Foto: Andreas Walther

Ein junger Mensch, der in die Welt der Erwachsenen eintritt, befindet sich in einem Übergang, einem „rite de passage“. Eine wichtige, vielleicht die wichtigste Phase im Leben, aber nicht die einzige, die man als Übergang bezeichnen kann. Von „Transition“ spricht die Wissenschaft daher heute lieber im Plural.

Denn das ursprüngliche Konzept des Übergangs, von Ethnologen in der Beobachtung archaischer Kulturen entwickelt, war auf die Phase der Adoleszenz zwischen Jugend und Erwachsensein fokussiert, erläutert Prof. Andreas Walther, Erziehungswissenschaftler an der Goethe-Universität und Sprecher des neuen DFG-Graduiertenkollegs „Doing Transitions“, das Anfang des Jahres gestartet ist.

Zwar traten an die Stelle von Initiationsriten sogenannter „primitiver“ Kulturen in den bürgerlichen Gesellschaften die Institutionen, die sich darum kümmerten, dass aus Jugendlichen vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft wurden. Doch blieb der Fokus lange Zeit auf den Verlauf, auf Risikofaktoren und das Gelingen des Erwachsenwerdens ausgerichtet.

„Die Gesellschaft war im Prinzip davon überzeugt, diesen Übergang institutionell regulieren zu können und die Forschung orientierte sich an den institutionellen Erfolgskriterien“, betont Walther. Erst in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, so Walther, geriet diese Überzeugung nachhaltig ins Wanken:

Die Ölkrise und strukturelle Arbeitslosigkeit setzten ein deutliches Fragezeichen hinter die Annahme der Gültigkeit und Erreichbarkeit eines linearen ‚Normallebenslaufs‘. Schulabschluss und Ausbildung oder Studium waren plötzlich keine Garanten mehr für eine sichere Beschäftigung.

Die 68er-Zeit stellte zudem Normalitätskonzepte infrage: Muss das Individuum genauso, wie es die Gesellschaft vorsieht, erwachsen werden? Ja, muss es überhaupt erwachsen werden?

Individualisierung

Neue Debatten im Zuge von PISA und anderer Bildungsstudien am Beginn des neuen Jahrtausends führten schließlich dazu, dass der Blick frei wurde für andere, bislang eher stiefmütterlich behandelte Übergänge: beispielsweise der zwischen Kindheit und Kindergarten, Kindergarten und Grundschule, aber auch jene am anderen Ende des Lebenslaufes: beim Eintritt ins Rentenalter oder ins Pflegeheim.

„Bestimmte Rollen, auf eine Lebensphase bezogen, werden heute nicht mehr als prädeterminiert betrachtet, sondern vielmehr vom Individuum im Dialog mit der Gesellschaft ausgehandelt. Für den einen mag das Alter bereits mit Mitte 50 beginnen, der andere fühlt sich vielleicht mit Mitte 70 noch topfit und keinesfalls zum alten Eisen gehörend.“

Auch innerhalb einer Altersgruppe können sich demnach Übergänge ergeben, die vielleicht ‚nur‘ mit einer Veränderung von Lebensstil oder Jugendkultur zu tun haben: „Wer zum Beispiel vom Rock zum Techno wechselt, durchläuft nicht nur einen äußerlichen modischen Prozess, sondern stößt zugleich auf Erwartungen und Herausforderungen eines neuen sozialen Kontextes“, betont Walther.

Zugleich betont er aber, dass institutionalisierte Normalitätsannahmen und Übergangsabläufe keineswegs ihre Macht verloren haben und dass hier gleichzeitig Fragen sozialer Ungleichheit hineinspielen, wie viel Macht Individuen in diesem Aushandlungsprozess haben.

DFG-Graduiertenkolleg

»Doing Transitions – Formen der Gestaltung von Übergängen im Lebenslauf«
Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über viereinhalb Jahre finanzierte Graduiertenkolleg ist an der Goethe-Universität Frankfurt und an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen angesiedelt. Zwölf Promovenden und weitere Nachwuchswissenschaftler werden unter dem Thema ihre eigenen Projekte realisieren können. Sie werden dabei von sechs Frankfurter und vier Tübinger Professorinnen und Professoren betreut.

Die beiden Sprecher des Kollegs sind der Erziehungswissenschaftler Prof. Andreas Walther und seine Tübinger Kollegin Prof. Barbara Stauber. Die Projektkoordination liegt bei Juliane Kirchner (J.Kirchner@em.uni-frankfurt.de) und Sibylle Walter (sibylle.walter@uni-tuebingen.de).

