»Erziehung nach Auschwitz«: Zusammenarbeit mit der Jüdischen Akademie

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Wolfgang Meseth über seine Forschung und Lehre zum Thema, die unter anderem von der Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung unterstützt wird.

Prof. Wolfgang Meseth. Foto: privat

UniReport: Herr Meseth, es gab in den vergangenen Jahren ja bei manchen die Sorge, dass das Thema »Erziehung nach Auschwitz« an der Goethe-Universität nicht mehr ausreichend erforscht werde. Die Sorge ist unbegründet, oder?

Wolfgang Meseth: Richtig. Mit der inhaltlichen Ausrichtung meiner Professur hat der Fachbereich Erziehungswissenschaften das Thema „Erziehung nach Auschwitz“ institutionalisiert. Mir obliegt seit meinem Dienstantritt die Aufgabe, die von Benjamin Ortmeyer und Micha Brumlik aufgebaute Forschungsstelle NS-Pädagogik zu leiten und das Thema „Erziehung nach Auschwitz“ am Fachbereich nachhaltig zu etablieren. Ich habe in meinem ersten Jahr hier in Frankfurt viele Gespräche geführt, Kontakte geknüpft und mir einen Überblick über die bestehenden Arbeiten in Forschung und Lehre gemacht. Das Umfeld an der Goethe-Universität ist wirklich großartig. Nicht nur bezogen auf die Forschung zu den Themen Erinnerungskultur, Erziehung nach Auschwitz oder NS-Pädagogik, sondern auch in der Stadtgesellschaft. Mit dem Historischen Museum und dem Geschichtsort Adlerwerke bestehen inzwischen gute Kooperationskontakte im Bereich Forschung und Lehre. Im Rahmen des im Frühjahr zwischen der Goethe-Universität und dem Zentralrat der Juden in Deutschland abgeschlossenen Memorandum of Understanding arbeiten wir mit der Jüdischen Akademie in Frankfurt gerade am Aufbau eines Lehr- und Forschungsforums „Erziehung nach Auschwitz“. Am Wichtigsten aber ist: Meine Arbeit an diesem Projekt wird von der Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung finanziell unterstützt. Zudem hat der Fachbereich Erziehungswissenschaften Mittel für eine wissenschaftliche Mitarbeiter*innenstelle zur Verfügung gestellt.

Wie wird die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Akademie aussehen?

Wir arbeiten gerade gemeinsam daran, die Materialsammlung der ehemaligen Forschungsstelle NS-Pädagogik fachlich neu zu sortieren. Ausgewählte Bestände sollen digitalisiert und rechtssicher für die Arbeit mit Studierenden, Multiplikator*innen der historisch-politischen Bildung und Schulklassen zugänglich gemacht werden. Die Sammlung ist inzwischen vom alten Standort im Juridicum am Campus Bockenheim in repräsentative Räume in das IKB-Gebäude an den Campus Westend gezogen. Gemeinsam mit der Jüdischen Akademie möchten wir die Forschung zum Thema „Erziehung nach Auschwitz“/“Holocaust-Education“ ausbauen, die historisch-politische Bildung im Bereich des erziehungswissenschaftlichen Hauptfachstudiums, des Lehramtsstudiums sowie in der Frankfurter Stadtgesellschaft stärken.

Das Thema »Erziehung nach Auschwitz« soll auch stärker in der Lehrerbildung verankert werden?

Nach inzwischen anderthalb Jahren, die ich nun in Frankfurt bin, muss ich feststellen, dass rassismuskritische Bildung und Antisemitismusprävention in der Lehrkräftebildung keinen systematischen Ort haben. Dies gilt auch für die Geschichte des Nationalsozialismus, die Formen der NS-Pädagogik und Propaganda, aber auch die Geschichte ihrer Aufarbeitung nach 1945. Hier besteht erheblicher Professionalisierungsbedarf. Zu betonen ist, dass sich die Professionalisierung von Lehrkräften in diesem Bereich nicht auf eine fachspezifische Domäne begrenzen lässt (z. B. Politik- oder Geschichtsdidaktik). Darauf verweisen zum einen die antisemitischen und rassistischen Gewalttaten der letzten Jahre. Zum anderen zeigen die anhaltenden Debatten über die Erinnerungskultur in Deutschland – wie z. B. jüngst die Antisemitismus-Skandale um die documenta –, dass angehende Lehrkräfte für den kompetenten Umgang mit solchen Kontroversen befähigt werden müssen. Wir beantragen gerade ein erstes Projekt, um die größten Lücken in diesem Bereich zu schließen. Für eine nachhaltige strukturelle Verankerung des Themas in der Frankfurter Lehrkräftebildung sehe ich allerdings auch das Land Hessen in der Pflicht.

