Prof. Klaus Günther (l.) und Prof. Rainer Forst auf der Jahrestagung des Clusters Normative Ordnungen, November 2017; Foto: Dettmar

Fragen an die Sprecher des Clusters Normative Ordnungen zu Perspektiven nach dem ExStra-Aus in der Vorrunde.

Beim Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“ eruiert man mit Hochdruck Möglichkeiten, wie es auch nach dem Ausscheiden aus der Exzellenzstrategie weitergehen kann. Das Land Hessen und die Goethe-Universität haben bereits ihre Unterstützung signalisiert, eine Liste von renommierten Forschern aus der ganzen Welt fordert die Weiterführung der international geschätzten Institution. Der UniReport konnte mit den beiden Sprechern des Clusters, Prof. Rainer Forst und Prof. Klaus Günther, direkt im Anschluss an die Jahreskonferenz des Clusters ein Gespräch über momentane Stimmungen und Perspektiven im Haus „Normative Ordnungen“ auf dem Campus Westend führen.

UniReport: Lieber Herr Forst, lieber Herr Günther, wie haben Sie persönlich den 29. September, den Tag, an dem die DFG die „ersten Auswahlentscheidungen in der Förderlinie Exzellenzcluster“ verkündet hat, erlebt?

Klaus Günther: Ich war gerade auf einer Tagung in Sardinien; es war ein wunderschöner Spätsommertag, und dann sah ich die E-Mail-Nachricht. Ich habe zuerst gedacht: Das kann nicht sein, da muss ein Fehler passiert sein, in der Liste der DFG fehlt doch bestimmt ein Teil der Ergebnisse.

Rainer Forst: Natürlich haben wir uns in einen Wettbewerb begeben, und dabei kann man nie ausschließen, dass man scheitert. Aber an diesem frühen Punkt auszuscheiden, indem man uns noch nicht mal die Möglichkeit einräumt, einen Vollantrag einzureichen und unsere Skizze zu verteidigen – damit hatten wir wirklich nicht gerechnet.

Günther: Ein abgelehnter Antrag für einen Sonderforschungsbereich hat mir gezeigt: Ein Antrag kann noch so gut sein – und trotzdem scheitern. Erfolg und Misserfolg hängen an so vielen Faktoren, nicht zuletzt auch an den zufälligen Vorlieben und Abneigungen der Gutachter.

Forst: Ja, so etwas kann natürlich passieren. Der Unterschied ist allerdings, dass man bei einem Antrag für einen SFB nicht bereits über einen Zeitraum von zehn Jahren ein mit herausragenden Köpfen besetztes und international renommiertes Institut aufgebaut hat!

UniReport: Wann sind Sie denn der Tatsache gewahr geworden, dass Sie nicht alleine stehen mit dem schlechten Abschneiden, dass die ganze Uni überwiegend schlecht abgeschnitten hat?

Forst: Wir kannten ja im Zuge der Vorbereitung der Cluster-Skizzen die anderen Verantwortlichen und wussten daher, womit sie sich beschäftigen. Dass auch der Cluster Makromolekulare Komplexe ausgeschieden ist, hat uns ebenfalls sehr überrascht. Erfreulich natürlich, dass die Skizze des Cardio-Pulmonal Institute weitergekommen ist.

UniReport: Lag es vielleicht am Design des Wettbewerbs?

Günther: Es gab durchaus im Vorfeld kritische Stimmen zur ExStra, die angemerkt haben, dass Neuanträge und bestehende Cluster in einen Topf geworfen werden. Es wäre vielleicht besser gewesen, zwei getrennte Wettbewerbe zu fahren. Jedenfalls hat das Design des Wettbewerbs auch bei uns eine gewisse Unsicherheit erzeugt, worauf man denn überhaupt den Antrag stützen kann. Einerseits wurde vonseiten der Verantwortlichen kommuniziert: Vergangene Meriten zählen überhaupt nicht. Es gab aber wiederum auch andere Signale, die den Skizzeneinreichern eine Berücksichtigung des bislang Geleisteten ans Herz legten. Daraus haben wir den Schluss eines Mittelwegs gezogen, also viele neue Akzente gesetzt und doch das Herz des Unternehmens bewahrt.

UniReport: Es stand ja bereits bei der Exzellenzinitiative der Vorwurf im Raum, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften im Vergleich mit den Natur- und Lebenswissenschaften unterdurchschnittlich vertreten seien.

Forst: Es ist eindeutig so, dass in der Exzellenzstrategie noch weniger Projekte aus diesen Disziplinen die erste Runde überstanden haben. Richtig ist, dass das Format eines Clusters für die Geistes- und Sozialwissenschaften eine große Herausforderung darstellt. Wir arbeiten nun einmal nicht in großen Laborgruppen, die Forscherinnen und Forscher in unserem Bereich sind viel häufiger Einzelkämpfer. Deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass es uns über den Begriff Normative Ordnungen gelungen ist, einen Zusammenhang von Forschern unterschiedlicher Disziplinen herstellen: so sind historische, philosophische, sozialwissenschaftliche und rechtswissenschaftliche Forschungsansätze auf fruchtbare Weise zusammengekommen.

