Mit der ersten 'rmn2 lecture' im Februar 2015 hat sich das Rhine-Main Neuroscience Network einer breiten Öffentlichkeit präsentiert; Foto: Stefan F. Sämmer

Mit der ersten ‚rmn2 lecture‘ im Februar 2015 hat sich das Rhine-Main Neuroscience Network einer breiten Öffentlichkeit präsentiert; Foto: Stefan F. Sämmer

„Es ist heutzutage wichtig, Forschungsschwerpunkte systematisch auszubauen“, stellt Prof. Dr. Dr. Robert Nitsch kategorisch fest. „Das war auch unser Plan. Natürlich muss dabei viel mehr herauskommen als eine tolle Website. Man braucht ein langfristiges Konzept und die Dinge müssen nachhaltig wirken. Es geht darum, gute Leute zu holen. Damit diese Leute aber kommen, muss man attraktive Strukturen und vielversprechende Perspektiven bieten.

Die Möglichkeit zur kontinuierlichen Forschung über Jahrzehnte hinweg muss entstehen. Das ist uns gelungen.“ Der Direktor des Instituts für Mikroskopische Anatomie und Neurobiologie an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) weiß, wovon er spricht. In der Vergangenheit baute er unter anderem an der Berliner Charité ein Forschungszentrum für Neurowissenschaften auf, war dort mit dem Cluster NeuroCure in der Exzellenzinitiative erfolgreich.

In Mainz und Frankfurt bereitete er die Gründung des Rhine-Main Neuroscience Network (rmn²) vor, das im Jahr 2010 offiziell ins Leben gerufen wurde. Seitdem arbeitet der Mediziner und Neurobiologe mit einem zusätzlichen Doktorgrad in der Philosophie unermüdlich an dessen weiteren Ausbau. „Das ist wie ein Marathonlauf“, sagt er – und lehnt sich entspannt zurück.

Das Gespräch mit Nitsch findet in einem kleinen Konferenzraum in einem 1960er-Jahre-Bau der Universitätsmedizin Mainz statt, während auf dem Gutenberg-Campus gerade ein Forschungsbau für Neurowissenschaften entsteht. Dafür wird ein älteres Gebäude von Grund auf umgekrempelt. Die Sanierung kostet rund 42 Millionen Euro. „Die Hälfte des Geldes kommt vom Bund, das haben wir kompetitiv eingeworben“, erzählt Nitsch. Spätestens 2018 soll zudem ein neues, hochmodernes Neuroimaging-Center auf dem Gelände der Mainzer Universitätsmedizin entstehen.

Beides sind Meilensteine an Nitschs Marathonstrecke. Um rmn² überhaupt zum Erfolg zu führen, musste zuerst ein eigenes Regionenkonzept her: „Mainz und Frankfurt mussten als ein Standort wahrgenommen werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft sieht das inzwischen so. Wir haben bei ihr mittlerweile zwei Sonderforschungsbereiche eingeworben und es sollen noch mehr werden. Das ist etwas Besonderes, denn solche Sonderforschungsbereiche sind hoch kompetitiv.“

Es lag im Grunde nahe, Mainz und Frankfurt als einen Forschungsstandort zusammenzuschließen. Nitsch schaut kurz auf die beiden anderen großen Zentren der Neurowissenschaften in Deutschland, auf Berlin und München, wo ebenfalls verschiedenste Institutionen an einem Strang ziehen. „Wenn Sie in Berlin von einer Universität zur anderen fahren, brauchen Sie unter Umständen mehr als eine Stunde. Da liegen Mainz und Frankfurt mit ihren Universitäten näher aneinander.

Außerdem sind wir mit dem Frankfurter Flughafen international hervorragend angebunden.“ Der Sprung über die Ländergrenze hinweg bedurfte zu Beginn einiger Überzeugungsarbeit. Mittlerweile arbeiten Rheinland-Pfalz und Hessen in Sachen rmn² Hand in Hand. Im Netzwerk finden sich 13 Partner aus beiden Bundesländern, darunter neben den Universitäten und Universitätskliniken auch einige Frankfurter Max-Planck-Institute und das Institut für Molekulare Biologie (IMB) in Mainz.

