Die Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Sianne Ngai ist eine der weltweit führenden Analytiker*innen der Gegenwartsästhetik. Am Ausgang ihrer Forschung steht die Frage, welche ästhetischen Formen, Erfahrungen und Urteilskategorien sich unter den Bedingungen des Spätkapitalismus herausbilden und welches Potenzial eine solche Ästhetik für die Kritik ihrer eigenen spätkapitalistischen Bedingungen zur Verfügung stellt.

In ihren Vorlesungen richtet Sianne Ngai ihren Blick ausgehend von ihrem neuesten Buch auf das Gimmick. Sie erkennt darin eine ästhetische Form, die uns zugleich anzieht und abstößt, und ein ästhetisches Urteil, durch das wir diese ambivalente Gefühlsmischung zum Ausdruck bringen.

Johannes Völz, Professor für Amerikanistik mit Schwerpunkt „Demokratie und Ästhetik“ an der Goethe-Universität, über die bedeutende Literaturwissenschaftlerin: „Sianne Ngai hat uns neue Begriffe an die Hand gegeben, um über die Alltagsästhetik des Hier und Jetzt zu sprechen. Genauer gesagt hat sie uns mit ihren Büchern erklärt, wie wir alle ständig ästhetische Urteile fällen, einfach indem wir sprechen. Manchmal glaubt man ja, Ästhetik, das betrifft nur Museums- oder Opernbesucher. Aber Ästhetik ist viel mehr, und zwar nicht nur, weil unsere Lebenswelt im Zeitalter des Konsumkapitalismus durchästhetisiert ist, sondern weil wir die Welt um uns herum beurteilen mithilfe ästhetischer Kategorien. Sianne Ngai hat uns mit ihrem einflussreichen Buch ,Our Aesthetic Categories‘ vor Augen geführt, dass ,Zany‘, ,Cute‘, ,Interesting‘ – also etwa „Irre‘, ,Süß‘ und ,Interessant‘ – drei Kategorien sind, die das heutige Denken organisieren, und die es organisieren können, weil sie in der materiellen Welt, in ihren Produktions- und Konsumptionsweisen, verankert sind. In Ihren Westberg Lectures wird Sianne Ngai nun erkunden, was auch der Gegenstand ihres neuesten Buchs – ,Theory of the Gimmick‘ – ist: Wieso sind wir umgeben von Gimmicks, und was sind Gimmicks eigentlich? Auch hier mag man zunächst fragen: Warum sollten wir denn ausgerechnet über Gimmicks nachdenken? Die Antwort wird uns Sianne Ngai selbst geben, aber eines lässt sich nach der Lektüre ihres neuen Buchs schon sagen: In den Händen einer so originellen, belesenen und klugen Denkerin wird das Gimmick zu einem Fenster in den Maschinenraum unserer spätkapitalistischen Gegenwart. Es ist eine Welt der Widersprüche und Ambivalenzen, des Offensichtlichen und Unsichtbaren zugleich. Gimmicks ziehen uns an, sie faszinieren; und sie stoßen uns zugleich ab. Sie vermögen, Unerwartetes zu tun, und offenbaren doch, dass sie auf einem leicht durchschaubaren Trick basieren. Gimmicks sind Kernbestandteil eines ausbeuterischen Wegwerfkapitalismus, aber wenn man genauer hinschaut, findet man Gimmicks auch in jener Sphäre, die sich immer als Gegenpol zur kapitalistisch zugerichteten Welt verstand: in der Kunst, speziell auch in der Avantgarde-Kunst. Sianne Ngai fährt ziemlich große Geschütze auf, um so etwas Kleinem wie dem Gimmick beizukommen. Das Resultat ist ein faszinierend vielschichtiges Bild unserer Welt, kapitalismuskritisch einerseits, aber doch andererseits alles andere als kulturpessimistisch.“

Die Dagmar-Westberg-Vorlesungsreihe ist eine im Jahr 2012 errichtete Stiftungsgastprofessur der Geistes- und Kulturwissenschaften. Einmal pro Jahr werden hervorragende Forscherinnen und Forscher in- und ausländischer Universitäten, die in ihren Fächern jeweils zu den weltweit führenden zählen, an den Campus Westend der Goethe-Universität eingeladen. Hier stellen sie in drei bis vier Vorlesungen sowie einem anschließenden Kolloquium am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität wichtige neuen Einsichten, bahnbrechende Thesen und weiterführende Ideen zu Themen ihrer Forschung zur Diskussion. Ermöglicht wurde die Vorlesungsreihe durch die namensgebende Stifterin Dagmar Westberg. Dank Ihrer Unterstützung konnte ein gleichnamiger Stiftungsfond an der Goethe-Universität errichtet werden, der die Existenz der Dagmar-Westberg- Vorlesungsreihe als dauerhafte Gastprofessur garantiert.

WESTBERG-VORLESUNGEN 2021

14. Juni 2021, 19 Uhr, Zoom
An Introduction to Aesthetic Categories (Through the Case of an Unstable One)
What is an aesthetic category? In what sense is it a historical phenomenon? How are its two components, spontaneous judgment and the perception of form, sutured by affect into a distinctive experience? While drawing on philosophers to think about these questions, this lecture will also explore them through a distinctively capitalist aesthetic category: the extravagant and yet impoverished, simultaneously overperforming and underperforming, fundamentally compromised gimmick. Moderation: Johannes Völz. Anmeldung hier.

15. Juni 2021, 19 Uhr, Zoom
Aesthetic Judgment as Verbal Performance
Why is the verbal, evaluative, and intersubjective dimension of aesthetic experience so undertheorized in comparison to (our supposedly silent) encounters with form? Focusing on the gimmick as ambivalent judgment to answer this question, we will examine several of its paradoxes in closer detail – including its curious proximity to the sublime in contemporary culture. Moderation: Heinz Drügh. Anmeldung hier.

17. Juni 2021, 19 Uhr, Zoom
The Gimmick as Capitalist Form
For all its unsubtlety, the gimmick manifests in remarkably diffused ways throughout the culture of mature, crisis-prone capitalism. What are some of the traps it lays for those trying to analyze it? How is it related to other capitalist forms of appearance? In this final lecture we will reflect on tensions between the critical worldview implied by the impoverished gimmick and dominant trends in contemporary theory – and on methodological difficulties surrounding the analysis of everyday aesthetic categories. Moderation: Juliane Rebentisch. Anmeldung hier.

Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 3/2021 (PDF) des UniReport erschienen.