UniReport: Welche inhaltliche Kritik an Ihrer Skizze ist denn in dem Gutachten der DFG enthalten?

Günther: Wir wollen keineswegs die DFG und das Verfahren hier kritisieren, aber wir haben leider den Eindruck gewonnen, dass unser Antrag von einigen Gutachtern nicht besonders wohlwollend rezipiert wurde. Man hat uns das Label „Kritische Theorie“ übergestülpt und uns dann vorgeworfen, dass wir uns nicht den Theoriedefiziten dieser Tradition stellen würden. Der Vorwurf, dass wir gewissermaßen nicht nach rechts und links schauen würden, erscheint mir nicht plausibel; das wird unserer Arbeit nicht gerecht.

Forst: Interessant ist aber: Das Gutachten bewertet die bisherigen zehn Jahre des Clusters als „herausragend“, so steht es wörtlich im Text, und bestätigt damit letztendlich auch die hohe Reputation, die wir in unserer Arbeit erfahren haben.

UniReport: Worauf sind Sie nach zehn Jahren Arbeit des Clusters besonders stolz?

Günther: Man kann ohne Übertreibung sagen, dass wir uns international als das Zentrum für Normativitätsforschung etabliert haben. Wir müssen nicht auf interessante Forscherpersönlichkeiten zugehen, um sie nach Frankfurt zu holen, sondern umgekehrt kommen diese mittlerweile auf uns zu. Stolz sind wir vor allem darauf, dass wir es geschafft haben, einen ganz besonderen Diskussionsraum zu institutionalisieren, wo sich neue interessante Forschungsideen entwickeln können. Dass wir über zahlreiche Ausstellungsprojekte und Vortragsreihen einen intensiven und anregenden Kontakt zur Bürgergesellschaft hergestellt haben.

Forst: Wir haben zehn neue Professuren mit hochkarätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besetzen können, das ist absolut bemerkenswert und ein großer Gewinn für die ganze Universität. Neben der internationalen Reputation in der Forschung sind aber auch große Leistungen in der Lehre zu nennen: Unsere Forscherinnen und Forscher haben in der Summe mehr als 700 reguläre Lehrveranstaltungen angeboten. Oft wird auch behauptet, dass im Rahmen der Exzellenzinitiative zu viele Doktoranden ausgebildet würden. Wir können da entgegnen, dass sowohl Promovierte als auch Postdocs sehr gut untergekommen sind, die Wegberufungen unserer jungen Leute reichen von Chicago über New York bis nach Cardiff oder München. Unsere Erfolgsgeschichte ist nicht allein auf dem Mist der Sprecher, Forscher und Nachwuchskräfte gewachsen, sondern auch dem Engagement und der Kreativität der administrativ Beschäftigten unserer Geschäftsstelle zu verdanken. Nicht zu vergessen ist hier auch die Unterstützung der Goethe-Universität während der vergangenen zehn Jahre.

UniReport: Ein von Seyla Benhabib und Charles Larmore initiierter und von vielen prominenten Wissenschaftlern unterzeichneter „Letter of Support“ hat große Beachtung gefunden.

Forst: Es tut natürlich gut, dass wir in diesem Brief als „powerful center for the philosophical as well as empirical study of the most important social, political, and ethical questions of our time that is second to no one other worldwide in terms of the quality and originality of their research” gelobt werden. Das hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht erhofft, dass wir einmal ein solches hochkarätiges Zeugnis ausgestellt bekommen. Dass dieser Traum zugleich mit dem größten Albtraum, dem Scheitern in der ExStra, einhergeht, ist eine bittere Note.

UniReport: Ist vielleicht das internationale Renommee des Clusters sogar noch größer als sein nationales?

Forst: Das Renommee ist durchaus auch in Deutschland vorhanden, aber Sie haben recht: Im Ausland sieht man uns als produktives Zentrum mit einer Tradition, die nicht viele deutsche Unis vorzuweisen haben. Wir werden aber nicht nur mit der Tradition der Frankfurter Schule assoziiert, sondern auch mit anderen wichtigen Frankfurter Gelehrten wie Kantorowicz und Buber oder Heller, die für eine innovative Wissenschaft standen. Was uns aber wichtig ist: Es wurde keineswegs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich nicht der Tradition der Frankfurter Schule zugehörig fühlen, der Eintritt verwehrt! Wir haben Systemtheoretiker dabei gehabt und namhafte Juristen oder Historiker, die keinesfalls unter einem solchen Label arbeiten. Wir waren und sind offen für unterschiedlichste Einflüsse und Denkschulen.

UniReport: Hat sich das gesellschaftliche Umfeld geändert, verdrängt ein dominanter Pragmatismus das Interesse an Theorien?

