Foto: Gärtner

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Es ist so, wie es sein sollte, wenn man nach vielen Jahren Abschied nimmt: in einem Auge eine Träne, im anderen ein Lachen. Dr. Helmut Bartel holt tief Luft und lässt den Blick über den Campus streifen. Vom Balkon des PA-Gebäudes reicht der Blick fast über das ganze Gelände. Es gibt vieles, was den 66-Jährigen mit der Goethe-Universität verbindet: Erinnerungen an die Jahre um 1968, als er Geographie auf Lehramt studierte, sein zweites Schulfach neben Musik, für das er an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ausgebildet wurde.

Bilder der 1980er, als er als Lehrer an die Universität zurückkam, um neben seinem Beruf in Musikwissenschaft zu promovieren. Am deutlichsten jedoch sind die Eindrücke der letzten Jahre, als er als Universitätsmusikdirektor der Goethe-Universität den Akademischen Chor und das Akademische Orchester leiten durfte.

„Das war wirklich ein Traumjob“, sagt Helmut Bartel und lächelt. Nicht nur, weil er der Universität, der er seit Jahren verbunden geblieben ist, musikalischen Geist einhauchen durfte. „Wo hat man sonst die Gelegenheit, mit so vielen unterschiedlichen, jungen Menschen zusammenzuarbeiten, die alle freiwillig zu mir kommen und einfach Lust haben Musik zu machen?“

Konzertreisen bis nach Wien

Bartel hatte in seiner Laufbahn mit vielen Chören und Orchestern verschiedenster Zusammensetzungen gearbeitet: als Leiter des Schulorchesters am Heinrich von Gagern-Gymnasium, an dem er als Oberstudienrat tätig war, als Dozent an der Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst, als Chordirektor des Neeber-Schuler-Chor und weiterer Chöre in der Gegend seines Wohnorts Limburg.

Dass er aber seit 2008 die Leitung des Akademischen Chors und des Akademischen Orchesters der Goethe-Universität übernehmen durfte und man ihn 2011 zum Universitätsdirektor ernannte, war für ihn eine ganz besondere Ehre – und eine Herausforderung. „Der Akademische Chor und das Akademische Orchester sind ein Querschnitt durch die ganze Universität“, sagt Dr. Helmut Bartel. „Ich habe es da mit erwachsenen Menschen zu tun, die gerne und gut musizieren, dies aber in ihrer Freizeit tun.

Das bedeutet, das Ganze soll musikalisch anspruchsvoll sein, aber auch Spaß machen.“ Ein Lachen auf den Lippen und immer eine kecke Bemerkung im Gepäck waren Bartels Rezept für gute Stimmung. Die Balance zwischen Spaß und Anspruch scheint ihm damit gelungen zu sein: Trotz der an einer Universität üblichen Fluktuation konnte er sich auf einen festen Stamm an Sängern und Musikern verlassen, die sogar in der vorlesungsfreien Zeit mit auf Konzertreise gingen.

Dafür organisierte er Konzerte in Wien, Leipzig, Halle, Sylt und Wangerooge. „Diese Konzertreisen sind für die Gruppendynamik sehr wichtig“, sagt Bartel. „Sie binden und stabilisieren die Gruppe und sind Training und Vergnügen zugleich.“ Chor und Orchester setzen sich aus Studierenden, Mitarbeitern und Alumni verschiedener Fachbereiche zusammen. „Gemeinsam zu musizieren hat dabei eine ganz wunderbare Wirkung“, sagt Bartel.

„Es erschafft ein Gemeinschaftsgefühl, das über die Fachbereiche hinweg die Menschen zusammenbringt.“ Die Schaffensstätte des gemeinschaftlichen, musikalischen Geschehens war über Jahre hinweg die Historische Aula auf dem Campus Bockenheim gewesen. Als das Gebäude geräumt werden musste, war lange nicht klar, wo man die Universitätsmusik auf dem neuen Campus Westend beherbergen solle.

„Für einen Chor und ein Orchester muss die Akustik stimmen, da können wir nicht einfach in irgendeinem Seminarraum proben“, sagt Bartel. Gegen alle organisatorischen Widerstände erkämpfte er sich und seinen Musikern die Lobby des PA-Gebäudes als dauerhaften Proberaum. „Dafür bin ich zwar schimpfend und zeternd durch die Präsidiumsetagen gezogen, aber es hat sich gelohnt“, sagt Bartel. „Wenn ich nun sehe, dass uns bei den Proben der Alt-Universitätspräsident zuwinkt, wenn er das Haus betritt, dann weiß ich, dass wir am richtigen Ort sind und die Universitätsmusik hier wahrgenommen wird.“

Abschied mit Hensel, Dvořák und Verdi

Für Helmut Bartel heißt es nun Abschied nehmen, vom neuen Proberaum, vom Akademischen Chor, vom Orchester. Ab dem Wintersemester wird sein noch zu bestimmender Nachfolger die sinfonischen Klänge über den Campus wehen lassen. Ein weinendes Auge, das gilt der Erinnerung an Höhepunkte wie die Aufführung des Requiems von Verdi oder des Abendlieds von Josef Gabriel Rheinberger. Das lachende Auge schaut auf die Abende, an denen er nach den Proben nicht erst spät in der Nacht nach Hause kommt.

Dass dem Pensionär in Zukunft die Projekte ausgehen, steht dabei allerdings nicht zu befürchten. Seine Chöre in Limburg wird er weiterhin leiten, seine langjährige Erfahrung gibt er als Dozent an der Hochschule für Darstellende Kunst und Musik weiter, und an der Goethe- Universität wird man ihn im kommendem Wintersemester in einer Vorlesung für die U3L erleben können. Sein letztes musikalisches Geschenk an die Universität wird unter anderen das Semesterabschlusskonzert mit Stücken der europäischen Romantik von Fanny Hensel, Antonín Dvorˇák und Guiseppe Verdi sein. [Autorin: Melanie Gärtner]

Das Semesterabschlusskonzert des Akademischen Chors und des Akademischen Orchesters findet am 15. Juli um 20.00 Uhr im Casino-Festsaal auf dem Campus Westend statt. Eintritt ist frei.