Übergänge werden gesellschaftlich konstruiert

Forschung zu Übergängen im Lebenslauf interessierte sich bislang vor allem dafür, wie Übergänge verlaufen, welche Personen oder Gruppen sie entsprechend der vorherrschenden Normalität erfolgreich durchlaufen bzw. welche scheitern und wie man Risiken des Scheiterns durch institutionelle und pädagogische Vorkehrungen minimieren kann.

„Es geht immer auch um das erfolgreiche ‚Ankommen‘ auf der anderen Seite des Überganges. In dem Maße, wie Gesellschaft zunehmend als risikohaft betrachtet wird, wird gleichzeitig versucht, diese neue Unsicherheit in den Griff zu bekommen. Das Graduiertenkolleg „Doing Transitions“ fragt demgegenüber danach, wie Übergänge im Lebenslauf überhaupt zustande kommen.

Grundannahme ist, dass unterschiedliche gesellschaftliche Akteure daran beteiligt sind, Übergänge zu gestalten, um so die damit verbundenen Risiken und Ungewissheiten zu minimieren. Und über diese Prozesse der Gestaltung werden Übergänge erst hergestellt“, erklärt Walther.

So habe zum Beispiel die Erkenntnis der Bedeutung frühkindlicher Bildung im Anschluss an die PISA-Studien erst ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Kinder Übergänge durchlaufen – sowohl in die Kita als auch von dort in die Schule –, deren Verlauf für ihre weiteren Bildungsverläufe wichtig ist.

Seitdem werden Übergänge in und aus der Kita pädagogisch gestaltet, es wird zwischen Erfolg und Scheitern unterschieden und es werden entsprechende Praktiken evaluiert. Beispiele eines stetigen Ausdifferenzierungsprozesses lassen sich auch in der Hochschulbildung finden:

Ein Beispiel ist der Bachelor-Studiengang, der zwar nur eine relativ überschaubare Zeitspanne von drei Jahren umfasse, aber aus Sicht der Pädagogik bestimmte „Bruchstellen“ aufweise, an denen Studierende auch scheitern können: „Mit diesem Übergang müssen sich die Hochschulen langfristig befassen, um sicherzustellen, dass Studierende ihr Studium mit Erfolg beenden können.“

Themenvielfalt

Das Konzept vielfältiger Übergänge in verschiedenen Lebensphasen und -kontexten sorgt im neuen Frankfurt-Tübinger Graduiertenkolleg für eine thematische Vielfalt, wie Juliane Kirchner, die bei „Doing Transitions“ für die Koordination zuständig ist, anhand recht heterogener Beispiele beschreibt:

„Eine Arbeit geht der Frage nach, wann und auf welche Weise sich Kinder heute alleine durch die Stadt bewegen; wie erlernen Kinder diese Selbstständigkeit, welche verschiedenen Diskurse sind daran beteiligt? Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit dem Phänomen der Jugendweihe, die sich seit einiger Zeit bei Jugendlichen wieder einer gewissen Beliebtheit erfreut.

Eine weitere Arbeit wiederum untersucht bei Paaren den Übergang in die Elternschaft. Aber auch die Älteren sind thematisch vertreten, beispielsweise im Promotionsprojekt zum Mehrgenerationenwohnen.“ Das Graduiertenkolleg ist interdisziplinär ausgerichtet, es arbeiten Erziehungswissenschaftler mit Soziologen und Psychologen zusammen.

Die Promotionsprojekte sind alle empirisch ausgerichtet, betont Andreas Walther, hebt jedoch gleichzeitig hervor, dass das Grundkonzept des Kollegs durchaus mit einem theoretischen Interesse verbunden ist: „Das Konzept der Übergänge soll reflektiert und hinterfragt werden.

Denn seit den ersten anthropologischen Ansätzen wurde im Prinzip das Konzept nicht mehr weiterentwickelt“. Daher werden im Hinblick auf Übergänge nicht nur Individuen und Institutionen, sondern auch Diskurse darüber erforscht:

Wie werden Übergänge von welchen Akteuren verhandelt, welche Anforderungen des Wissens und Könnens an die Individuen werden dabei artikuliert? Und nicht zuletzt: Wie werden Erfolg und Scheitern und diesbezügliche Risiken markiert?

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.17 (PDF-Download) des UniReport erschienen.