Dr. Anja Wolde, Leiterin des Gleichstellungsbüros und Gleichstellungsbeauftragte

Die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Anja Wolde über Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt an der Uni.

Die im Februar bekannt gewordenen sexuellen Übergriffe auf dem Campus Westend haben nicht nur zu Verunsicherung und Bestürzung unter den Angehörigen der Universität geführt, gleichzeitig haben sie die Diskussion um Sicherheit und sexualisierte Gewalt im Universitätskontext angefacht. Im Gespräch mit UniReport informiert die Gleichstellungsbeauftragte und Leiterin des Gleichstellungsbüros, Dr. Anja Wolde, über bereits laufende konkrete und geplante Maßnahmen der Universität zur Erhöhung der Sicherheit, Verhalten im Notfall sowie die Notwendigkeit, das Thema ganz nach oben auf die Tagesordnung zu setzen und sexualisierter Gewalt aktiv, vehement und nachhaltig entgegenzutreten.

UniReport: Fragt man sich, ob die Übergriffe hätten verhindert werden können, kommen einem unweigerlich die Begebenheiten vor Ort in den Sinn. Gibt es denn Pläne, den Campus mittels Beleuchtung und anderer technischer Möglichkeiten sicherer zu machen?

Dr. Anja Wolde: Das ist eine schwierige Frage, weil man sich doch bei allen Bemühungen immer klarmachen muss, dass es so etwas wie eine absolute Sicherheit nicht geben kann. Örtliche Gegebenheiten zu verbessern kann immer nur einzelner Bestandteil in einer umfassenderen Agenda sein, sexualisierter Gewalt und Diskriminierung zu begegnen. Das bedeutet natürlich nicht, dass nicht auch ganz konkret vor Ort kontinuierlich nachgebessert wird. Und meines Wissens sind das Immobilienmanagement und die Universitätsleitung aktuell sehr aktiv, etwaige Sicherheitslücken auf dem Universitätsgelände zu identifizieren und zu minimieren. Insbesondere ist die Beleuchtung geprüft worden und dort, wo die Lichtverhältnisse unbefriedigend sind, sollen auch Verbesserungen durchgeführt werden. Daneben ist beispielsweise auch die Bebuschung auf dem Campus Westend zurückgeschnitten worden, um Wege besser einsehbar zu gestalten. Auch die Sicherheitsrundgänge des Wachpersonals wurden verstärkt. Verschiedene Pforten sind jetzt rund um die Uhr besetzt. Außerdem sind Taschensignale an die betroffenen Bewohnerinnen in den Wohnheimen verteilt worden, mit denen sich im Notfall Alarm schlagen lässt. Die Geräte machen wirklich einen Höllenlärm!

Was können Sie tun, wenn Sie an der Universität belästigt werden?

  • Gefühl des Unbehagens ernst nehmen
  • Keine Schuldgefühle!
  • Machen Sie sich nicht verantwortlich für das Fehlverhalten anderer
  • Nicht ignorieren!
  • Sagen Sie Nein, wenn Sie sich belästigt fühlen
  • Dokumentieren!
  • Notieren Sie den Vorfall mit Datum, Namen, Ort und möglichen Zeug*innen
  • Melden Sie den Vorfall
  • Wenden Sie sich an eine Person Ihres Vertrauens an der Hochschule

Quelle: Gleichstellungsbüro der Goethe-Universität

UniReport: Ein weiteres Angebot, um Personen auf dem Campus zu schützen, stellt der Begleitservice dar. Was muss ich mir darunter vorstellen und wer wurde hierfür engagiert? Wie häufig wird der Begleitservice genutzt?

Wolde: Den Begleitservice gibt es schon seit einigen Jahren, das ist keine Neuerung, die als Konsequenz aus den Vorfällen gezogen worden wäre. Tatsächlich ist er aber in den letzten Wochen verstärkt publik gemacht und genutzt worden. Der Anlass ist furchtbar, aber wir sehen es schon als positive Entwicklung an, dass jetzt mehr Personen über die bestehenden Angebote der Universität im Bilde sind und die Hemmschwelle, sich aktiv Hilfe und Unterstützung zu holen, gesunken zu sein scheint. In Anspruch nehmen können den Begleitservice sowohl Studierende als auch Mitarbeiter* innen der Universität. Übernommen haben diese Aufgabe die normalen Ordnungsdienste, die man über die 24h-Pforten erreichen kann. Die entsprechenden Nummern sind alle auf der laut*stark-Karte vermerkt. Wir hoffen, dass Menschen damit immer die passende Nummer griffbereit zur Hand haben.

