In Ginnheim werden auch jenseits des Spielfelds Kollegialität und Teamgeist großgeschrieben.

Bedächtig schreitet Alexander Müller über die  Außenanlage des Sportcampus und lässt seinen  Blick über die Sportstätten schweifen. Alles geht seinen gewohnten Gang: Auf dem Rasenplatz trainiert ein Fußball-Kurs und auf der Mehrzweckanlage übt eine Gruppe das Hürdenlaufen. Alles ist so, wie es an einem gewöhnlichen Vormittag mitten im Semester sein muss. Alexander Müller kennt den Campus wie seine Westentaschen, und das von klein auf: Sein Vater war einer der Ingenieure, die Ende der 1960er Jahre an den Baumaßnahmen beteiligt waren. „Als kleiner Junge durfte ich hier auf der Planierraupe mitfahren“, sagt er. Sein Blick reicht weit in die Vergangenheit: An die Eindrücke von den Bauarbeiten bis hin zu seinen ersten Trainingseinheiten als jugendlicher Leichtathlet auf der damals modernsten Kunststoffanlage in Frankfurt. Doch das ist lange her.

Alexander Müller: Technischer Leiter des Sportcampus Ginnheim

Alexander Müller: Technischer Leiter des Sportcampus Ginnheim; Foto: Melanie Gärtner

Alexander Müller ist dem Sportcampus als langjähriger Mitarbeiter in unterschiedlichen Positionen verbunden geblieben und aktuell dessen Technischer Leiter. Er hat miterlebt, wie die Zeit ihre Spuren an den Sportstätten und Gebäuden hinterlassen hat. Baumwurzeln schlagen Wellen in die Laufbahnen, an Sprunggruben und Stoßkreisen blühen die ersten Frühlingsblumen und der abplatzende Beton an den Gebäuden gibt die Sicht auf die rostende Armierung frei. Mittlerweile wird die Anlage in Ginnheim seit über 40 Jahren intensiv genutzt. Vormittags trainieren etwa 600 Sportstudierende und abends nehmen an die 800 Personen das Angebot des Zentrums für Hochschulsport wahr. Darüber hinaus nutzen die Bürger der angrenzenden Stadtteile die Außenanlagen des Campus zur sportlichen Ertüchtigung. Alexander Müllers Blick folgt einer Gruppe Rentner, die auf der Laufbahn ihre Runden zieht. Dass der Campus auch von Nicht-Studierenden zum Sporttreiben genutzt werden kann, findet er grundsätzlich gut. „Es ist schön, dass der Campus offen ist für sportbegeisterte Bürger – wenn da nicht die Hundebesitzer wären, die den Campus als Erweiterung des Niddaparks betrachten und sich nicht an die Hausordnung halten.“

Der Sportcampus liegt eingebettet zwischen den Stadtteilen Bockenheim und Ginnheim sowie dem Niddapark und bildet mit der angrenzenden Bezirkssportanlage West eine Insel des Sports im Frankfurter Westen. Auf 10 Hektar umfassen die Campussportanlagen einen Hauptplatz für Ballsport und Leichtathletik, drei Beachvolleyballfelder, vier Tennisplätze, eine Kunststoffmehrzweckanlage sowie ein großes Sporthallengebäude mit kleiner Schwimmhalle. Weitere 2,5 Hektar, direkt angrenzend an das Campusgelände, sind an die Stadt Frankfurt verpachtet und stehen der Frankfurter Bevölkerung zum Sporttreiben zur Verfügung.

Die Hauptnutzer des Sportcampus sind allerdings das Institut für Sportwissenschaften mit Lehramts-, Bachelor- und zwei Masterstudiengängen sowie das Zentrum für Hochschulsport. Dieses fördert, wie im Landeshochschulgesetz vorgesehen, die dauerhafte Motivation zu Sport und Bewegung und die Mitverantwortung für eine gesunde Lebensführung bei den Angehörigen der Universität. Diese umfassen Studierende und Bedienstete der Hochschule und damit eine Zielgruppe von rund 50.000 Personen. Das Angebot des Hochschulsports ist damit entsprechend vielfältig und breit angelegt und erfreut sich vor allem im Breitensport großer Beliebtheit.

