Opfer für den Nassreis während der Ernterituale im indischen West-Odisha. (Foto: Peter Berger)

Reis, Weizen und Hirse stehen im Zentrum zweier neuer DFG-geförderter Forschungsprojekte am Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität. Unter dem Dach des Sonderforschungsbereich (SFB) „RessourcenKulturen“ an der Universität Tübingen erforscht Institutsdirektor Prof. Dr. Roland Hardenberg die religiösen und (agrar-)ökonomischen Dimensionen von Getreide.

„Unser tägliches Brot gib uns heute“ – so heißt es im Vaterunser. Ohne Zweifel haben Grundnahrungsmittel wie Getreide für viele Menschen weltweit auch eine religiöse Bedeutung. Damit befasst sich das Teilprojekt „RessourcenKulturen von Reis und Weizen in Süd- und Zentralasien: Religiöse und (agrar-)ökonomische Dimensionen von Getreide“ im Sonderforschungsbereich 1070. Der SFB ist in Tübingen angesiedelt und wurde jetzt verlängert. Mit der Verlängerung einher geht die Förderzusage für das Frankfurter Teilprojekt, das Institutsleiter Prof. Dr. Roland Hardenberg beantragt hat. Kooperationspartner sind die Universität Groningen in den Niederlanden und die Nazarbayev Universität in Kasachstan.

Drei Fallstudien sollen die empirische Basis liefern: Eine widmet sich dem Umgang mit Reis in West-Odisha in Indien, wo die Göttin Lakshmi mit Reis identifiziert wird. Dort hat die so genannte Grüne Revolution mit industriell erzeugtem Saatgut viel Schaden angerichtet. Um die heimischen Reissorten zu stärken, werden auf diese religiösen Vorstellungen zurückgegriffen. Eine zweite Fallstudie blickt auf das Hochland von Odisha, wo eben diese Sorten noch kultiviert werden. Und die dritte Fallstudie wiederum befasst sich mit dem Weizenanbau in Kasachstan, wo es einen spirituellen Patron, Baba Deyqan für das Getreide gibt. Wie hat die industrielle Landwirtschaft dieses religiöse Erbe beeinflusst? Und wie kann es im Sinne von Nachhaltigkeit reaktiviert werden? Alle drei Fallstudien sollen Aufschluss darüber geben, wie Getreide als religiöses Medium Akteure, Idee und Praktiken zusammenbringen und Dynamiken in Gang setzen kann.

Hirse im Fokus eines weiteren DFG-Projekts

Getreidesorten und ihre kulturanthropologische Bedeutung sind einer der Forschungsschwerpunkte von Roland Hardenberg, der früher Stellvertretender Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Ressourcenkulturen“ in Tübingen war. Seit mehreren Jahren bereits hat er auch Hirsekulturen in Indien im Blick. Gemeinsam mit der Universität Groningen in den Niederlanden hat er das „Groningen-Frankfurt Millets Network“ gegründet – Millets ist englisch für Hirse. Nach dem Stand der Forschung ist Hirse eine bislang stark unterbewertete Nahrungsquelle. Da sie in Asien und Afrika vor allem von ärmeren Bevölkerungsschichten angebaut und verzehrt wird, gilt sie dort meist als eher „primitives“ Essen. Dabei handelt es sich in Wahrheit um eine Art Wundernahrung, die viele Ernährungsprobleme lösen könnte: Hirse ist nahrhaft, enthält viele Vitamine und Mineralien, ist glutenfrei. Beim Anbau braucht Hirse wenig Wasser, der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden ist nur begrenzt notwendig. Sie wächst schnell und hat einen hohen Ertrag. Und trotz alledem hat die Hirse dieses Imageproblem. Doch das ändert sich gerade.

„Die Regierungen haben erkannt, dass Hirsen helfen könnten, die Millenniumsziele zu erreichen und den Hunger zurückzudrängen“, sagt Hardenberg. In den Städten sei die Hirse, die man je nach Sorte zu unterschiedlichen Produkten verarbeiten kann, bereits im Trend. Und vor kurzem wurde Hirse in das staatliche Verteilungssystem (PDS) für die arme Bevölkerung aufgenommen, so dass immer mehr Bauern nicht mehr nur für den eigenen Bedarf produzieren. Das neue Projekt soll nun am Beispiel der Region Odisha im Osten Indiens Erkenntnisse darüber erbringen, welche Auswirkungen diese Strategie auf diejenigen hat, die Hirsesorten produzieren, verteilen und konsumieren. Eine Fallstudie betrachtet die Situation in der Hauptstadt Bhubaneswar, wo Hirse in immer mehr Geschäften und Restaurants angeboten wird. In einer zweiten geht es um die Auswirkungen des staatlichen Verteilungssystems auf die Anbaupraxis, in einer dritten um die Situation der Schwendbauern im Hochland, die als „Wächter der Hirse“ bezeichnet werden, weil sie mit ihrer nachhaltigen Bewirtschaftung die Vielfalt des Saatguts bewahren helfen. In der Zusammenschau sollen die drei Fallstudien ein Bild ergeben davon, wie Menschen den Status von Hirse definieren, welches Wissen sie darüber haben, wie sie mit den Pflanzen und ihren Produkten umgehen, welche Technologien sie verwenden und welche Verbindungen zwischen Hirsesorten und sozialen Identitäten bestehen. Dabei kooperiert das Frobenius-Institut mit der Archäobotanik an der Goethe-Universität und an der Universität Groningen.