Unsere Vorfahren würden staunen: Frauen und Arbeiterkinder im Arztkittel, Menschen mit Migrationsgeschichte in der Richterrobe und in den großen Firmen hochqualifizierte Beschäftigte aus der ganzen Welt. Dies sind Beispiele für soziostrukturellen Wandel, der Auswirkungen auf die sozialen und politischen Orientierungen der Menschen hat. Einerseits erleben wir ein hohes Maß an sozialer Mobilität und Teilhabe, andererseits nehmen auch Benachteiligungen und gesellschaftliche Konflikte zu. Was passiert da mit der Gesellschaft, und wie wirkt sich das auf den Einzelnen und das Kollektiv aus? Damit befasst sich eine neue Forschungsgruppe unter Beteiligung von Soziologie und Politologie an der Goethe-Universität.  

Prof. Dr. Daniela Grunow ist Sprecherin der neuen DFG-Forschungsgruppe RISS an der Goethe-Universität.

An der Goethe-Universität gibt es eine neue Forschungsgruppe: Wie die DFG gestern bekanntgegeben hat, kann das Projekt mit dem Titel „Rekonfiguration und Internalisierung von Sozialstruktur“ („Reconfiguration and Internalization of Social Structure“, RISS) im Herbst die Arbeit aufnehmen. Die Förderung für zunächst vier Jahre ist befürwortet worden, insgesamt erhält die Forschungsgruppe rund 3 Millionen Euro. Im Zentrum des Projekts steht der gesellschaftliche Wandel und dessen Auswirkungen in ihrer ganzen Komplexität.

Es gibt verschiedene Hypothesen dazu, wie sich der gesellschaftliche Wandel, der an so vielen Stellen zu beobachten ist, langfristig auswirken könnte: Wird die sozialstrukturelle Durchmischung von Menschen mit unterschiedlichen Gruppenzugehörigkeiten zu mehr Integration und Einigkeit führen? Oder ist eher das Gegenteil der Fall, und die Identifikation mit der Gesellschaft schwindet? Wer aufmerksam die Geschehnisse verfolgt, kann nicht übersehen: Nach Jahren einer sozial durchlässigen Sozialstruktur und erhöhter Mobilität gibt es weniger soziale und politische Stabilität als früher, nicht mehr. Die Forschungsgruppe RISS will nun eine Theorie entwickeln und empirisch testen, die die soziostrukturelle Prägung von individuellen und kollektiven Orientierungen erklären hilft. Sprecherin ist die Soziologin Prof. Dr. Daniela Grunow von der Goethe-Universität, wo auch die meisten Mitglieder der Gruppe forschen und lehren. Ko-Sprecher ist Prof. Dr. Richard Traunmüller von der Universität Mannheim.

„Die Entfremdung von demokratischen Prinzipien und die Polarisierung der Gesellschaft wird zunehmend als Problem wahrgenommen. Ich freue mich, dass an der Goethe-Universität nun mit Nachdruck daran gearbeitet wird, dieses Phänomen wissenschaftlich besser fassen zu können“, sagt Prof. Dr. Bernhard Brüne, als Vizepräsident zuständig für Forschung. „Wir gehen von einem dezidiert multidimensionalen Ansatz zur Sozialstruktur aus und wollen die Komplexität der Thematik in einer Kombination aus Sozialstrukturanalyse und Politischer Soziologie untersuchen“, erklärt Daniela Grunow, die Sprecherin der Gruppe.

Wie lassen sich eine „individualisierte“ Sozialstruktur oder das Ende der „politisierten“ Sozialstruktur mit der menschlichen Neigung zur Gruppenbildung und den gegenwärtigen soziopolitischen Konflikten vereinbaren? Die Komplexität dieser Fragestellung, so Grunow, werde bislang von der Forschung nicht ausreichend abgebildet. Die Forschungsgruppe schlägt eine neue analytische Perspektive vor. „Obwohl sich die Sozialstruktur dramatisch verändert hat, hat sie nichts von ihrer prägenden Kraft eingebüßt. Statt einer Auflösung der Sozialstruktur erleben wir ihre grundlegende Rekonfiguration sowie eine veränderte Internalisierung von Sozialpositionen und Gruppenzugehörigkeiten“, erläutert die Soziologin. Um diese Transformationen zu begreifen, sollen die neuartigen Sozialstrukturen daraufhin untersucht werden, wie sie Sichtweisen, Überzeugungen und Präferenzen prägen. Bislang konzentriere sich die Forschung auf einzelne strukturelle Dimensionen wie Bildungserfolg, sozioökonomischer Status, Geschlechterverhältnis oder Migration und ethnische Vielfalt. Es sei jedoch notwendig zu verstehen, wie sich Wandel in diesen Einzeldimensionen verschränkt und umfassende Rekonfigurationen der Sozialstruktur bedingt. Die Initiative des breit angelegten Projekts geht von InFER aus, dem Institut für empirisch-analytische Forschung an der Goethe-Universität. InFER ist 2016 von Prof. Dr. Grunow und ihren Kolleginnen und Kollegen gegründet worden, insgesamt sind rund ein Dutzend Professorinnen und Professoren der Goethe-Universität mit ihren Teams daran beteiligt. Ziel des Instituts ist es, empirisch-analytische Forschung zu sozialem Wandel, sozialer Ungleichheit sowie politischer Partizipation und Repräsentation zu stärken. InFER wird die neue Forschergruppe vor allem infrastrukturell unterstützen.