Sarah Speck spricht im Interview über die Folgen der Corona-Krise für die Arbeitswelt aus geschlechtersoziologischer Sicht.

Frau Professorin Speck, stellt die Corona-Krise eigentlich ein dankbares Forschungsthema dar für eine Soziologin?

Ja, die Pandemie ist ein hochspannendes Forschungsthema mit ganz vielen Facetten. Eine Krise ist ja soziologisch betrachtet ein Aussetzen von Routinen, somit lernen wir viel darüber, wie die Gesellschaft im ‚Normalzustand‘ funktioniert und was Krisenbewältigung bedeutet. Die Vielschichtigkeit der Krise zeigt der gerade erschienene Sammelband „Die Corona-Gesellschaft“ gut auf – die Themen reichen von raumtheoretischen Fragen über Mobilität und Klima bis hin zu Migration und Geschlechterpolitik.

Sarah Speck ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität. (Foto: Sven Ehlers)

Das Buch erscheint zu einem recht frühen Zeitpunkt, vieles ist noch in Bewegung: Hat das ein Problem dargestellt?

Das Buch versucht in der Tat bereits nach einem vergleichsweise kurzen Beobachtungszeitraum,  Reflexionsangebote und sozialwissenschaftliche Deutungen zur Verfügung zu stellen. Wir wissen noch nicht, wie die Pandemie verlaufen, wann der Impfstoff verfügbar sein wird. Daher ist die Unsicherheit auch ein großes Thema in den verschiedenen Aufsätzen. Die Publikation basiert auf ersten Überlegungen und Untersuchungen, wir müssen die sozialen Folgen der Pandemie weiter untersuchen. Ich habe daher wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen an Forschungsanträgen gebastelt, um über die entsprechenden Ressourcen zu verfügen und weiter an diesen Fragen forschen zu können. 

Viele Arbeitgeber zeigen seit der Corona-Krise mehr Offenheit, Homeoffice zuzulassen – eigentlich eine positive Entwicklung, oder?

Die Frage, wie flexibel gearbeitet werden kann, ist im Kontext von Gleichstellungspolitik viel diskutiert worden. Plötzlich wurde bundesweit auf breiter Ebene auf Homeoffice und Telearbeit umgestellt. Das sind auf jeden Fall neue Möglichkeitsräume für die Arbeitswelt, die sich langfristig durch die Maßnahmen zur Krise verändern wird, davon ist auszugehen. Aus arbeits- und geschlechtersoziologischer Sicht sind das aber ambivalente Effekte. 

Sie haben im Rahmen einer explorativen, qualitativen Studie Menschen nach ihrer Bewältigung des Alltags der Corona-Krise gefragt. Wer wurde befragt, was sind die Ergebnisse?

Ich habe mit meinem Team bereits im März eine Untersuchung durchgeführt, nicht nur zum Thema Homeoffice, sondern insgesamt zur Frage, welche Problemlagen für die Menschen durch die Corona-Krise entstehen. „Neuordnung des Privaten“ lautet der Titel der Untersuchung. Die zentrale Frage lautet: Was passiert eigentlich, wenn ein Großteil des Lebens für viele ins Private verlagert wird? Wir haben versucht, in kurzer Zeit möglichst viele Interviews mit Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen zu führen: mit Familien, Wohngemeinschaften, mit Menschen aus unterschiedlichen und auch „systemrelevanten“ Berufsgruppen, aber auch mit Arbeitslosen und mit Menschen ohne Aufenthaltsstatus. Eine der Fragen, die wie in dieser Untersuchung bearbeiten ist, wie die geschlechterdifferenzierende Arbeitsteilung aussieht, vor allem im Hinblick auf die Situation des Homeoffice.

Die Kernthese lautet: Frauen tragen die Hauptlast der Umstellung auf Homeoffice.