Hochschulsport auch für Anfänger

So wie bei Cahide (18). Mit neugierigem Blick betritt sie die Halle. Noch ist alles neu und aufregend. Es ist erst das zweite Mal, dass sie am Kurs „Basketball für Frauen“ teilnimmt. Die Jurastudentin wollte sich bereits im letzten Semester für den Kurs anmelden, aber der war schon wenige Tage nach Semesterbeginn ausgebucht – nicht ungewöhnlich für ein Angebot des Hochschulsports. Cahide hatte Basketball im Sportunterricht an der Schule kennengelernt. „Ich fand das toll und habe Lust weiterzumachen“, sagt sie. „Allerdings wollte ich lieber in einen Anfängerkurs für Frauen, weil viele Ballsportarten eher den Jungs nahegelegt werden und die dadurch oft viel besser sind.“ Diesen Eindruck teilt auch Julia (29). Sie studiert Politik und Französisch und hatte angefangen, mit einer Freundin auf dem Basketballplatz zu spielen. „In solchen freien Spielen kommen aber schnell Leute dazu, die das schon richtig gut können“, sagt sie. „Und das sind meistens Jungs. Ich wollte hier im Frauenkurs einen geschützten Raum haben, in dem ich üben kann.“

Cahide mit Trainer Ahmad; Foto: Melanie Gärtner

Cahide mit Trainer Ahmad; Foto: Melanie Gärtner

Schon seit sieben Jahren bietet das Zentrum für Hochschulsport einen Basketball-Anfängerkurs nur für Frauen an und wird damit der großen Nachfrage gerecht. „Der Frauenkurs ist immer schnell ausgebucht“, sagt Qamar Ahmad, der die Basketballkurse am Zentrum für Hochschulsport betreut. „Frauen spielen anders als Männer, geben im Spiel mehr auf sich und andere acht. Viele Anfängerinnen fühlen sich im Training mit anderen Frauen wohler, anstatt sich gegen Männer durchsetzen zu müssen, die zwei Köpfe größer sind. Meine Aufgabe ist es, den Kursteilnehmern etwas beizubringen, aber auch dafür zu sorgen, dass ihnen der Sport langfristig Spaß macht.“

Qamar Ahmad weiß, was es heißt, sich dauerhaft für etwas zu begeistern. Sport begleitet ihn von Kindesbeinen an. Der  55-Jährige arbeitet hauptberuflich als Journalist, hat dem Sport aber schon immer viel Raum gegeben. Als Hockeyschiedsrichter pfiff er schon über 350 Bundesligaspiele, und dem Basketballtraining widmete er bis vor kurzem noch fünf Abende in der Woche. Dass er neben dem eigenen Spiel auch Freude daran entdeckte, anderen die Sportart zu vermitteln, hat er seinem Dozenten an der Universität zu verdanken, der ihm den Job als Trainer am Zentrum für Hochschulsport vermittelte. „Ich habe meinen Dozenten damals dafür bewundert, dass er schon so lange im Sport tätig war, und nun bin ich selbst schon seit über 20 Jahren dabei“, lacht Qamar Ahmad.

Seine jahrelange Erfahrung zeigt sich in der geduldigen Gelassenheit, mit der er die Anfängerinnen bei den ersten Versuchen begleitet, den Ball durch die Halle zu dribbeln oder an der Wurftechnik für den Korbleger zu feilen. Den unterschiedlichen Spielniveaus der Teilnehmerinnen, die bei einem Breitensport in so einem weitgefächerten Angebot wie dem des Hochschulsports zusammenkommen, begegnet Qamar Ahmad mit einem Training, das den Teilnehmern die Grundlagen an Technik und Spielregeln vermittelt und sie auch einfach spielen lässt, damit sie Spaß an den Kursen haben.

Obwohl Andreas Bob in denselben Hallen dieselbe Sportart lehrt, muss er bei seinem Unterricht auf ganz andere Dinge achten. An diesem Morgen unterrichtet Bob, Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Sportwissenschaften, eine Gruppe angehender Sportlehrer, die im Pflichtmodul Zielschussspiele die Sportart Basketball gewählt haben. „Die andere Wahl wäre Handball gewesen. Daher sind bestimmt einige im Kurs, deren Stärke nicht unbedingt der Ballsport ist und für die Basketball nur das kleinere Übel war“, lacht Andreas Bob. Nach langjähriger Erfahrung als Trainer und Dozent weiß er allerdings, wie er mit den unterschiedlichen Spielniveaus seiner Studierenden umzugehen hat. Ihm geht es in seinen Kursen nicht darum, aus den Studierenden starke Basketballspieler zu machen, sondern sie gut auf ihre spätere Aufgabe als Lehrerin oder Lehrer vorzubereiten.