Stichwort documenta: Inwiefern ist die dort aufgebrochene Debatte auch für Ihre Forschung relevant?

Die Kontroverse um die documenta 15 zeigt, dass die Gleichzeitigkeit der Artikulation von Leid- und Unrechtserfahrungen aus kolonialer Unterdrückung und rassistischer Ausbeutung einerseits und antisemitische Ausgrenzung und Vernichtung jüdischen Lebens andererseits Konflikte nach sich zieht, die die geschichtspolitischen Koordinaten in Deutschland herausfordern. Unter den Bedingungen von Migration und Flucht, von Generationenwechsel, postkolonialen Konstellationen und der Medialisierung erinnerungskultureller Themen sind solche Konflikte auch in der Schule erwartbar. Es gehört zu den großen Herausforderungen von Politik und Pädagogik, in der Annäherung an diese Leiderfahrung Anerkennungs- und Vertrauensräume zu eröffnen, in der die oft unversöhnlich verlaufenden moralischen Konflikte ethisch reflektiert und in einen Austausch der wechselseitigen Anerkennung gebracht werden. Wie dies in pädagogischen Kontexten gelingen kann, ist Aufgabe der historisch-politischen Bildung. Darüber aufzuklären, wie solche Konflikte in der pädagogischen Praxis entstehen und wie mit ihnen umgegangen wird, ist eine empirische Frage, der sich erziehungswissenschaftliche Forschung zu widmen hat. Das Lehr- und Forschungsforum möchte für diese beiden Aufgaben und Fragen den intellektuellen Rahmen bieten.

Für den Dezember ist eine Veranstaltung geplant – worum wird es gehen?

Die von uns geplante Tagung im Dezember schließt genau an diesen Problemhorizont an. Der Titel lautet: „Antisemitismusprävention und antirassistische Bildungsarbeit in transnationalisierten Erinnerungsräumen. Aktuelle Perspektiven einer ‚Erziehung nach Auschwitz‘ im interdisziplinären Gespräch“. Im Zentrum stehen folgende Fragen: Wie beziehen sich Adressat*innen, wie Lehrer*innen und Pädagog*innen auf die erinnerungspolitischen Konfliktlagen im öffentlichen Raum, welche Interaktionsdynamiken hat dies zur Folge, welche Antworten wiederum geben Konzepte zur Antisemitismusprävention und antirassistischen Bildungsarbeit auf die aktuellen Herausforderungen einer „Erziehung nach Auschwitz“? Mit Kolleg*innen aus Erziehungswissenschaft und Politischer Bildung, Geschichtsdidaktik und Politikwissenschaft diskutieren wir in einem interdisziplinären Austausch Ergebnisse der empirischen und theoretischen Forschung zum Themenfeld „Erziehung nach Auschwitz“, Erinnerungskultur. Hierbei loten wir auch die diesbezüglichen Konsequenzen für die historisch-politische Bildung aus.

Fragen: Dirk Frank

Freitag, 2. Dezember 2022

Workshoptagung
Antisemitismusprävention und rassismuskritische Bildungsarbeit in transnationalisierten Erinnerungsräumen.
Aktuelle Perspektiven einer »Erziehung nach Auschwitz«

im interdisziplinären Gespräch 9.30 bis 16.30 Uhr,
Campus Westend, Casino, Raum 1.801

Veranstalter: Fachbereich Erziehungswissenschaften, Lehr- und Forschungsforum
»Erziehung nach Auschwitz«.
Gefördert von der Georg und Franziska Speyer’schen Hochschulstiftung

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