Spannende Naturwissenschaften: Auch bei der zehnten Night of Science auf dem Riedberg waren die Hörsäle selbst zu später Stunde noch gut gefüllt; Foto: Böttcher

Spannende Naturwissenschaften: Auch bei der zehnten Night of Science auf dem Riedberg waren die Hörsäle selbst zu später Stunde noch gut gefüllt; Foto: Böttcher

Von Studierenden organisiert, von Besuchern überrannt: Die „Night of Science“ auf dem Unicampus Riedberg, die dieses Jahr zum zehnten Mal stattfand, war von Anfang an auf der Erfolgsspur. Nach einem vergleichsweise kleinen, aber feinen Auftakt im Jahr 2006 ist das Fest der Wissenschaft immer mehr gewachsen – und wurde professioneller, ohne seinen Charme zu verlieren.

Eine Protestveranstaltung war das zündende Moment: Dr. Andreas Lill, damals Student, heute Referent für Lehr- und Studienangelegenheiten im Fachbereich Biochemie, Chemie, Pharmazie, erinnert sich: „Aus Protest gegen Studiengebühren wurde 2003 das Night-Learning organisiert: So nach dem Motto, jetzt müssen wir schon nachts lernen, um uns tagsüber das Studium finanzieren zu können.“ Das sei aber durchaus nicht die erste Night of Science gewesen, wie es zum Teil im Internet zu lesen ist. „Es brachte uns jedoch auf die Idee, eine Nacht der Wissenschaften ins Leben zu rufen“, so Lill.

Erst wenige Jahre zuvor waren am Riedberg die ersten Wohnhäuser entstanden, die PISA-Debatte über die schlechten Ergebnisse in den MINT-Fächern war in vollem Gange. „Wir wollten den Bewohnern mal zeigen, was wir hier alles treiben – und zwar so, dass es jeder versteht. Und wir wollten künftigen Abiturienten die Schwellenangst nehmen gegenüber den Naturwissenschaften an der Universität und sie für unsere Fächer begeistern“, sagt Lill. Zusammen mit drei anderen Studierenden aus den Fachschaften Biochemie, Chemie und Physik machte er sich daran, für das Jahr 2006 die erste Night of Science auf die Beine zu stellen.

Bei Professoren und Dozenten waren rasch Verbündete gefunden. Jeder suchte im eigenen Fachbereich nach geeigneten Leuten. Inhaltlich mussten die Wissenschaftler das Rad nicht neu erfinden, sondern Themen erläutern, mit denen sie sich ohnehin auskennen – aber eben auf allgemeinverständliche Weise. Da sprach der Pharmakologe Dieter Steinhilber über die Wirkweise von Aspirin, der Physiker Joachim Maruhn über die Kernfusion und der Kristallograph Martin Ulrich Schmidt über den Aufbau der Erde.

Drei Hörsäle, davon wurden zwei die ganze Nacht „bespielt“ – das Angebot war im ersten Jahr noch überschaubar. Schon mit den Titeln trafen viele Forscher offenbar ins Schwarze: Bei Vorträgen zum Thema „Von fliegenden Fröschen – Magnetismus und Levitation“ (Prof. Glaubitz) oder „Wir sind vom Aussterben bedroht – Gründe, Fakten, Auswirkungen“ (Prof. Marschalek) waren die Säle gut gefüllt. Die Forscher konnten ihre Thesen an eine große Besucherschar vermitteln und mussten die Vorlesung sogar auf die Wiese verlegen.

Besonders attraktiv damals schon: Experimentalveranstaltungen. Wenn es knallt, leuchtet und raucht, ist Wissenschaft offenbar besonders einnehmend. Ein Highlight der ersten Stunde war der „Auftritt“ von Professor Fritz Siemsen, der nicht nur über „Nagelbretter und glühende Kohlen“ sprach, sondern gleich eine fakirreife Darbietung bot, indem er sich selbst auf ein mit spitzen Metallstiften gespicktes Brett legte.

2006 spielte sich noch alles rund um die Gebäude der Chemie und der Physik ab, die Studierenden kümmerten sich um alle Belange einschließlich der Verpflegung. Die fehlende Professionalität wurde in den ersten Jahren durch Engagement, Kreativität und Herzblut vielfach wettgemacht. „Wenn keine Würstchen mehr da waren, haben wir nachts um elf Uhr einfach sämtliche Tankstellen in der Umgebung abgeklappert“, erinnert sich Lill. Laut Zeitungsberichten haben damals 190 Besucher bis zum Morgengrauen ausgehalten. Andreas Lill war zweimal beim Orga-Team dabei, heute unterstützt er die Studierenden von Seiten des Dekanats.

Über eine schlechte Presse konnten die Veranstalter von Beginn an nicht klagen, und Uni-Präsident Rudolf Steinberg schickte nach dem 29. Juni 2006 ein Dankschreiben an die Organisatoren. Die Night of Science machte Schule: Andere Unis bieten inzwischen ähnliche Formate an. So gibt es z.B. an der TU München eine „Lange Nacht der Wissenschaften“, allerdings endet diese schon um Mitternacht und ist nicht von Studierenden organisiert. „Wenn wir nicht die ganze Nacht haben, bringen wir nicht alles unter“, erklärt Lill.

An der LMU München und der Universität Siegen finden sich nach Auskunft der Organisatoren derzeit die einzigen weiteren studentisch organisierten langen Nächte der Wissenschaft in Deutschland. Das Frankfurter Organisationskomitee erhielt 2012 den Sonderpreis des Hessischen Hochschulpreises für Exzellenz in der Lehre. Die Zahl der angebotenen Vorlesungen und Veranstaltungen ist rasant gewachsen und mit ihnen die Besucherzahlen. Es gibt eine Musikbühne und einen Kinderspielplatz, in diesem Jahr gab es – passend zum Jahr des Lichts – eine Feuershow.

Fast der gesamte Campus wird nun einbezogen, neun Fachgruppen sind inzwischen mit von der Partie. Seit 2007 wird für den Eröffnungsvortrag regelmäßig ein hochkarätiger Gastredner eingeladen, darunter waren zum Beispiel Joachim Bublath, Christoph Biemann („Die Sendung mit der Maus“) und Harald Lesch. „Die meisten machen das sehr gern, weil sie so die Naturwissenschaften unterstützen“, sagt Jan Seelbach vom aktuellen Organisationsteam. Oft ist der Andrang so groß, dass die Rede in andere Säle übertragen werden muss. Die Organisation der Veranstaltung wird immer wieder zur Herausforderung.

„Wir treffen uns ziemlich häufig, immer abends nach unseren Uni-Veranstaltungen und getreu dem Motto der Night of Science wird es auch bei diesen Treffen oft spät“, sagt Jan Seelbach. Im Organisationsteam könne man aber auch viel lernen. Manche Dinge haben sich auch in der zehnten Auflage nicht groß geändert. Nach wie vor gibt es jährlich eine neue Night-of-Science-Tasse, allerdings nicht mehr als Lohn für die durchwachte Nacht; wer eine Tasse kauft, bekommt bis zum Morgen kostenlos Kaffee nachgefüllt. Das hilft auch beim Wachbleiben. Und die längsten Schlangen sind nach wie vor stets an den Ständen der Fachschaften zu finden: Mit dem Elektrobohrer gerührtes Stickstoff-Eis in immer wieder neuen Geschmacksrichtungen zum Beispiel gibt es nur hier.