeinsam mit dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ der Goethe-Universität Frankfurt.

Das andere 68: Anthropophage Revolutionen in der brasilianischen Gegenkultur nach 1968

1968 ist in Brasilien das Jahr, in dem die 1964 an die Macht gekommene Militärregierung ihr Unterdrückungsregime entscheidend verschärft, die Folter institutionalisiert und damit eine Studentenrevolte auslöst, deren Folgen und Verzweigungen die Politik des Landes bis heute mit bestimmen. 1968 ist in Brasilien zugleich das Jahr der „Tropicália“-Bewegung, einer künstlerischen Erneuerungsbewegung, die Musik, Theater und Dichtung erfasst.

Inspiriert von der gleichnamigen Installation des neo-konkretistischen Künstlers Hélio Oiticica, der mittlerweile zu den kanonischen Figuren der Gegenwartskunst gehört, verbindet die „Tropicália“-Bewegung Elemente der Populärkultur mit Avantgarde-Techniken. Ihre Protagonisten, wie die Musiker Caetano Veloso, Gilberto Gil, Tom Zé, Gal Gosta und Maria Betânia nutzen das Fernsehen, um ein Massenpublikum zu erreichen und werden zunächst in Brasilien und danach auch in Europa und den USA zu Stars.

Im Bereich des Kinos formiert sich 1968 das Cinema Marginal um Regisseure wie Rogerio Sganzerla, Carlos Reichenbach und Neville D‘Almeida als eine Gegenbewegung zum bereits etablierten Cinema Novo, der modernistischen neuen Welle Brasiliens. Das Cinema Marginal verbindet, ganz ähnlich wie die Tropicália-Bewegung und zum Teil in Auseinandersetzung mit dieser, Elemente der Populärkultur mit der Formensprache der Avantgarde.

In den Humanwissenschaften schließlich wird 1968 zum Ferment einer neuen Richtung in der Anthropologie und Ethnologie, als deren Protagonist der Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro gelten kann, der mit seiner Theorie des Perspektivismus von Claude Lévi-Strauss zu seinem „legitimen Nachfolger“ ausgerufen wird. Von Viveiros de Castro führt über dessen langjährige Zusammenarbeit mit dem Filmregisseur Ivan Cardoso, dem Künstler Hélio Oiticica und dem Dichter Waly Salomão wiederum eine Linie zurück zu den künstlerischen Erneuerungsbewegungen der 1970er Jahre.

In ihren parallelen und teilweise miteinander verknüpften und verschlungenen Verläufen stoßen diese Bewegungen eine Dynamik an, die Suely Rolnik und Felix Guattari nach der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie als „molecular revolution“ bezeichnen, als kleinteiligen, aber nicht minder folgenreichen Prozess der Infragestellung tradierter gesellschaftlicher Hierarchien. Ein verbindendes Element der kulturellen Bewegungen in Reaktion auf die Umbrüche von 1968 ist dabei ein Rückgriff auf die brasilianische Avantgarde der 1920er Jahre und vor allem auf den Dichter Oswald de Andrade und sein Konzept der Anthropophagie, das er in seinem „Anthropophagen Manifest“ von 1928 entwickelt.

Mit Beiträgen von Victoria Langland (Ann Arbor), Peter W. Schulze (Köln), Oliver Precht (Berlin), Moacir dos Anjos (Recife), Lena Bader (Paris), Max Jorge Hinderer Cruz (Rio de Janeiro), Christopher Dunn (New Orleans), Detlef Diederichsen (Berlin), Daniel Fairfax (Frankfurt), Robert Stam (New York).

Quelle: Pressemitteilung vom 17. Mai 2018