Jolanta Gelumbeckaitė; Foto: Dettmar

Jolanta Gelumbeckaitė; Foto: Dettmar

Seit 2005 werden an der Goethe-Universität am Institut für Empirische Sprachwissenschaft auch die baltischen Sprachen gelehrt. Seit diesem Semester kann man auch einen Abschluss in Baltistik machen, nämlich im Rahmen eines Schwerpunktstudiums. Englisch, Französisch, Spanisch – diese Sprachen werden von vielen Millionen Menschen auf der Welt gesprochen, von vielen Millionen Menschen auf der Welt gelernt. Doch auch „kleine Sprachen“ haben viel zu bieten:

Wer sich zum Beispiel mit dem Baltischen beschäftigt, kommt dem Ursprung aller Indogermanischen Sprachen sehr nahe und lernt viel darüber, wie Sprache an sich funktioniert. Doch der Stellenwert solcher kleiner Sprachen muss immer wieder publik gemacht werden. „Das Litauische ist eine der wenigen lebenden Sprachen, die sich die Komplexität des Indogermanischen erhalten haben“, sagt Jolanta Gelumbeckaitė, die seit März 2013 als Juniorprofessorin am Institut für Vergleichende Sprachwissenschaften des Fachbereichs Sprach- und Kulturwissenschaften der Goethe-Universität tätig ist.

„Wenn man hören möchte, wie Indogermanisch geklungen haben könnte, sollte sich mit den baltischen Sprachen beschäftigen“, so Gelumbeckaitė. Lettisch, Litauisch und das ausgestorbene Altpreußische – sie weisen einen Formenreichtum auf, wie er im Deutschen allenfalls in seiner frühen Stufe, dem Althochdeutschen, zu finden ist. Ein interessanter Forschungsgegenstand – auch wenn es nur rund fünf Millionen Sprecher des Baltischen gibt. Das Indogermanische selbst existiert nur als Konstrukt.

Estland gehört übrigens zwar geographisch zum Baltikum, das Estnische jedoch ist eine finno-ugrische Sprache, die mit dem Indogermanischen nicht verwandt ist. Nach der Öffnung der osteuropäischen Grenzen war die Euphorie zunächst groß, und es gab viel Unterstützung für die osteuropäischen Philologien. Das habe sich inzwischen grundlegend geändert, sagt Jolanta Gelumbeckaitė. Aus finanziellen Gründen mussten etliche Angebote wieder eingestellt werden, so etwa an der Universität Münster.

In Greifswald kann man zwar noch Baltistik studieren, allerdings mit stark kulturwissenschaftlicher Ausrichtung. Nach Frankfurt gelangte die Baltistik mit Jolanta Gelumbeckaitė: Die gebürtige Litauerin kam 2005 als Gastdozentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an den Main. Ob sie hier dauerhaft lehren und forschen kann, ist jedoch nicht gesichert, da ihre Juniorprofessur in wenigen Semestern ausläuft. Zumindest das Lektorat, das jüngst neu besetzt wurde, ist bis 2021 in trockenen Tüchern.

Finanziert wird es vom litauischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft und vom Europäischen Sozialfonds (ESF) – aus EU-Geldern. „Ohne das Geld aus Litauen hätten wir den Schwerpunkt nicht machen können“, so die Professorin. Den Studierenden war dies aber wichtig: Sie wollten ihre Sprachkenntnisse auch auf dem Zeugnis wiederfinden. Gelumbeckaitė selbst hat ihren Schwerpunkt in der litauischen historischen Grammatik, der Schriftlinguistik und der Textphilologie.

Ihre kritische kommentierte Edition des ältesten litauischen Codex, der sogenannten Wolfenbütteler Postille von 1573, ist inzwischen maßgeblich für die Erforschung altlitauischer und altbaltischer Texte. In einem Projekt erarbeitet Gelumbeckaitė außerdem ein altlitauisches Referenzkorpus, das als Grundlage für eine Grammatik des Altlitauischen sowie für ein diachrones Wörterbuch des Litauischen dienen soll. Gelumbeckaitės Lehrtätigkeit umfasst theoretische und praktische Kurse der Baltistik und Lituanistik sowie die Textphilologie.

Gewiss, die Wissenschaft ist nur für sehr, sehr wenige Absolventen eine Option. Aber es gibt auch andere Anwendungsmöglichkeiten, etwa im Bereich der Politik. Um sich möglichst früh im Studium zu orientieren, können die Studierenden bei der Suche nach Praktikumsplätzen Unterstützung bekommen. Hilfreich ist hierbei auch die Partnerschaft des Frankfurter Fachbereichs Rechtswissenschaft mit der Juristischen Fakultät in Vilnius. Zudem soll der Schwerpunkt zu einem internationalen Studiengang ausgebaut werden, so dass die Studierenden auch in Pisa und Stockholm, wo ebenfalls Baltistik angeboten wird, Kurse belegen können.

An der Universität Vilnius können die Studierenden eine sprachpraktische Prüfung ablegen. „Ohne die Zusammenarbeit mit anderen Unis ist es schwierig, die Qualität zu halten“, so Gelumbeckaitė. Längst seien es nicht mehr nur diejenigen, die „eine Oma aus Ostpreußen“ haben, die sich für ein Studium der Baltistik entscheiden, sondern auch einfach junge Leute, die einen breiteren Blick auf die Welt suchten. Ein Massenstudienfach wird Baltistik dennoch nicht werden, die Zahl der Studierenden bleibt überschaubar und das Studium somit weiterhin maßgeschneidert.