Marc (25), einer seiner Studierenden, hat Basketball schon im Verein gespielt und erlebt den Unterschied. „Wir lernen im Kurs eine ganze Bandbreite von Techniken kennen, trainieren diese aber nicht bis zur Perfektion.“ Trotzdem ist er mit dem Kurs zufrieden. „Die Art und Weise, wie wir selbst das Spiel lernen, gibt uns ein Beispiel dafür, wie wir die Sportart später einmal unseren eigenen Klassen vermitteln können.“ Sein Kommilitone Jannick (21) ist vom Basketballkurs ähnlich begeistert wie vom Rest seines Studiums. „Hier auf dem Campus herrscht eine tolle Stimmung und man lernt sich untereinander schnell kennen“, sagt er. „Allerdings ist es schwierig, meine Sportkurse mit anderen Seminaren zu kombinieren, da das Hallentraining zeitlich anders getaktet ist.“

Sportanlagen platzen aus allen Nähten

So wie Jannick geht es vielen anderen Studierenden am Sportcampus. Im Rhythmus der Hallenbelegung ist das akademische Viertelstündchen vor dem Kurs gestrichen und die Veranstaltungen setzen sich von 8.00 Uhr morgens an durchgehend fort. „Das ist momentan unsere einzige Möglichkeit, mit der hohen Zahl an Studierenden umzugehen“, sagt Jun.-Prof. Dr. Christopher Heim, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Sportwissenschaften. Der Betrieb auf dem Sportcampus sieht sich seit vielen Jahren mit dem Problem konfrontiert, dass sich das Fach Sport besonders im Lehramt wachsender Beliebtheit erfreut, sich die Infrastruktur auf dem Campus seit Ende der 1960er Jahre aber nicht geändert hat und ursprünglich für 400 Studierende ausgelegt war.

Im vergangenen Wintersemester kamen auf sechs Sporthallen und vier Seminarräume 1.839 Studierende und rund 11.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Hochschulsport. Das Institut für Sportwissenschaften versucht mit verschiedenen Maßnahmen wie der pausenlosen Nutzung der Sporthallen, einem Studierfähigkeitstest für Lehramtsstudierende und der Beschränkung auf 100 neue Studierende pro Semester dem Notstand Herr zu werden. Auf lange Sicht muss sich aber strukturell und baulich etwas verändern.

„Die Universität hat das Problem erkannt und wir arbeiten derzeit gemeinsam mit dem Immobilienmanagement der Goethe-Universität daran, die Situation vor Ort zu verbessern. Kurzfristig wird die Universität rund 2,5 Millionen Euro in die Sanierung der Hallengebäude investieren. Aktuell wird an einem Gesamtkonzept für den Campus gearbeitet, eine Umsetzung wird aber erst im HEUREKA-II-Programm des Landes möglich sein“, sagt Christopher Heim. „Dass der Betrieb bisher so reibungslos weiterläuft, hängt vor allem an der hervorragenden Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Hochschulsport und an den großartigen Studierenden, die großes Verständnis für die Situation haben und mit uns am selben Strang ziehen.“

Hanna Henzler im Café Hochform; Foto: Melanie Gärtner

Hanna Henzler im Café Hochform; Foto: Melanie Gärtner

Bei einer so dichten Nutzung der Infrastruktur müssen alle Beteiligten zusammenrücken und sich entgegenkommen. Vor allem in der Nutzung der Hallen, denn eigentlich müssten die Sportstudierenden ab 17.00 Uhr die Hallen für die Teilnehmer am Hochschulsport räumen. „Seit einigen Semestern beginnt das Programm des Hochschulsports in einigen Hallen allerdings erst um 18.00 Uhr, damit das Institut für Sportwissenschaften allen Studierenden ein Studium in der Regelstudienzeit gewährleisten kann“, sagt Dr. Katrin Werkmann, Leiterin des Zentrums für Hochschulsport. „Wir versuchen unsere Planung daher flexibel und in enger Absprache mit dem Institut für Sportwissenschaften zu gestalten.“

Die gute Zusammenarbeit beider Institutionen ist auch ihr ein Anliegen. Gemeinsam mit Christopher Heim denkt sie über neue Modelle nach, wie die Ressourcen auf dem Campus durch eine enge Kooperation optimal genutzt werden können. Vor kurzem haben das Institut für Sportwissenschaften und das Zentrum für Hochschulsport gemeinsam in neue Fußballtore investiert. „Wir haben vor, uns stärker zu vernetzen und beispielsweise Studierende als Übungsleiter in den Hochschulsport einzubinden“, sagt Katrin Werkmann. „Außerdem haben wir kürzlich unseren ersten gemeinsamen Bauantrag gestellt.“ Denn die Platznot auf dem Campus betrifft nicht nur die Sporthallen, sondern auch die Büros und Theorieveranstaltungsräume.