So jedenfalls lautet das vorläufige Ergebnis unserer qualitativen Untersuchung. Es gibt auch quantitative Untersuchungen, die diese These stützen, allerdings auch widersprüchliche Ergebnisse aus anderen Studien. So haben sich insgesamt auch Männer stärker an der häuslichen Arbeit beteiligt. Das ganze Phänomen muss also noch genauer beleuchtet werden. Was sich aber grundsätzlich zeigt: Es fällt viel mehr Arbeit an, wenn alle Zuhause sind. Im Zuge der Krise ist deutlich geworden, welch großer Anteil der Reproduktions- und Sorgearbeit im ‚normalen‘ Alltag inzwischen ausgelagert wird. Dieser gewaltige Berg an Arbeit wird in der Corona-Krise ungleich abgetragen, nämlich entlang von geschlechtlichen Mustern. Frauen haben ihre Erwerbsarbeit reduziert, was auch damit zu tun hat, dass viele Frauen in Teilzeit arbeiten und in heterosexuellen Familien oftmals die Erwerbsarbeit des Mannes als wichtiger gilt – auch aufgrund des höheren Verdienstes. Neben der Hausarbeit schultern Frauen auch zu großen Teilen das Homeschooling.. Homeoffice bedeutet also nicht für alle das Gleiche. 

Auch im wissenschaftlichen Kontext lässt sich diese unterschiedliche Belastung beobachten.

Die Verlautbarung, dass sich im Zuge des Lockdowns bei der Zahl eingereichter Peer-reviewed-Artikel derart große Unterschiede gezeigt haben, hat für einige Aufregung gesorgt: Während bei Männern die Ruhe und Hausgebundenheit wohl zu einer erhöhten Produktivität geführt hat, ist es bei Frauen genau umgekehrt. Auch wenn dieser Aspekt noch genauer untersucht werden muss, scheint festzustehen, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ohne Sorgeverpflichtung diese Zeit insgesamt gut nutzen konnten und können. An diesem Beispiel sieht man zugleich, dass es sich nicht nur um eine temporäre Belastung handelt – wir sprechen hier über Auswirkungen auf das weitere berufliche Fortkommen in der Wissenschaftswelt, auf die Chance auf eine Professur, auf den Erfolg von Anträgen etc. Das sind also mittel- und langfristige Effekte der Ungleichheit.

Unternehmen werden künftig aus Gründen der Ressourceneinsparung möglicherweise verstärkt mit Homeoffice planen. Droht aus Ihrer Sicht die Gefahr einer Re-Traditionalisierung durch Corona?

Das formuliere ich am Ende meines Beitrages als offene Frage, dies wird weiter zu beobachten sein. Aber es ist damit zu rechnen, dass es mit der Verlagerung der Arbeit ins Private verstärkt zu verschiedenen Formen der Ausbeutung von Arbeitskraft kommt. Die Nutzung von Räumen und Arbeitsmitteln fällt den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu. Die Digitalisierung wird die Transformation der Arbeitsprozesse auch in dieser Hinsicht verändern. Insgesamt weiß man, dass solche Pandemien soziale Ungleichheiten verschärfen. Bei Ebola und SARS war es nicht anders. Im Zuge des Lockdowns war das schon sehr sichtbar bei Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben.

Verbinden Sie Ihre Untersuchungen mit politischen Forderungen?

Ich glaube, dass Wissenschaftskommunikation ein ganz zentraler Bestandteil der Forschung sein muss. Es geht darum, auf der Grundlage unserer Ergebnisse politische Maßnahmen zu entwickeln. Es wurden zur Eindämmung der Pandemie weitgreifende Maßnahmen ergriffen, die grundsätzlich sicherlich gerechtfertigt und richtig waren und sind. Aber es muss künftig auch stärker darauf geschaut werden, welche Folgen diese Maßnahmen für die Ungleichheit in der Gesellschaft haben. Da muss die Wissenschaft sich unbedingt noch stärker einbringen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass die aufgeworfenen geschlechtersoziologischen Fragen auch für die Universität sehr relevant sind. Innerhalb kürzester Zeit mussten im vergangenen Sommersemester alle Lehrenden ins Homeoffice umziehen. Insbesondere Lehrende mit Kleinkindern und Sorgeverpflichtungen waren großen Belastungen ausgesetzt und mussten weitgehend individuell nach Lösungswegen suchen. Die Universität sollte sich mit diesen Fragen weiter beschäftigen. 

Sarah Speck: Zuhause arbeiten. Eine geschlechtersoziologische Betrachtung des ‚Homeoffice‘ im Kontext der Corona-Krise. In: Michael Volkmer, Karin Werner (Hg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. Bielefeld: transcript 2020, S. 135-141.

Weitere Beiträgerinnen und Beiträger sind unter anderem Stephan Lessenich, Andreas Reckwitz, Ulrike Guérot und Herfried Münkler.