Prof. Saskia Sassen

Festveranstaltung »100 Jahre Soziologie an der Goethe-Universität« mit hochkarätigen Gästen und spannenden Diskussionen.

Mit einer Vortragsreihe und zahlreichen Begleitveranstaltungen wird seit Anfang dieses Jahres das Jubiläum der Frankfurter Soziologie gefeiert. Mit der Festveranstaltung am 12. November wurde gewissermaßen der Höhepunkt erreicht: Die Soziologie gedachte mit vielen Vertreterinnen und Vertretern des Fachs und zahlreichen Gästen zweier wichtiger historischer Daten:

Am 1. April 1919 wurde der erste Lehrstuhl für Soziologie in Deutschland an der Goethe-Universität eingerichtet, am 1. Oktober 1919 trat Franz Oppenheimer seine Stelle als Professor an. Die Feier im Festsaal der Goethe-Universität erinnerte an wichtige Stationen in der Geschichte des Fachs, versuchte eine aktuelle Bestandaufnahme und wagte auch den Blick in die Zukunft. Neben Grußworten und Podiumsdiskussionen sorgte vor allem der Festvortrag der renommierten amerikanischen Soziologin Prof. Saskia Sassen für einen anregenden Austausch.

Ruhmreiche Geschichte bis in die Gegenwart

In ihrem Grußwort hob Universitätspräsidentin Prof. Birgitta Wolff Frankfurt als Ort der engagierten und kritischen Auseinandersetzung hervor; das Fach Soziologie habe sich immer auch mit aktuellen Fragen beschäftigt. Merkmal der Soziologie sei ihre „Streitlust“, die aber nicht in der Polarisierung ende. Die hessische Wissenschaftsministerin Angela Dorn wies auf zahlreiche Persönlichkeiten des Fachs wie Merton, Adorno und Horkheimer hin, die der Frankfurter Soziologie eine Bekanntheit weit über die Landesgrenzen hinaus verschafft haben.

Frankfurts Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig erinnerte in ihrer Begrüßung daran, dass die Goethe-Universität vor 100 Jahren als modernste und liberalste Universität in Deutschland gegolten habe; Franz Oppenheimer, der erste Lehrstuhlinhaber, habe das Fach zu einem der wichtigen akademischen Fächer gemacht.

Nach weiteren Grußworten von Prof. Birgit Blättel-Mink, Soziologin an der Goethe- Universität und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), und Prof. Thomas Scheffer, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie, widmete sich eine erste Podiumsdiskussion den Traditionslinien der Frankfurter Soziologie. Prof. Ute Gerhard, Prof. Verena King, Prof. Regina Becker-Schmidt, Prof. Wolfgang Glatzer, Prof. Ferdinand Sutterlüty sowie Prof. Max Miller diskutierten unter anderem darüber, ob und inwieweit der Anspruch einer „Kritischen“ Soziologie normativ begründbar ist.

Soziologische Analyse der »Global cities«

Höhepunkt der Veranstaltung war sicherlich der Festvortrag von Prof. Saskia Sassen, die in ihrer mit vielen Statistiken und Schaubildern angereicherten Rede den radikalen sozioökonomischen Wandel in der globalen Großstadt kritisch thematisierte. Sassen, die an der Columbia University lehrt, zeigte eine Entwicklung auf, die nach ihrer Analyse in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts begonnen hat.

Eine neue Art von globaler Ökonomie, die „High Finance“, sei seitdem auf den Plan getreten und habe den nationalen Ökonomien den Rang abgelaufen. Diese neue, gewissermaßen unsichtbare Ökonomie übertrage die realen Werte, die städtische Immobilien haben, in abstrakte Werte, in „Assets“. Darin liege ihr Gewinn, nicht darin, die Wohnungen und Häuser zu vermieten. Dies habe, so Sassen, dann auch den Vorteil, dass sich keine Mieter mehr beschwerten.

Global operierende Investoren übernähmen in Städten wie London und New York flächendeckend Gebäude; in neuen spektakulären Wohntürmen wie dem Time Warner Center würden Eigentumswohnungen mehrheitlich von Personen besessen, die sich hinter dem Namen von Briefkastenfirmen verbergen würden. Wie Saskia Sassen weiter ausführte, gingen in den Großstädten der Welt im Gewand einer „Aufwertung“ und „Modernisierung“ immer mehr Wohnquartiere für den Mittelstand verloren.

In den ländlichen Gebieten der Welt geschehe es im Zeichen einer so bezeichneten „Entwicklung“, dass immer mehr Lebensräume durch das Betreiben von Minen oder den Bau neuer Siedlungen bis hin zu sogenannten „gated communities“ der dort ansässigen Bevölkerung abhandenkämen.

Neue Herausforderungen, neue Chancen

In einer zweiten und abschließenden Podiumsdiskussion lag der Fokus auf aktuellen soziologischen Debatten und Kontroversen. Befragt nach den Herausforderungen des Fachs, hob Prof. Daniela Grunow, Soziologin an der Goethe-Universität, die Digitalisierung hervor; angesichts der Verfügbarkeit prozessorientierter Daten seien neue Kompetenzen vonnöten. Digitalisierung impliziere aber nicht nur technologische Veränderungen, sondern habe ebenfalls Auswirkungen auf das gesellschaftliche Miteinander, berühre Fragen der Gerechtigkeit und auch der Demokratie.

Prof. Thomas Lemke (Goethe-Universität) konstatierte, dass die Soziologie gegenwärtig nicht mehr die Rolle innehabe, die sie noch in den 70ern gehabt habe. Dies sei nicht allein Schuld des Faches, jedoch habe sich die Soziologie mit bestimmten Fragen nicht oder nur zu verhalten beschäftigt.

Die strikte Abgrenzung von den Naturwissenschaften sei heute zum Problem geworden. Er plädierte für eine stärkere Öffnung des Faches auch zu außer- und nichtakademischen Öffentlichkeiten. Eine soziologische Kritik sollte nicht nur gesellschaftliche Prozesse beurteilen, sondern zugleich auch den Rahmen ihrer Beurteilung hinterfragbar machen. Prof. Steffen Mau (Humboldt-Universität zu Berlin) warnte davor, dass die Soziologie aktuellen Themen zu sehr „hinterherhechele“; sie sollte sich aber auch nicht gegen Fragen von außen immunisieren.

Seine Kollegin Prof. Paula-Irene Villa Braslavsky von der LMU München erinnerte daran, dass Soziologen eine Übersetzungsleistung schaffen müssten, ohne sich mimetisch dem öffentlichen Diskurs anzupassen. Sie vermisste den Streit im Fach und forderte, Begriffe stärker zu hinterfragen.

Auf dem Podium saßen mit Viona Hartmann und Nils Kühl auch zwei studentische Vertreter/ innen, die vor allem die autonomen Seminarangebote der Studierenden als Frankfurter Besonderheit lobten, allerdings auch davor warnten, dass das Fach sich zu sehr der empirischen Forschung zuwende, die Theorie hingegen vernachlässige. Kritische Formen der Wissensproduktion seien in Zeiten einer erstarkten Rechten, die beispielsweise die Gender denunziere, mehr als nötig.

https://hundertjahresoziologie.uni-frankfurt.de

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.19 des UniReport erschienen.