Sie haben das Offene Wohnzimmer „erfunden“: Shima, Richard u. Abhinav (v.l.); Foto: Gärtner

Das offene Wohnzimmer der Evangelischen Studierendengemeinde bietet Raum für interkulturellen Austausch auf dem Campus.

Die Tische sind mit Kerzen dekoriert und vom Buffet steigt der köstliche Duft gekochter Linsen. Prasiddha nestelt nervös am Beamer. Er hat einen kleinen Vortrag vorbereitet, um den Gästen etwas über das nepalesische Lichterfest zu erzählen, das man derzeit in seiner Heimat feiert. Zusammen mit anderen Studierenden aus Nepal hat er Gerichte aus Nepal gekocht und den Raum geschmückt.

„Für uns ist das Lichterfest so wie hier Weihnachten“, sagt er und schaut mit freudiger Erwartung auf all die vielen Gäste, die sich im Gruppenraum der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) versammelt haben: Studierende aus aller Welt, die neugierig die Hälse recken, um zu sehen, welch köstliche Speisen auf dem Buffet schon auf sie warten. Auch Richard aus Nigeria schaut zufrieden über die Köpfe der vielen Besucher.

Er war es, der zusammen mit seinen Kommilitonen Abhinav Ram Bhandari aus Nepal und Shima Naghdali aus dem Iran mit der Idee des offenen Wohnzimmers auf die ESG zukam. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man sich austauschen und die vielen Kulturen kennenlernen kann, die hier auf dem Campus vertreten sind“, sagt Richard Alade. Er ist 27 Jahre alt, studiert im sechsten Semester Jura und weiß sehr gut, wie wenig Zeit im Studienalltag bleibt, um sich mit anderen Kommilitonen auszutauschen.

Das nächste Offene Wohnzimmer findet am 18. Januar ab 18 Uhr im großen Gruppenraum der ESG auf dem Campus Westend statt.

„Man ist meistens gestresst und eingespannt. Da hat man kaum Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand hinwegzuschauen“, sagt er. „Das ist schade. Als Student hat man ja kaum Zeit und Geld zu reisen. Da wäre es doch toll, wenn man andere Länder und Kulturen über die Kommilitonen kennenlernt, die mit einem studieren.“

Kulinarik und Landeskunde

Zusammen mit Abhinav und Shima organisierte er 2015 die ersten Abende, die sich seitdem bei seinen Kommilitonen großer Beliebtheit erfreuen. Einmal im Monat stellt die ESG dafür ihren großen Gruppenraum und die Küche zur Verfügung, in der die Studierenden Speisen aus ihren Ländern zubereiten können. „Uns war es wichtig, dass wir einen lockeren Rahmen schaffen, um den anderen aus unseren Heimatländern erzählen zu können“, sagt Abhinav aus Nepal.

„Dazu gehört neben dem landestypischen Essen auch ein Kurzvortrag zu einem Thema, das den Studierenden besonders am Herzen liegt.“ Abhinav selbst ist 29 Jahre alt, kam zum Medizinstudium nach Deutschland und hat seinen Kommilitonen in einem Vortrag bereits vom nepalesischen Gesundheitssystem berichtet. Auch für Shima aus dem Iran haben die interkulturellen Treffen im offenen Wohnzimmer eine große Bedeutung.

Die 25 Jahre alte Designstudentin studiert zwar in Offenbach, hat aber einige Semester im Wohnheim der ESG auf dem Campus Westend verbracht. Seitdem ist sie in der ESG aktiv und liebt es, hier Menschen aus aller Welt begegnen zu können – eine Erfahrung, die im Iran unmöglich für sie war. „In meiner Heimat ist multikulturelles Leben dieser Art undenkbar“, sagt sie.

Die Meinungsfreiheit dort ist eingeschränkt, weshalb sich Shima mit ihrer Kunst auch nicht ausdrücken konnte und zum Studium nach Deutschland kam. Die internationalen Treffen im offenen Wohnzimmer sind seitdem ein stetiger Quell der Inspiration, der ihr bei ihrer kreativen Arbeit hilft und ihr auch im Alltag einfach guttut.

„Im offenen Wohnzimmer kann ich mich mit anderen internationalen Studierenden über die Erfahrungen austauschen, die wir in der deutschen Gesellschaft machen“, sagt sie. „Außerdem kann ich anderen Studierenden jenseits aller Klischees vom Leben in meiner Heimat erzählen. Das ist großartig.“

[Autorin: Melanie Gärtner]

 

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.