(v.r. n. l.) Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard, Prof. Susanne Schröter, Maximilian Pichl, Prof. Bernd Belina, Johannes Fechner, Prof. Birgitta Wolff, Prof. Rainer Forst.

Frau Wolff, wie ist Ihr Resümee, welche Schlüsse ziehen Sie persönlich aus der Diskussion am Freitagabend?

Wir haben eine sehr lebendige Veranstaltung erlebt, auf der engagiert und mitunter auch emotional diskutiert wurde, ohne dass die einzelnen Wortbeiträge polemisch oder verletzend wurden. Das finde ich überaus erfreulich, das war ein Beispiel für gelebte Diskurskultur an einer Universität. Natürlich lösen sich die Gegensätze im Hinblick auf die Ausgangsfrage nicht einfach nach der Veranstaltung in Luft auf. Aber ich glaube, dass wir einen Konsens darin erzielt haben, dass wir diskursiv, d.h. mit sachlichen Argumenten über kontroverse Themen streiten wollen; Einschüchterungen und Drohgebärden haben hingegen an einer Universität nichts zu suchen.
Insgesamt habe ich viele positive Eindrücke aus der Diskussion mitgenommen, muss aber auch einen Punkt anmerken: Ich persönlich halte es für bedenklich, wenn man, wie in der Diskussion zu hören war, die Community lieber vor bestimmten Positionen bewahren möchte, statt darauf zu vertrauen, dass wir hier an der Universität mehrheitlich gebildete und selbstkritische Menschen vorfinden, die sich von Populisten und Scharfmachern nicht beeinflussen lassen und auch deren Position kritisch hinterfragen.

Kann die Veranstaltung möglicherweise der Einstieg sein in weitere Veranstaltungen dieser Art zum Thema Diskurskultur? Wenn ja, was wäre hier noch vorstellbar?

Wir haben mit der Bürgeruniversität ein Veranstaltungsformat, das offen ist für aktuelle und auch kontroverse Themen. Ich darf hier nur an die Reihe zur „Finanz- und Staatsschuldenkrise“ im Wintersemester 2012/13 oder die aktuelle zu „Fake News“ erinnern. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir den Gesprächsfaden aus der Podiumsdiskussion zu „Diskurskultur im Zwielicht“ in den kommenden Semestern wieder aufnehmen. Der kritische und offene Diskurs, an dem sich nicht nur Hochschulangehörige, sondern auch Bürgerinnen und Bürger der Stadt Frankfurt beteiligen, ist ja eine gute Tradition an der Goethe-Universität. Ich bin offen für neue Formate, Wege und Themen und auch neugierig, welche vielleicht auch überraschenden Fragestellungen sich eben aus dem wissenschaftlichen Diskurs heraus entwickeln werden. Manchmal gibt es dann auch Kristallisationspunkte dieser diskursiven Prozesse. Dieser Austausch von reflektierter Aktion und Reaktion gehört zum Aushandlungsprozess dazu.

Auslöser der Diskussion war ja die Ein- und Ausladung des Polizeigewerkschafters Rainer Wendt durch eine Professur. Denken Sie, dass bei einer erneuten Einladung Wendts, aber auch im Falle anderer polarisierender Persönlichkeiten, künftig differenzierter und diskursorientierter damit umgegangen wird?

Im Rahmen der Wissenschaftsfreiheit steht es Fachbereichen, Instituten und Professuren selbstverständlich frei, Veranstaltungen in eigener Regie zu gestalten. Wenn Frau Schröter Herrn Wendt wieder einladen möchte, dann ist das ihre Entscheidung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können natürlich auch polarisierende Gäste einladen, wenn sich das aus ihrer wissenschaftlichen Fragestellung heraus ergibt. Das Präsidium ist keine Diskurspolizei und darf es an einer Universität auch nicht sein. Dann wäre die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr.

Wie wird das Präsidium in der Zukunft mit solchen Fällen umgehen, was kann man vielleicht noch besser machen?

Bei der Planung von Veranstaltungen mit umstrittenen Gästen können die Fachabteilungen der Uni- Administration helfen, beispielsweise bei Logistikfragen und Öffentlichkeitsarbeit. Mein Rat wäre, dieses Know-how zu nutzen! Und auf diesem Weg wird dann auch die Uni-Leitung mit informiert. Wenn wir gemeinsam nachdenken, finden wir meist eine wirklich gute Lösung. Also, ein bisschen mehr Teamspirit, statt einsame Entscheidungen!

Eine Frage, die in den letzten Wochen auch in den Medien Thema war: Die Studentenverbindung Alsatia sieht sich ebenfalls als „Opfer“ angeblich „linker“ universitärer Meinungsselektion. Warum gewährt die Universität der Studentenverbindung Alsatia keine Räume?

Hier geht es um Raumanfragen, nicht um Einladungen durch Wissenschaftler/ innen. Wir haben dabei immer ein Auswahlproblem, und da ist ein wichtiges Kriterium die Passung mit unserem Leitbild. Aus meiner Sicht ist das kein Thema von Meinungsfreiheit. Denn Mitglieder der Alsatia sind ja durchaus bei Veranstaltungen der Goethe-Universität zugegen und willkommen und können sich äußern.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.

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Wer darf wann etwas sagen? Debatte über Meinungsfreiheit an der Universität