Die Goethe-Universität hat drei neue LOEWE-Schwerpunkte unter ihrer Federführung eingeworben. Auch der formal vom FIAS beantragte Schwerpunkt CMMS – Mehrskalen-Modellierung in den Lebenswissenschaften liegt in der Federführung Frankfurter Wissenschaftler. Für die vier Schwerpunkte stehen in den nächsten vier Jahren rund 16,5 Millionen Euro zur Verfügung. Zudem ist die Goethe-Universität an zwei weiteren Schwerpunkten als Antragstellerin beteiligt, die beide ein finanzielles Gesamtvolumen von 8,9 Mio. Euro umfassen.

Die Vizepräsidentin für Forschung Prof. Dr. Simone Fulda: „Identität, Migration und Dimensionen von Ordnung sowie Klimawandel und ein besseres Verständnis biologischer Prozesse dank künstlicher Intelligenz: die Goethe-Universität und ihre Partner forschen intensiv zu Themen von höchster gesellschaftlicher Relevanz.“

Universitätspräsidentin Prof. Dr. Birgitta Wolff ergänzt: „Die neuen LOEWE-Schwerpunkte zeigen auch, dass sich die intensivierte Kooperationskultur zwischen den hessischen Universitäten und weiteren Forschungseinrichtungen bewährt. Der Erfolg lädt ein zu mehr. Glückwunsch an alle, die diese Anträge zum Erfolg geführt haben!“

Neue LOEWE-Schwerpunkte unter Federführung der Goethe-Universität:

LOEWE- Schwerpunkt: Vergangene Warmzeiten als natürliche Analoge unserer „hoch-CO2“-Klimazukunft (VeWa)

Was erwartet uns, wenn sich der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre gegenüber dem Wert der vorindustriellen Zeit nahezu verdoppelt? Nach Schätzungen des Internationalen Klimarats IPCC ist mit einem solchen extremen Treibhausklima noch in diesem Jahrhundert zu rechnen. In der Geschichte der Erde gab es vergleichbar hohe CO2-Werte zuletzt vor mehr als 35 Millionen Jahren, im Paläogen. Im Projekt VeWa unter Federführung der Goethe-Universität haben sich Geologen, Biologen, Geografen und Klimamodellierer zusammen­geschlossen, um das Paläoklima und die Paläoumwelt quantitativ zu erforschen, idealerweise in bis zu saisonaler Auflösung. „Der Rückblick in die Vergangenheit ist für uns zugleich ein Fenster zur Zukunft unseres Planeten“, erläutert der Sprecher des Projekts, Prof.  Wolfgang Müller vom Institut für Geowissenschaften. Als Klimaarchive nutzen er und seine Projektpartner in der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) die Zusammensetzung mariner Organismen. Ebenso untersuchen sie die Sedimente am Land, u.a. aus der hessischen Welterbe-Stätte Messel. Daraus wollen sie das Klima, die Chemie des Ozeans und die Entwicklung der Artenvielfalt auf dem Land und im Meer ableiten. Die Ergebnisse sollen in einer Mitmach-Ausstellung im Senckenberg Museum für Laien verständlich präsentiert werden.

LOEWE-Schwerpunkt: Minderheitenstudien: Sprache und Identität

Wie interagieren die identitätsbedingenden Faktoren (Sprache, Religion, kulturelles Erbe etc.) miteinander im Kontext der Migration von Minderheiten? Dieser Frage wird der LOEWE-Schwerpunkt „Minderheitenstudien: Sprache und Identität“ unter Federführung der Goethe-Universität auf den Grund gehen. Seit 2015 erlebt Europa die massivste Einwanderungswelle seit dem Zweiten Weltkrieg.  Viele Menschen verlassen ihre Heimat, weil sie dort als Minderheiten verfolgt und unterdrückt werden. Durch die Einwanderung in eine für sie neue Gesellschaft ändert sich ihre Situation: Von einer Minderheit im eigenen Land werden sie zusätzlich zu einer Minderheit im fremden Land. Ist die sprachliche, religiöse, ethnische und kulturelle Identität einer Minderheit im Herkunftsland gemeinhin auf einer Ebene angesiedelt, kommt durch die Einwanderung in ein fremdes Land eine neue Ebene hinzu. Die Menschen müssen sich gegenüber einer neuen Mehrheit als Minderheit definieren, zugleich bleibt jedoch der Minderheitsstatus gegenüber der Mehrheit im Herkunftsland, die ebenfalls eingewandert ist. Diese Problematik will der LOEWE-Schwerpunkt „Minderheitenstudien: Sprache und Identität“ erforschen. „Insbesondere geht es um die Frage, inwieweit die Wechselwirkung zwischen Selbst- und Fremdsicht zu einem Identitätswandel im Zielland führen kann“, erklärt der Linguist Prof. Jost Gippert, der Sprecher des Schwerpunktes sein wird. Dabei verfolge das Projekt einen interdisziplinären Ansatz, der die Felder Sprache, Geschichte und Gesellschaft einbezieht. Außer der Goethe-Universität Frankfurt am Main sind die Philipps-Universität Marburg ist die Justus-Liebig-Universität Gießen beteiligt.