Das Präsidium hat bereits zugestimmt, dass in diesem Bereich mit einem zusätzlichen Containerbau, in dem neben den Büros des Hochschulsports unter anderem auch zwei neue Seminarräume unterkommen werden, auf dem Parkplatz Abhilfe geschafft werden soll. Auch für die ebenfalls dringend benötigte bauliche Erweiterung der Abteilung Sportmedizin ist der Baubeginn noch für dieses Jahr terminiert. „Die beiden Neubauten werden eine deutliche Verbesserung für die Lehr- und Forschungsbedingungen am Standort Ginnheim erbringen und stellen gemeinsam mit den derzeit erfolgten Ausschreibungen dreier neuer Professuren die Grundlange für die weitere erfolgreiche Entwicklung der Sportwissenschaften in Frankfurt dar“, so Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer, Prodekan des Fachbereichs 05.

Hohe Identifikation mit Studium und Campus

Dass bei dem geplanten Containerbau auch an Arbeitsräume für Studierende gedacht wurde, freut besonders Hanna Henzler. Die Sportstudentin ist seit einem Jahr Sprecherin der Fachschaft und sitzt in einer Pause im Café Hochform, der Cafeteria des Studentenwerks auf dem Sportcampus. Denn Orte, an denen die Studierenden zwischen den Kursen verweilen können, gibt es hier nur wenige. „Im Sommer ist das alles kein Problem, da treffen sich die meisten auf der Wiese neben dem Beachvolleyballfeld“ sagt sie. „Aber im Winter gibt es außerdem Café keinen Aufenthaltsraum und auch dieser macht irgendwann zu.“ Gemeinsam mit ihren Kommilitonen setzte sie sich dafür ein, dass der Speisesaal auch nach den Öffnungszeiten des Studentenwerks noch zugänglich und als Aufenthaltsort nutzbar ist.

Zufrieden schaut Hanna Henzler durch den Raum, in dem vereinzelt Studierende mit ihren Computern an den Tischen sitzen und die Pause zwischen den Kursen zum Lernen nutzen. Die Ausgabetheke ist schon geschlossen und ein Eisengitter schützt die Auslage vor unberechtigtem Zugriff. „Am meisten hat mich dabei gefreut, dass wir Studierende so viel Unterstützung vom Institut haben“, sagt sie. „Das ist das Besondere an unserem Campus: man kennt sich, hält zusammen und versucht, das Beste daraus zu machen.“

Obwohl die Probleme mit der mangelnden Infrastruktur auch auf den Fachschaftstreffen immer wieder Thema sind, tut dies der Begeisterung der Studierenden für „ihren“ Campus keinen Abbruch: Die „Sportlerparties“ sind berühmt und die Kollektion an Trainingsanzügen und Kapuzenpullis mit selbstentworfenen Aufdrucken, die die Fachschaft jedes Jahr für die Studierenden herstellen lässt, ist immer schnell vergriffen. „Die Identifikation mit dem Studium ist auf unserem  Campus enorm“, sagt Hanna Henzler. „Wenn man einmal auf dem Spielfeld zusammen geschwitzt hat, hält man auch in anderen Lebenslagen zusammen.“

[Autorin: Melanie Gärtner]

Jürgen Klopp: Der wohl berühmteste Sportstudent Ginnheims; Foto: Lecher

Jürgen Klopp: Der wohl berühmteste Sportstudent Ginnheims; Foto: Lecher

Der wohl berühmteste Sportstudent Ginnheims

Reckturnen war nicht gerade seine Paradedisziplin. Und dem Profifußballer (beim FSV Mainz 05) und jungen Vater blieb nicht allzu viel Zeit für Studium und Prüfungsvorbereitungen. Seine Diplomarbeit schrieb er über „Walking“, sein Studium beendete er mit dem Diplom in Sportwissenschaften.

Jürgen Klopp, bis Ende der Saison 2014/15 Trainer von Borussia Dortmund, denkt insgesamt gerne an seine Zeit an der Goethe-Universität zurück: „Es ist die beste Art Wissen anzusammeln und dabei erwachsen zu werden, die ich mir so vorstellen könnte.

Mehr zur Person Jürgen Klopp und wie er seine Studienzeit an der Goethe-Universität erlebt hat, können Sie im UniReport 6/2013 [PDF-Download] lesen.