Ausstellung »Sammlungswerkstatt. Die Arbeit am kollektiven Gedächtnis«

Vortrag von Dr. Mathias Jehn anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 13. Februar 2020; leicht geändert und gekürzt.

Im Schopenhauer-Studio der Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg wurde am 13. Februar 2020 die neue Ausstellung „Sammlungswerkstatt. Die Arbeit am kollektiven Gedächtnis“ eröffnet. Im Zentrum der Ausstellung steht die These, dass Sammlungen der Universitätsbibliothek und der Goethe-Universität nicht einfach von Natur aus – quasi zweckfrei – entstehen, sondern dass sie in einem allgemein gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Umfeld stehen, aus dem sie erzeugt wurden, von dem sie getragen sind und von dem auch immer wieder sich ändernde Erwartungen herangetragen werden.

Trotz der Möglichkeiten digitaler Vernetzung mit den daraus resultierenden Vorteilen werden solche reale Sammlungsorte zunehmend wichtiger. Gemeint sind Orte, wo – gemäß des im November 2019 erschienenen Grundsatzpapiers des BMBF zur Wissenschaftskommunikation – „Wissenschaft, Politik, Wirtschaft sowie Bürgerinnen und Bürger über Chancen und Herausforderungen diskutieren und Ideen zur Gestaltung der Zukunft entwickeln können“. Die in der Universitätsbibliothek zu findenden Sondermaterialien wie Zeitungen, Notendrucke, Autografen, Karten und Pläne, Münzen, Musikinstrumente, Skulpturen, Stoffe und andere hinterlassene Materialien der städtischen und universitären Kultur in Frankfurt dienen genauso dem allgemeinen Studium, der Bildung und dem kulturellen Erleben wie die umfangreichen Buchbestände der Bibliothek auch.

In diesem Zusammenhang setzt die Ausstellung „Sammlungswerkstatt“ auch direkt an zwei berühmte Persönlichkeiten an, die eng mit der Universitätsbibliothek verbunden sind, nämlich Arthur Schopenhauer und Ferdinand Kramer. Der Architekt Kramer wurde 1952 von Max Horkheimer zum Baudirektor der Universität ernannt und ließ als eine der ersten Maßnahmen das neobarocke Portal des Jügelhauses inklusive der Säulen und Figuren abschlagen, um es durch ein deutlich breiteres, gläsernes Portal zu ersetzen. Für ihn war das ein architektonisches Zeichen nach außen, die Universität für jeden Interessenten zu öffnen. Diese Grundhaltung wird auch bei der 1963 von ihm gestalteten Zentralbibliothek sichtbar.

Kramer ließ offene Magazine bauen, um einen „Buchtempel“ für alle sowie eine offene, demokratische Bibliothek zu errichten. Deshalb sollte dieses Gebäude an eine sachlich gehaltene Industriehalle erinnern oder in Kramers Worten, an eine „Werkstatt des Geistes“. Der andere rote Faden der Ausstellung ist der Namensgeber des Schopenhauer-Studios. Arthur Schopenhauer galt als Außenseiter der akademischen Institutionen und schrieb regelmäßig gegen die etablierte universitäre Philosophie und ihre enge Verortung an der Universität an. Er forderte ein von akademischer Karriere emanzipiertes philosophisches Denken und steht damit für das „Lebensweisheitliche“ und den praktischen Nutzen für jedermann.

In seinem Sinne gilt es auch heute noch, alte Aufgabenfelder, Arbeitsweisen und Organisationsformen zu überdenken, zu gestalten und sie nach außen hin zu öffnen. Für die konzeptionelle Umsetzung erarbeitete das Ausstellungsteam eine Mindmap mit sieben Arbeitsthemen, nämlich: bewerten, erwerben, erschließen, erhalten, verfügbar machen, vermitteln sowie forschen und lehren. Aus diesen Tätigkeiten, die die Kernaufgaben der Sammlungsarbeit darstellen, ergibt sich eine natürliche Abfolge in der Ausstellung, auch wenn die einzelnen Teile in einem vernetzten Gefüge zueinanderstehen. Gemeinsam mit den Sammlungsleitungen wurden aussagekräftige Sammlungsobjekte gesucht, die Schnittstellen zwischen Universität und Gesellschaft darstellen, die mit einem besonderen Engagement Einzelner verbunden waren oder um die sich eine besondere Diskussion oder Auseinandersetzung entwickelt hat.

Die Ausstellungsobjekte dienen auch als Interface, da sie zwar oft als Reproduktionen dargestellt sind, jedoch im Original unmittelbar bereitstehen und jederzeit in den Lesesälen der Bibliothek nutzbar sind. Zudem können sich die Objekte und Themenbereiche wieder ändern, um damit auch die Dynamik und das Prozesshafte im Umgang mit den Sammlungen zum Ausdruck zu bringen. In der Ausstellung hat die Kategorie „Bewerten“ eine besondere Position inne. Hier wird die Frage erörtert, was erhalten bzw. was nicht erhalten werden soll. Der Besucher erfährt, dass das bewusste Vergessen ein entscheidender Aspekt des Sammelns ist.

Hier fällt Horkheimers berühmter Fedora-Hut auf, von dem man heute aber weiß, dass er eine Fälschung ist. Bei der Uhr Schopenhauers an der Station „erwerben“ wird berichtet, dass sie unter abenteuerlichen Umständen aus der ehemaligen DDR ins Schopenhauer- Archiv nach Frankfurt kam. Auf dem Tisch „erschließen“ finden wir wichtige Hilfsmittel, Metadaten und Werkzeuge aus der bibliothekarischen Praxis wieder, wie den sogenannten „Eppelsheimer-Katalog“, der eine innovative Kombination von systematischem Sachkatalog und verbaler Sacherschließung war.

Es werden in der Ausstellung auch aktuelle Erhaltungsprobleme angesprochen, u.a. wenn wir feststellen, wie hoch eigentlich der Aufwand ist, ältere Textverarbeitungsprogramme heute wieder lesbar zu machen. Die Sammlungen haben nicht zuletzt auch einen bestimmten Nutzungszweck, der in einer Universitätsbibliothek meist ein wissenschaftlicher ist. So sind sie eingebunden in Forschung und Lehre, je nach Fachdisziplin mit ganz unterschiedlichen Methoden, Prämissen und Regeln. Hieraus ergibt sich ein „Fenster“ hin zu den universitären Sammlungen der Goethe-Universität, die dezentral an unterschiedlichen Fachbereichen der Universität aufbewahrt werden.

Die Objekte sollen aber auch an eine breitere Öffentlichkeit vermittelt werden. Neben Beratung und Information nimmt das Thema „Ausstellen“ deshalb eine wichtige Rolle ein und verweist unmittelbar auf die Funktion des 2019 neu geschaffenen Schopenhauer-Studios. Diese dynamische Ausstellung bildet damit das tragende Element des Studios, bevor im Oktober dann wieder eine dreimonatige Wechselausstellung gezeigt werden wird.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.20 des UniReport erschienen.