Ulrike Draesner; Foto: Jürgen Bauer

Ulrike Draesner; Foto: Jürgen Bauer

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner wird im Wintersemester 2016/17 neue Frankfurter Poetikdozentin. Am 10. Januar 2017 hält sie ihre erste Vorlesung. Der UniReport hat Ulrike Draesner vorab interviewt.

UniReport: Frau Draesner, Sie haben sich in Ihren Texten auch mit Diskursen der Lebenswissenschaften auseinandergesetzt. Ihre Frankfurter Poetikvorlesungen finden nun an einer Universität statt, an der Disziplinen aus diesem Bereich stark vertreten sind. Würden Sie sich wünschen, dass auch der ein oder andere Vertreter dieser Fächer Ihre Vorlesungen besucht?

Ulrike Draesner: Ich lehre seit einem Jahr in Oxford und profitiere von der Interdisziplinarität des Collegelebens dort. Selbstverständlich wäre es gut, wenn etwas dieser Art sich in Frankfurt fortsetzen ließe. Es gibt dieses Gespräch allerdings schon: Ohne den Frankfurter Neurophysiologen Wolf Singer wäre mein Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“, in dem zwei Primatenforscher eine wesentliche Rolle spielen, nicht geworden, was er geworden ist.

Wo könnte der Reflexionsvorsprung liegen, den Literatur gegenüber der Wissenschaftssprache und auch anderen Sprachen hat?

Meine Vorlesungen werden mit Hilfe unterschiedlichster literarischer Beispiele danach fragen, was wir durch Literatur erfahren oder wissen können. Die Grenzen unseres Wissens, unserer Welten, unserer Sprachen, faszinierten mich schon als Kind: Wie sind Sprache und Denken verbunden? Welches Wissen gibt es ohne oder außerhalb von Sprache? Und wie lässt sich eben dieses Wissen in literarische Werke „übersetzen“, also eben doch in Sprache fassen, so dass unsere Welt als Möglichkeitsraum wächst – und wir mit ihm.

Ihre Vorlesungen stehen unter dem Titel „Grammatik der Gespenster“. Was kann man sich darunter vorstellen?

In einem arabischen Rätsel hinterlässt ein Vater seinen Söhnen 17 Kamele. Der älteste Sohn soll die Hälfte erhalten, der Zweitälteste ein Drittel, der Jüngste ein Neuntel. Was tun? Ein totes Kamel, das achteinhalbste, ist sehr viel weniger wert als ein lebendiges. Ein Freund der Familie weiß Rat. Er bringt sein Kamel in den Hof; nun wird geteilt. Der Älteste erhält neun Kamele, der Zweite sechs, der Dritte zwei. Insgesamt sind das 17. Der Freund zieht mit Kamel 18 wieder ab, und alles ist beglückt. Gespenster sind das 18. Kamel. Innere Wirklichkeit, Spiegelfiguren, Wirklichkeitserweiterungen. Nur auf sie reimt sich, was wir „Realität“ nennen, nur mit ihrer Hilfe lässt diese Realität sich bewegen. Meine Vorlesungen stehen im Zeichen einer Frage: Wie schreiben wir Leben? Was life writing heißt – in Novellen, im Roman, im Essay, in Gedichten und in Übersetzungen möchte ich gemeinsam mit dem Publikum erkunden.

Gibt es aus der langen Reihe der Frankfurter Poetikvorlesungen eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller, deren/dessen Poetik Sie besonders beeinflusst hat?

Die Vorlesungen von Ingeborg Bachmann und Christa Wolf waren für mich als Studentin wichtig. In der englischsprachigen Literatur gibt es mehr Autorinnen am hohen Himmel des literarischen Kanons als auf der deutschsprachigen Seite. Mit den Stimmen von Jane Austen, den Brontë-Schwestern, Emily Dickinson, Virginia Woolf oder Gertrude Stein im Kopf suchte ich – und suche noch – nach dem Resonanzraum „weiblichen“ Schreibens in meiner Erstsprache. Einem Resonanzraum für Anders- und Eigenheit. Man baut sich derartige Räume vielleicht immer selbst, doch sehen die Voraussetzungen für dieses Bauen weiterhin sehr unterschiedlich aus. Mit den Themen Körper und Stimme ist ein zentraler Bereich meines Schreibens berührt. Ich erlebe Sprache als etwas Gesamtkörperliches. Wie drückt sich Verborgenes, Halberinnertes, Halbwahrgenommenes in körperlichen Symptomen, in Sprachfehlern, Missverständnissen oder Lücken, in Gesten und emotionalen Landschaften aus? Auch hier könnte man von Gespenstern sprechen: Meine Literatur lädt sie ein, sich zu zeigen. Ihre Geschichten sind unerhört.

Frankfurter Poetikvorlesungen Wintersemester 2016/17

Ulrike Draesner: »Grammatik der Gespenster«
Termine: 10., 17., 24., 31. Januar 2017; 7. Februar 2017,
Campus Westend, Hörsaalzentrum, Audimax (HZ1&2).
Beginn jeweils um 18.00 Uhr c.t., Einlass ab 17.30 Uhr, Eintritt ist frei.

Begleitausstellung im „Fenster zur Stadt“ im Restaurant Margarete ab dem 11. Januar 2017.
Abschlusslesung im Literaturhaus Frankfurt, 8. Februar 2017, 19.30 Uhr.

» www.poetikvorlesung.uni-frankfurt.de

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.16 (PDF-Download) des UniReport erschienen.