Forst: Es mag sein, dass der Geist der Zeit heute eher auf die Beantwortung konkreter Lebensfragen konzentriert und nicht sehr theorieaffin ist. Wir sind der festen Überzeugung, dass man sich mehr denn je die Reflexion auf die Ursachen der heutigen Krisen erlauben und auch zutrauen muss. Unsere Zeit hat durchaus einen großen Bedarf an theoretischer Vertiefung, aber nur wenig im Angebot. Auf unserer Jahreskonferenz wurde sichtbar: im Dialog mit Wissenschaftskulturen, die nicht westlicher Provenienz sind, hat Europa Nachholbedarf. Man kann heute nicht mehr im Lehnstuhl einer deutschen Universität die Welt erklären, die Zeiten sind vorbei.

Günther: In Sachen Großtheorien sind heute viele Zeitgenossen zu Recht skeptisch. Aber nach unserer Einschätzung gibt es einen hohen Bedarf an theoriegeleiteter Selbstverständigung, an Theorieangeboten, die einem über die Zeitungslektüre hinausgehend helfen, sich neue Zusammenhänge zu erschließen.

UniReport: Wenn wir mal vom worst case sprechen: Wann wäre ohne entsprechende Anschlussförderung die Arbeit des Clusters beendet?

Forst: Daran wollen wir jetzt natürlich gar nicht denken! Wir haben noch die Exzellenzförderung bis in den Herbst 2019 hinein, und bis dahin werden wir noch viele wissenschaftliche Unternehmungen starten; gerade haben bei uns 18 exzellente Postdocs aus vielen Ländern ihre Arbeit aufgenommen. Die Gespräche mit dem Land zur möglichen Fortführung sind bisher sehr positiv. Für die öffentlich dokumentierte Unterstützung durch Minister Rhein sind wir außerordentlich dankbar. Wir alle wissen: Wenn wir nicht in absehbarer Zeit eine Perspektive für den Cluster auf den Tisch legen, werden die besten Leute in unserem Hause sich nach anderen Wirkungsstätten umschauen.

Günther: Das internationale Netzwerk schaut ganz genau, was jetzt mit uns passiert. Aber auch unser internes Netzwerk möchte verständlicherweise eine längerfristige Perspektive haben. Sich einer Institution zugehörig zu fühlen ist Voraussetzung für den Erhalt des Diskussionsraums. Wenn diese Zugehörigkeit wegfällt, dann macht im Prinzip jeder wieder Einzelforschung.

UniReport: Falls es weitergeht: Würden sich inhaltliche Änderungen ergeben?

Forst: Natürlich nehmen wir durchaus ernst, was die Gutachter gesagt haben. Wir schauen jetzt auf unsere Stärken, die auf ganz verschiedenen Feldern liegen. Das sind Themenfelder wie soziale Pluralität und Multikulturalität, das Verhältnis säkularer und nicht-säkularer Diskurse der Gesellschaft, Internationales Recht und Strafrecht. Das ist auch die Frage nach der Bewältigung globaler Probleme und Krisen durch transnationale Institutionen. Genannt werden müssen hier auch Digitalisierung und Strukturwandel der Öffentlichkeit wie auch Ästhetik und Politik. Wir handeln diese Schwerpunkte nicht einfach nur ab, sondern stellen sie in einen theoretischen Zusammenhang. Wir fragen also nicht einfach nur: Wie verändert sich das internationale Recht, sondern wie verändert sich dadurch eine Theorie normativer Ordnungen?

Günther: Unsere grundlegende Hypothese ist ja, dass die Frage der Normen, der Rechtfertigung und der Kritisierbarkeit von Normen, für Menschen mindestens so zentral ist wie die Frage nach ihren konkreten Lebensverhältnissen.

UniReport: Welche Ideen haben Sie für eine Fortführung der Normativen Ordnungen?

Forst: Wir haben hier mit dem Cluster eine Forschungseinrichtung etabliert, die immer eine der Goethe-Universität war und hoffentlich auch bleiben kann. Wir möchten daher über die Gründung eines universitären Instituts eine Institutionalisierung schaffen.

Günther: Das ist auch der einstimmige Wunsch aller unserer Wissenschaftler: hier auf dem Campus zusammenbleiben zu können – die Gründung eines Instituts wäre ein wichtiges Signal nach innen und nach außen. So werden wir auch unsere öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten fortsetzen, wie beispielsweise die Vortrags- und Filmreihe im Rahmen des Campus Projekts „Tropical Underground“ im Deutschen Filmmuseum, unsere Vorträge bei der B3 Biennale des bewegten Bildes sowie unsere „Frankfurter Stadtgespräche“.

Die Fragen stellten Olaf Kaltenborn und Dirk Frank.

Zum kompletten „Letter of Concern and Support Regarding the Cluster of Excellence ‚Normative Ordnungen‘ of the University of Frankfurt“: www.normativeorders.net

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.