Traumjob seit über 25 Jahren: Dr. Ann Kersting-Meuleman betreut die Sammlung Musik und Theater; Foto: Gärtner

Vom Dirigierstab bis zur Haarlocke: In der Sammlung Musik und Theater der Universitätsbibliothek schlummern Schätze der großen Meister der Musik- und Theaterwelt. Dr. Ann Kersting-Meulemann betreut sie in der Universitätsbibliothek.

Bedächtig fasst Dr. Ann Kersting-Meuleman das Kleinod aus dünnem Papier und legt es vor sich auf den Tisch. Der handsignierte Brief von Richard Strauß an den Frankfurter Musikaliensammler Friedrich Nicolas Manskopf ist ein kostbares Zeitdokument, und im Umgang damit ist äußerste Vorsicht geboten. »Normalerweise lagern die Dokumente im Tresorraum neben originalen Handschriften von Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart«, sagt Kersting-Meuleman und legt den papiernen Schatz vorsichtig in seine Mappe zurück.

Die Bibliotheksoberrätin leitet die Sammlung Musik und Theater in der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Für Liebhaber der Musik- und Theaterwelt gleicht die Sammlung einem Devotionalienschrein: historische Theaterkostüme, ein Flügel, auf dem einst Felix Mendelssohn Bartholdy spielte, eine Vielzahl von originalen Partituren und nicht zuletzt eine Haarlocke vom Schopf des Meisters Ludwig van Beethoven.

Kersting-Meuleman kennt die Exponate genau. »Dieser Dirigierstab kam mit dem Nachlass von Ludwig Rottenberg zu uns«, sagt sie und zieht eine kleine schwarze Schatulle hervor, in der, auf blaue Seide gebettet, der reich verzierte Stab des ehemaligen Kapellmeisters der Frankfurter Oper ruht. Die Sammlung Musik und Theater birgt Musikhandschriften, Bühnenbildentwürfe, Libretti, Inszenierungsmappen, Instrumente, Programmhefte, Theaterzettel, Fotografien und Gemälde sowie Nachlässe verschiedener Künstler und Personen der Kunstszene.

»Meine persönlichen Lieblingsstücke sind die autographen Opernpartituren von Humperdinck und die Handschriften der Telemann-Kantaten«, sagt Kersting-Meuleman. »In einer Kirche ein Stück zu hören und zu wissen, dass die Originale hier in unserer Sammlung liegen, das rührt mich zutiefst.« Dr. Ann Kersting-Meuleman ist auch privat eine Liebhaberin der Musik, singt in einem Chor und ist Mitglied der Frankfurter Telemanngesellschaft.

Eine Haarlocke Beethovens gehört zu den Schätzen; Foto: Gärtner

Die Arbeit in der Sammlung Musik und Theater, in die es sie nach einem Studium der Musikwissenschaften und einem Bibliotheksreferendariat verschlagen hat, ist ihr Traumjob – und das auch noch nach mehr als 25 Jahren, so lange betreut sie die Sammlung bereits.

Die Aufgaben sind vielfältig. Die kostbaren Exponate der historischen Spezialsammlungen zu betreuen und Stück für Stück die Nachlässe Frankfurter Persönlichkeiten der Musik- und Theaterwelt zu erschließen ist nur ein Teil der Arbeit. Gemäß ihrem Sammelauftrag stellt die Abteilung den Nutzern ständig aktuelle Bücher und Zeitschriften zur Verfügung.

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Sammlung an Theaterliteratur umfasste zu ihren besten Zeiten etwa 550 laufende Zeitschriften zusätzlich zu den Beständen des Fachbereichs. Die Sammlungsexpertin sichtet auf der Suche nach relevanter Literatur regelmäßig die neuen Titelanzeigen der Nationalbibliothek sowie Antiquariatskataloge.

Daneben beantwortet sie Nutzer- und Leihanfragen, hält für Studierende Einführungen in die Datenbankrecherche oder spricht auf Tagungen über relevante Sammlungsgegenstände. Neben Kersting-Meuleman arbeiten weitere Mitarbeiterinnen an der Katalogisierung der umfassenden Bestände und geben über sie Auskunft: Brigitte Klein für den Bereich Musik, Sonja Pielat und Erzsébet Trautz für den Bereich Theater, Franziska Voß koordiniert den Fachinformationsdienst Darstellende Kunst.

Die Sammlung Musik und Theater existiert seit 1947. Damals wurden an der Stadt- und Universitätsbibliothek drei historische Musikund Theaterbestände der Stadt Frankfurt zusammengeführt: die kirchlichen Musikhandschriften und die Opernsammlung der ehemaligen Frankfurter Stadtbibliothek, die umfassende Musik- und Theatersammlung der Rothschild’schen Bibliothek und schließlich die Exponate des Manskopfschen Musikhistorischen Museums mit Briefautographen, diversen musealen Gegenständen und Porträtfotografien von Frankfurter Musik- und Theaterschaffenden.

Die heutige Sammlung umfasst rund 400.000 Einzelstücke. »Vor einigen Jahren war unsere Sammlung noch recht unbekannt«, sagt Dr. Ann Kersting-Meuleman. »Damals wussten nur ausgewiesene Experten, welche Schätze in unserem Archiv schlummern.« Im digitalen Zeitalter hat sich das geändert. Vor kurzem erst erhielt sie eine Anfrage eines US-amerikanischen Musikers, der sich für die Kompositionen von Ludwig Rottenberg interessierte.

Die Manskopfsche Porträtsammlung, einige von Telemanns Kantaten sowie ein kleiner Teil der Librettosammlung konnten bereits digitalisiert werden. Die Sammlung stellt schon einige ihrer Inhalte in virtuellen Fachportalen zur Verfügung und ist mit anderen Bibliotheken und Archiven vernetzt. Dennoch ist der digitalisierte Gesamtanteil gemessen am vorhandenen Bestand noch gering.

»Unser vorrangiges Ziel in den kommenden Jahren wird sein, so viele Bestände wie möglich zu digitalisieren und damit der Allgemeinheit zugänglich zu machen«, erklärt Kersting-Meuleman. Das bisher größte Vorhaben in diesem Bereich, das von der DFG allerdings noch bewilligt werden muss, soll die komplette rund 42.000 Blatt umfassende Telemann-Sammlung digital zugänglich machen.

Autorin: Melanie Gärtner

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 1.18 der Mitarbeiterzeitung GoetheSpektrum erschienen.