Club in einer Berliner Industriehalle.

»Electronic Germany«: Christian Arndt, Alumnus der Goethe-Universität, hat ein viel beachtetes Buch über die deutsche Technokultur vorgelegt.

Ob die deutsche Musik einen substanziellen Beitrag zur internationalen Popkultur geleistet hat, ist bei vielen Kritikern und Fans umstritten. Viele sehen die deutsche Rockund Popkultur eher im Modus der Imitation und Provinzialität verharrend. Doch wenn es um elektronische Musik geht, sind die Urteile längst nicht so vernichtend, sogar eher im Gegenteil. Christian Arndt beschäftigt sich in seinem Buch „Electronic Germany“ mit der Technokultur, die ihre Wurzeln, so seine Grundthese, in Deutschland habe.

Auf den ersten Blick ein sperriges Buch, das in seiner grafischen Gestaltung nicht ganz zufällig an Fanzines erinnert: Arndt konnte für sein Buchprojekt „Electronic Germany“ Alexander Branczyk (czyk) gewinnen, der Artdirector beim einflussreichen Magazin Frontpage war. Arndt hat an der Goethe-Universität Amerikanistik studiert, arbeitet schon lange als Journalist und betreibt in Frankfurt ein kleines Label. Er verbindet mit seinem Buch den Anspruch, eine Geschichte der deutschen Technokultur zu erzählen, die über ein subjektives „Ich war dabei“ hinausgeht.

Ihn interessieren nicht nur persönlich verbürgte Erlebnisse, ebenso verzichtet er auf ein reines Aneinanderreihen von Stars, Hot Spots und Events. Die sich in den 80er Jahren in Konkurrenz zu Rock und Pop etablierende Musikrichtung Techno wird in Arndts Buch im Hinblick auf historische Einflüsse rekonstruiert und in ihrer subkulturellen, ökonomischen und auch politischen Ausdifferenzierung beschrieben, ohne dass der Autor dabei sein Thema aus den Augen verliert. Er hat sich viel Zeit gelassen zu recherchieren; über einen Zeitraum von zehn Jahren hat er mit DJs, Produzenten, Labelbesitzern, Veranstaltern, Journalisten und auch „normalen“ Zeitzeugen gesprochen.

Seine Spurensuche beginnt in den 70er Jahren, er kommt unter anderem auf Krautrock-Bands wie Tangerine Dream zu sprechen und natürlich weit weniger überraschend auf die Elektronik-Pioniere Kraftwerk. Eine weitere deutsch(sprachig)e Station führt in die Schweiz, wo Dieter Meier und Boris Blank Anfang der 80er Jahre ein international geschätztes Projekt wie Yello vorantreiben. Auch die Einflüsse des Südtiroler Musikproduzenten Giorgio Moroder, der in München einen neuen Discosound kreiert, bleiben nicht unerwähnt.

Frankfurt oder Berlin?

Mancher Leser mag sich wundern, warum Arndt eine internationale Musikrichtung wie Techno auf deutsche Phänomene zurückführt. War nicht Detroit die Stadt, in der die Basis für Techno gelegt wurde? „Elektronische Musik aus Detroit, die von vielen als der ‚wahre‘ Techno bezeichnet wird, nimmt ganz klar Bezug zu Kraftwerk und den Schweizer Klangbaumeistern Yello. Und Detroit Techno war jenseits der Stadtgrenzen von ‚Motor City‘ jahrelang weitgehend unbekannt. Die ersten großen Erfolge feierten Juan Atkins, Kevin Saundersen, Carl Craig und Blake Baxter in Berlin und London“, betont Arndt.

Die in Deutschland gern geführte Diskussion, ob denn nun Frankfurt oder eher Berlin der wichtigere Techno-Standort sei, wird von Arndt unentschieden gelassen. „Erfunden“ hat den Begriff Techno möglicherweise der Frankfurter Plattenhändler und DJ Andreas Tomalla (Talla 2XLC), Frankfurts legendärer Flughafenclub Dorian Gray mit DJs wie Sven Väth ist in der Frühphase sicherlich führend, nach der Wende zieht ein Teil der Community in die kommende Partyhauptstadt Berlin.

Gleichwohl kann Arndt viele Namen nennen, die bis heute Frankfurt als einen wichtigen Ort erscheinen lassen. Berlin hat das bei internationalen Touristen („Easy Jet-Set“) heute sicherlich führende Berghain, Frankfurt (respektive Offenbach) hat aber mit dem Robert Johnson ebenso einen Club von überregionaler Bedeutung. Ein weiteres Kapitel ist dem Thema Drogen gewidmet; hier bezieht Arndt unter anderem die Expertise von Dr. Bernd Werse, Drogenforscher an der Goethe-Universität (Centre for Drug Research) mit ein.

Die Love Parade, die wohl weltweit größte Techno-Veranstaltungsreihe, und ihr tragisches Ende im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 werden ebenfalls in einem Kapitel abgehandelt, und beim geneigten Leser stellt sich danach der (möglicherweise trügerische) Eindruck ein, auch die vergleichsweise junge popkulturelle Richtung habe damit endgültig ihre Unschuld verloren, sei gar an ihr Ende gekommen. Dass Techno nach wie vor über einen großen Zuspruch auch jenseits des Mainstreams verfügt, wenn auch die innovative Kraft und die kulturelle Bedeutung der ersten drei Jahrzehnte etwas in den Hintergrund getreten sind, wird aber wohl keiner bestreiten. Arndts Buch bietet jenseits nostalgischer Verklärungen und Überhöhungen auch jenen Musikfans einen guten Einstieg ins Thema, die ansonsten eher verzerrten Gitarrenklängen lauschen.

Christian Arndt, Electronic Germany, Edel Books 2018, Hamburg.

Podcast Electronic Germany: www.electronicgermany.com

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.19 des UniReport erschienen.