Das Info-Kärtchen mit wichtigen Rufnummern befindet sich im aktuellen UniReport (2.18) auf Seite 2.

UniReport: Wie nehmen Sie die Stimmung in der Studierendenschaft und unter den Mitarbeiter*innen wahr? Gibt es ein verstärktes Gefühl der Unsicherheit?

Wolde: Was man beobachten kann, ist schon eine Verunsicherung – gerade von Studentinnen. Darüber hat die Presse ja auch berichtet. Diese Angst war ja hinsichtlich des inzwischen gefassten Serientäters mehr als berechtigt. Meiner Meinung nach kam dieses Unbehagen aber auch daher, dass die Universität ganz selbstverständlich als sehr sicher empfunden wurde, und durch die Übergriffe ist dieses Bild ins Wanken geraten. Das haben mir einige Studierende direkt so gesagt. Etwas Vergleichbares ist schließlich in den 17 Jahren seit Bestehen des Campus Westend noch nicht vorgekommen. Wir möchten uns natürlich dafür einsetzen, dieses hohe Sicherheitsempfinden wiederherzustellen. Aber wie ich eingangs schon erwähnt habe, machen die Übergriffe letztlich auch bewusst, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt, nicht geben kann. Die Universität ist ein öffentlicher Raum. Deswegen muss man sich auch bei allen Sicherheitsvorkehrungen und -maßnahmen sehr gut überlegen, inwiefern eine stärkere Versicherheitlichung des öffentlichen Raums tatsächlich das Ziel bringt, was man sich erhofft, und mit welchen Konsequenzen. Was muss gewährleistet sein? Was ist aber vielleicht zu viel und greift auch in die Privatsphäre der Personen ein, die sich frei auf dem Campus bewegen? Oder anders gesagt: Wenn wir über Sicherheitsmaßnahmen auf dem Campus sprechen, müssen wir uns des Spagats zwischen dem Herstellen von Sicherheit und dem Wissen darum, dass immer und überall etwas passieren kann, bewusst sein, um im Endeffekt die Universität als kreativen, offenen Raum auch erhalten zu können.

UniReport: Welche weiteren Überlegungen gibt es in Bezug auf Prävention und Sensibilisierung für sexuelle Übergriffe an der Goethe-Universität?

Wolde: Wir sehen die Notwendigkeit, sexualisierte Gewalt in einem größeren Zusammenhang in der Hochschulöffentlichkeit zu diskutieren und dafür fühlen wir uns als Gleichstellungsbüro verantwortlich. Prävention sehen wir in einem viel breiteren Maße. Dazu gehören für uns Antidiskriminierungsmaßnahmen und das Vorantreiben einer Enttabuisierung, sich zu melden, wenn etwas passiert ist. Wichtig ist uns daher, eine möglichst hohe Transparenz zu erreichen und die Angebote und Möglichkeiten bekannt zu machen, die das Gleichstellungsbüro, aber auch studentische Gruppen oder externe Einrichtungen Betroffenen zur Verfügung stellen. Die präventiven und sensibilisierenden Maßnahmen des Gleichstellungsbüros bestehen also im Wesentlichen im Herstellen von Öffentlichkeit und Offenheit sowie in der Bereitstellung von Informationen zu einer nachhaltigen Strategie gegen sexualisierte Gewalt und Diskriminierung. Nennen möchte ich hier beispielsweise die Broschüre „Grenzen wahren“, Coachings und Workshops, Sicherheitsaufkleber mit Notrufnummern in den Toiletten in allen Gebäuden, außerdem auch den Faltplan „Sicher über den Campus“, den wir seit Jahren verteilen und jetzt an die neu startenden Erstsemester besonders großflächig streuen werden. Eine englische Version von „Sicher über den Campus“ ist in Vorbereitung. Wir erarbeiten auch gerade eine größere Kampagne zum Thema, in die die dezentralen Gleichstellungsbeauftragten aktiv eingebunden sind und wichtigen Input geben, um herauszufinden, welche spezifischen Bedarfe und Fragen es in den unterschiedlichen Einrichtungen gibt. Wichtig sind auch die ganzen Unterstützungs- und Beratungsangebote des Gleichstellungsbüros. Denn nur, wenn uns Fälle gemeldet werden, können wir auch tätig werden, helfen und unterstützen. Alle Meldungen von Vorfällen werden selbstverständlich auf Wunsch anonym und vertraulich behandelt. Um etwas verändern zu können, ist es essentiell, mit den Betroffenen und Ratsuchenden, aber auch mit Menschen, die etwas beobachtet haben, im Gespräch zu sein.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.18 (PDF-Download) des UniReport erschienen.