Prof. Dr. Dr. Robert Nitsch leitet das Institut für Mikroskopische Anatomie und Neurobiologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Foto: Stefan F. Sämmer

Prof. Dr. Dr. Robert Nitsch leitet das Institut für Mikroskopische Anatomie und Neurobiologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Foto: Stefan F. Sämmer

Trotz all dieser organisatorischen und wissenschaftspolitischen Fragen verliert Nitsch die konkreten Forschungsprojekte nicht aus den Augen. „In unserem Netzwerk beschäftigen wir uns zum Beispiel mit Fragen der psychischen Gesundheit: Wie bleiben wir in dieser komplexen Welt gesund? Wie kann das Gehirn den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt standhalten? Wie halten wir den permanenten Druck aus? Einige können das besser, andere schlechter. Warum?“

Das Interesse an der Beantwortung solcher Fragen ist groß. „Wir haben das Deutsche Resilienz-Zentrum gegründet, um auf diesem Gebiet zu forschen. Hervorragende Leute sind nach Mainz gekommen, um das DRZ aufzubauen.“ Nitsch nennt als Beispiel seinen Kollegen Prof. Dr. Rafael Kalisch. „Er wurde aus Hamburg berufen, wo er an einem erstklassigen Zentrum gearbeitet hat. Seinerzeit ist er mit der Hoffnung gekommen, bei uns etwas Neues aufbauen zu können.

Er hat sich auf ein echtes Risiko eingelassen und Übergangslösungen in Kauf genommen.“ Dann konnte der Neubau für das Neuroimaging-Center eingeworben werden, für das Kalisch verantwortlich zeichnet, der 2018 auf dem Campus der Unimedizin Mainz bezogen werden kann. „Im gesamten Neurobereich wurden in den letzten Jahren mehr als ein Dutzend neue Professorinnen und Professoren berufen“, sagt Nitsch.

Von diesen renommierten Forscherinnen und Forschern lebt das rmn², da ist er sich sicher. „Auch durch die Anbindung von Prof. Dr. Amparo Acker-Palmer und Prof. Dr. Jochen Röper, beide Professoren an unserer Frankfurter Partneruniversität, die demnächst auch in Mainz forschen, ist das rmn2 gelebte Realität! Es müssen aber nicht immer gleich Professoren sein. Oft haben die Doktorandinnen und Doktoranden die besten Ideen.“ Auch sie kommen zu Wort.

„Wir treffen uns zum Beispiel alle zwei Jahre in einer Jugendherberge. Da versammeln sich rund 350 Leute – und es sind vor allem Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler –, die ihre Forschung vorstellen und darüber diskutieren.“ Mit seiner ersten „rmn² lecture“ präsentierte sich das Netzwerk im Februar 2015 einer breiten Öffentlichkeit. Der relativ späte Zeitpunkt war bewusst gewählt. Hier stellte sich ein Verbund vor, der bereits große Erfolge eingefahren hatte.

Der berühmte Neurophysiologe Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolf Singer sprach über „Das Gehirn, ein sich selbst organisierendes, dynamisches System: Herausforderungen eines Paradigmenwechsels“. Das Interesse war groß, rund 900 Gäste kamen nach Frankfurt. Schon am 1. Februar 2016 wird der Neuropsychologe Prof. Dr. Jan Born aus Tübingen die nächste „rmn² lecture“ halten – diesmal zum Thema „Schlaf“.

„Wir haben der Öffentlichkeit etwas zu sagen, und wollen den Bürgerinnen und Bürgern in der Rhein-Main-Region zeigen, was wir Wissenschaftler machen“, sagt Nitsch. Und immer wieder werden Nitsch und seine Mitstreiter mit ihrer Forschung neue Meilensteine setzen. Neue Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden das Netzwerk bereichern, neue Institute werden entstehen.

„Wir sind sogar auf dem Weg, das Deutsche Resilienz-Zentrum als Leibniz-Institut zu etablieren.“ Nitschs Marathonlauf ist noch lange nicht beendet. Ein Ziel aber hat er längst erreicht: „Mainz und Frankfurt sind wirklich verbunden. Die Welt weiß, dass wir eins sind.“