Tagung der analytischen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in Frankfurt. Foto: VAKJP

Rund 300 analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten aus Deutschland haben sich vom 5. April 2019 bis zum 7. April 2019 in der Goethe-Universität in Frankfurt getroffen und psychoanalytische und familientherapeutische Diskurse zu Geschwisterbeziehungen aufgegriffen.

Etwa 80 Prozent der Kinder in Deutschland wachsen mit Geschwistern auf. Alle neun Minuten streiten sie sich im Durchschnitt. Der Brudermord ist der erste in der Bibel erwähnte Totschlag: Kain erschlägt Abel. Ohne ihre gemeinsame Stärke hätten Hänsel und Gretel nicht überlebt. Geschwister sind sich ähnlich? Nein, Unterschiede zwischen Geschwistern sind fast so groß wie zwischen nicht verwandten Kindern, vielleicht auch deshalb, weil Geschwister zu Nischenspezialisten werden müssen – sie benötigen etwas, was sie von Bruder oder Schwester unterscheidet, um die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu ziehen.

Neben der Bedeutung intakter Geschwisterbindungen als haltgebende Ressource für die Bewältigung schwieriger oder risikobelasteter Eltern-Kind-Beziehungen wurden auf der Tagung beispielhaft auch dysfunktionale Geschwisterkonstellationen wie Geschwisterrivalität oder Geschwisterinzest diskutiert. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig: Geschwisterkonstellationen müssen stärker in die Behandlung einbezogen werden.

„Von Selbstbezogenheit zum Gemeinschaftsgefühl – Anna Freuds Verständnis von Geschwisterbeziehungen“ – so lautete der Vortrag von Dr. Inge-Martine Pretorius vom Anna Freud Centre (AFC) und University College (UC) London. Anna Freud hat wie ihr Vater die Rolle der Geschwister füreinander untersucht. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gründete Anna Freud in London die Hampstead Kriegskinderheime (Hampstead War Nurseries). Diese Kinderbetreuungseinrichtungen für „Vorübergehende Waisenkinder“ bot die Möglichkeit für Langzeitbeobachtungen der kindlichen Entwicklung. Die starke Bindung an die Gruppe der Gleichaltrigen bei Kindern, die von ihren Eltern getrennt worden waren, wurde in dramatischer Weise deutlich durch eine Gruppe von sechs Kindern, die aus dem Konzentrationslager Theresienstadt befreit worden waren. Für diese Kinder war die „geschwisterliche“ Gemeinschaft überlebenswichtig und damit ein hohes Gut, das weder Rivalität noch Missgunst duldete. Anna Freuds Verständnis entwickelte sich nach dem Krieg weiter und führte schließlich zu ihrem Konzept der Entwicklungslinien. Die Entwicklungslinie, die die geschwisterähnliche Beziehung in den Mittelpunkt stellt, nannte sie „vom Egoismus zur Freundschaft und Teilnahme an einer menschlichen Gemeinschaft“.

In diesem Zusammenhang wurde auf die Deutschlandpremiere des Films „Anna Freud and The Conscience of Society’“ und des Buches „The Freud/Tiffany Project“ in Hamburg, Warburghaus, am kommenden Freitag, 12. April 2019 verwiesen.

Die 67. Jahrestagung im kommenden Jahr wird in Berlin stattfinden. Thema ist dann „Digitalisierung“.

Die Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland e.V (VAKJP) ist der größte Berufs- und Fachverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in Deutschland. Gegründet wurde er 1953 als Vereinigung Deutscher Psychagogen e.V., aus der 1975 die Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland e.V. hervorging.
Mitglieder der VAKJP sind Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten mit der Fachkunde Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie die derzeit 26 staatlich anerkannten Ausbildungsstätten für analytische und tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, welche die Grundanforderungen der VAKJP erfüllen und zusammen die Sektion Ausbildung der VAKJP bilden.

Pressemitteilung der vakjp