LOEWE-Schwerpunkt: Architekturen des Ordnens

Der Begriff der Architektur bezieht sich längst nicht mehr nur auf Gebilde aus Holz, Stein, Stahl und Beton und auf deren Zustandekommen: Auch in Diskursen über Ordnung und Rationalität spielt er eine wichtige Rolle. So ist oft von „Medien-“ oder „Sicherheitsarchitektur“ die Rede oder von der „Architektur der europäischen Außenpolitik“; die Philosophie spricht von „Gedankengebäuden“, große Unternehmen von der „Corporate Architecture“. Der geplante LOEWE-Schwerpunkt „Architekturen des Ordnens“ unter Federführung der Goethe-Universität untersucht, welche Bedeutung Architektur für die Bildung von gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Ordnungskonzepten hat – und wie diese Ordnungskonzepte wiederum auf den Architekturdiskurs und dessen Ordnungsbegriffe zurückwirkt.  „Die beteiligten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gehen der Frage nach, wie Architektur Ordnungen hervorbringt, wie sie auf nichtarchitektonische Ordnungsnarrative wirkt und wie sich beide Sphären gegenseitig beeinflussen“, erklärt der Kunsthistoriker Prof. Carsten Ruhl, der als Sprecher des Schwerpunkts auftritt. Langfristig solle die LOEWE-Förderung der Ausgangspunkt für ein international sichtbares architekturwissenschaftliches Profil im Rhein-Main-Gebiet sein. Am Schwerpunkt beteiligt sind außer Ruhls Kunstgeschichtliches Institut am Fachbereich Sprach- und Kulturwissenschaften der Goethe-Universität das Fachgebiet Architektur- und Kunstgeschichte der Technischen Universität Darmstadt, das Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte (Frankfurt) sowie das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt.

Zudem ist die Goethe-Universität an folgenden weiteren LOEWE-Schwerpunkten als Antragspartner beteiligt.

LOEWE-Schwerpunkt: CMMS – Mehrskalen-Modellierung in den Lebenswissenschaften.

Wie kann man komplexe biologische Systeme besser verstehen?  Eine quantitative Erfassung der Eigenschaften biologischer Systeme auf unterschiedlichen Skalen ermöglicht mathematische Modelle. Daher erforscht der beantragte LOEWE-Schwerpunkt CMMS neue Ansätze für Datenorganisation, Algorithmen und Experimente etwa zur Bestimmung der notwendigen Parameter oder zur Verifikation des Modells. Diese Computermodelle helfen, die Funktionsweise von Organismen zu verstehen und medizinische Möglichkeiten und biotechnologischen Methoden zu entwickeln. Zusätzlich soll ein Graduierten-Programm aufgebaut werden. Federführung: Frankfurt Institute for Advanced Studies, Antragspartner: Goethe-Universität Frankfurt sowie Max-Planck-Institut für Biophysik und Max-Planck-Institut für Hirnforschung (beide Frankfurt).

LOEWE-Schwerpunkt: GLUE – G protein-coupled receptor Ligands for Underexplored Epitopes.

Lassen sich mit alternativen Bindestellen Medikamente mit geringeren Nebenwirkungen entwickeln? Rund ein Drittel aller zugelassenen Arzneimittel wirkt über so genannte G-Protein-gekoppelte Rezeptoren. Weil körpereigene Hormone oder Neurotransmitter an denselben Stellen andocken, steigt die Gefahr von Nebenwirkungen. Das beantragte LOEWE-Forschungsprojekt will alternative Bindetaschen für die Wirkstoffentwicklung erforschen. Ein Alleinstellungsmerkmal des Projekts ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Arbeitsgruppen der computergestützten Wirkstoffforschung, der pharmazeutischen Chemie, Biochemie, Strukturbiologie und Pharmakologie.Federführung: Philipps-Universität Marburg, Antragspartner: Goethe-Universität Frankfurt, Max-Planck-Institut für Herz und Lungenforschung (Bad Nauheim), Technische Universität Darmstadt.

LOEWE-Schwerpunkt: TRABITA – Transiente Bindungstaschen für die Wirkstoffentwicklung.

Wie entwickelt man Wirkstoffe für pharmakologisch bisher unzugängliche Proteine? Medikamente wirken in der Regel durch Bindung an krankheitsrelevante Proteine. Dafür ist es wichtig, die Struktur eines bestimmten Bindungsorts in diesen Proteinen –der sogenannten Bindungstasche – zu verstehen. Viele Proteine sind jedoch flexibel. Wenn es gelingt, Medikamente für solche „transienten Bindetaschen“ zu entwickeln, weisen diese oft deutlich verbesserte Eigenschaften auf. Der beantragte LOEWE-Schwerpunkt „TRABITA“ soll Ansätze dafür entwickeln.Federführung: Technische Universität Darmstadt, Antragspartner: Goethe-Universität Frankfurt, Hochschule Darmstadt.